Politik „Wir leben im Wilden Westen“
Mit Cyberattacken können Flughäfen, Krankenhäuser und sogar Atomkraftwerke lahmgelegt werden – davor warnt der italienische Philosoph Luciano Floridi (50) in seinem Buch „The fourth Revolution“ (Die vierte Revolution). Er fordert Konventionen für den Umgang mit E-Waffen, wie es sie für Bio-, Chemie- und Atomwaffen schon gibt. Sebastian Eder sprach mit Floridi.
Das ist schwer zu sagen, es war auf jeden Fall ein passender Zufall. Das Hauptmerkmal von Cyberattacken ist, dass die Truppen unsichtbar sind. Früher hat man Panzer gesehen, da wusste man, was los ist. Wieso kann man bei Cyberattacken fast nie nachvollziehen, woher die Angreifer kommen? Selbst in der Ukraine-Krise ist unklar, ob russische Soldaten im Einsatz sind oder nicht, weil sie keine Abzeichen tragen. Russland arbeitet mit einer Taktik, die Geheimdienste im Internet perfektioniert haben: Jeder Angriff muss glaubwürdig zu leugnen sein. Wenn es so schwierig ist, die Herkunft von Bodentruppen festzustellen, wie schwer ist es erst im Internet? Als der Computerwurm „Stuxnet“ 2010 das iranische Atomprogramm weit zurückwarf, wusste jeder, dass das die Amerikaner waren. Beweise gab es nicht. Edward Snowden hat aufgedeckt, dass die US-Geheimdienste mit sogenannten „Botnets“ arbeiten. Wie Kriminelle installieren sie dafür heimlich „Bots“ auf fremden Computern und nutzen diese dann für ihre Zwecke. Könnte von meinem PC Iran angegriffen werden? Technisch ist das möglich. Es ist, als würde man jemand anderen dazu zwingen, ein Verbrechen zu begehen, um dann leugnen zu können, damit etwas zu tun zu haben. Der Unterschied ist, dass die Person, die in eine Cyberattacke eingebunden wird, davon nichts mitbekommt. Gibt es denn irgendwelche rechtlichen Grundlagen für solche Angriffe? Die Gesetze hinken dem technischen Fortschritt hinterher. Deswegen sind solche Angriffe oft weder legal noch illegal, es ist eine Grauzone. Es müsste wie bei Chemie-, Bio- und Atomwaffen eine Genfer Konvention geschaffen werden. Im Moment leben wir im Wilden Westen. Cyberattacken mit Atomangriffen gleichzusetzen ist aber doch etwas überzogen, oder? Natürlich. Aber die Vorstellung, dass im Cyberkrieg kein Blut fließen kann, ist falsch. Mit Cyberattacken können Flughäfen, Krankenhäuser und Atomkraftwerke lahmgelegt werden. Das kann genauso tödlich sein wie ein Kopfschuss. Leider wurden Chemie-, Bio- und Atomwaffen erst geächtet, nachdem es einmal zur Katastrophe gekommen war. Ich bin skeptisch, dass es diesmal anders läuft. Die Geschichte hat gezeigt, dass Menschen nur auf dem harten Weg lernen. Was müsste denn in einer Konvention für E-Waffen festgelegt werden? Wir brauchen ein unabhängiges Kontrollgremium. Darin müssen hoch qualifizierte Experten sitzen, die ein System entwickeln, wie elektronische Waffen reguliert werden können. Das Desaster steht vor der Tür, noch könnte es verhindert werden. Warum sollte sich jemand an das Abkommen halten, wenn Angriffe doch sowieso nicht zurückverfolgbar sind? Wenn es Regeln gäbe, wäre jede anonyme Attacke ein Terroranschlag. Natürlich würde es weiter Regelbrüche geben, die gibt es auch mit Chemiewaffen. Aber immerhin gibt es da klare Regeln und Strafen. Im Internet sind bisher nicht mal die Regeln klar. Für die Kontrolle der Geheimdienste sind parlamentarische Gremien zuständig. Reicht das nicht? Das Kernproblem ist, dass die Gremien die Informationen von den Geheimdiensten bekommen, die sie dann kontrollieren sollen. Es ist wie in der Pubertät: Teenager erzählen immer nur einen Teil davon, was sie in der letzten Nacht gemacht haben. Trotzdem sind die Eltern für ihre Kinder verantwortlich. Und auch Regierungen können sich nicht damit aus der Affäre ziehen, zu sagen: „Wir wussten von nichts.“ Es ist ihre Aufgabe, zu wissen, was die eigenen Geheimdienste machen. Der Computer, das Internet und das Navigationssatellitensystem GPS sind aus militärischen Projekten entstanden. Sollte sich der normale Nutzer das öfter bewusst machen? Ja, Computer wurden für den Krieg entwickelt, man muss sich also nicht wundern, wenn sie in Kriegen eingesetzt werden. Der amerikanische Geheimdienst hat in Pakistan zwischen 2004 und 2012 mehr als 2400 Menschen mit Drohnen getötet. Es gibt sogar schon Roboter, die selbst entscheiden, wann sie schießen. Was bedeutet das? Je moderner Waffen geworden sind, desto weiter haben sich die Feinde voneinander entfernt: Es fing mit Steinen an, dann kamen Speere, Pfeil und Bogen, Gewehre, zuletzt Drohnen. Heute sind die Feinde so weit voneinander weg, dass sie sich nicht mehr als Menschen wahrnehmen. Krieg ist immer eine Tragödie, aber diese Enthumanisierung empfinde ich als noch ein Stück tragischer als herkömmliche Schlachten. Vielleicht wird Krieg irgendwann zu einer Art Schachspiel, in dem Drohnen andere Drohnen zerstören. Im Moment töten Drohnen Menschen, das ist unmenschlich und müsste verboten werden. Mir ist aber klar, dass das niemals passieren wird.