Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Winter im syrischen Flüchtlingslager: Irgendwie überstehen

Mohammed mit einem seiner Kinder im kalten Zelt. Seit drei Jahren ist er mit seiner Familie auf der Flucht.
Mohammed mit einem seiner Kinder im kalten Zelt. Seit drei Jahren ist er mit seiner Familie auf der Flucht.

In der nordsyrischen Provinz Idlib sind drei Millionen Flüchtlinge gestrandet. Einer davon ist Mohammed. Er träumt aber nicht von der Flucht nach Deutschland. Seinen Besuchern im Lager nahe der türkischen Grenze erzählt er eine andere Geschichte.

Im Zelt herrscht penible Ordnung. Matratzen und Decken sind in einer Ecke gestapelt, die Teppiche auf dem nackten Lehmboden sind sauber gefegt. Etwa 20 Quadratmeter groß ist das Zuhause der Familie von Mohammed, einem ehemaligen Lastwagenfahrer aus der syrischen Stadt Ma’arat al-Numan. Seit drei Jahren ist Mohammed mit seiner Frau und seinen drei Kindern auf der Flucht, seit einem Jahr hausen sie in diesem dünnen Zelt außerhalb der syrischen Kleinstadt Sarmada nahe der türkischen Grenze.

Eine nackte Glühbirne hängt an der Zeltdecke, geheizt wird mit einem Holzofen – wenn Mohammed genug Feuerholz finden kann. Heute war das nicht so. „Wir haben nur ein paar Abfälle gefunden“, sagt Mohammed. Manchmal verbrennen sie auch Plastikmüll. Der Rauch ist dann schwarz, dick und giftig.

Eine Toilette für 15 Familien

An diesem kalten Dezembertag ist auch der Ofen kalt. Mohammed sitzt mit Jacke und Mütze in seinem Zelt; zwei seiner Kinder sind bei ihm, auch sie tragen Mützen. Die britische Hilfsorganisation Hihfad hat den Kontakt zu Mohammed über Skype vermittelt – und damit einen Blick in den traurigen Alltag der Familie ermöglicht. Ihr Zelt steht in einem Flüchtlingslager für etwa 100 Familien, etwa 80 Kilometer nördlich von Mohammeds Heimatstadt Ma’arat al-Numan. Im Lager teilen sich im Schnitt etwa 15 Familien eine Toilette – und damit geht es den Flüchtlingen noch relativ gut. „In anderen Lagern gibt es nur ein Loch im Boden“, sagt Omar al-Akraa, der das Lager in Sarmada betreut.

Immerhin weiß Mohammed seine Familie in Sicherheit, zumindest vorerst. In der Provinz Idlib, der letzten Rebellenhochburg nach fast zehn Jahren Krieg in Syrien, drängen sich etwa drei Millionen Menschen, die vor den Truppen von Machthaber Baschar al-Assad und seinen russischen Verbündeten geflohen sind. Ein Vormarsch von Assads Armee wurde im Frühjahr 2020 gestoppt, nachdem Ankara in Moskau interveniert und eine Vereinbarung über das vorläufige Ende des Angriffs erreicht hatte. Die Türkei, die mehr als drei Millionen Syrer versorgt, befürchtete einen weiteren Massenansturm von Flüchtlingen aus Idlib.

Deutschland wollte sich beteiligen

Die Regierung in Ankara wollte daher feste Notbehausungen auf syrischem Boden in Idlib errichten, um die Flüchtlinge dort besser unterbringen zu können – und damit sie dort bleiben. Deutschland wollte sich mit 25 Millionen Euro beteiligen, doch wegen der immer wieder aufflammenden Kämpfe ist daraus nichts geworden.

Von Sarmada aus sind es nur wenige Kilometer zur geschlossenen türkischen Grenze. In dieser Gegend fühlten sich die Menschen sicherer als in anderen Teilen von Idlib, sagt Hihfad-Helfer Akraa. Mehr als 1000 große und kleine Flüchtlingslager gibt es in Idlib. Manche Vertriebenen wie Mohammed schlafen in Zelten, die sie von den Hilfswerken der Vereinten Nationen (UN) erhalten haben, andere in Bauruinen. Der Winter wird hart für die Menschen unter den dünnen Zeltplanen und in den zugigen Verschlägen. Die Temperaturen fallen nachts bis auf den Gefrierpunkt, und es regnet häufig. Die Äcker, auf denen die Zelte stehen, versinken dann im Schlamm.

Der Unterschenkel fehlt

In Sarmada werden die Flüchtlinge außer von Hihfad noch von einer japanischen Hilfsorganisation und den UN unterstützt. Die Menschen erhalten Wasser, Lebensmittel und ein wenig Bargeld, um sich das Nötigste kaufen zu können. Mehr als diese bescheidene Grundversorgung ist für Flüchtlinge wie Mohammed aber unerreichbar. Selbst wenn es Jobs in der Gegend gäbe, hätte er vermutlich Probleme, etwas zu finden: Eine Explosion bei einem Luftangriff unmittelbar vor seiner Flucht hatte ihm den linken Unterschenkel weggerissen. „Hier“, sagt er, schnallt seine Prothese ab und hält sie in die Kamera.

Mohammed kann nichts tun außer warten, dass der Krieg in seinem Land irgendwann einmal zu Ende geht, und hoffen, dass Assads Truppen nicht doch wieder vorrücken. Die Erfahrung aus den langen Jahren des Krieges seit 2011 versprechen allerdings nichts Gutes. Allein zwischen dem Dezember 2019 und Anfang März 2020 wurden nach UN-Zählung fast eine Million Menschen durch die Gefechte im Nordwesten Syriens vertrieben. Vier von fünf der Geflüchteten waren Frauen oder Kinder. Wie Millionen anderer Verzweifelter suchen sie seitdem Schutz an der Grenze zur Türkei.

Immer wieder Explosionen

Der syrische Machthaber Assad beharrt unterdessen auf seinem Ziel, Idlib wieder unter die Kontrolle seiner Regierung zu stellen. Die militärische Lage im Nordwesten Syriens ist deshalb trotz der Waffenstillstandsvereinbarung vom Frühjahr nicht stabil. Fast jeden Tag gibt es Meldungen über Angriffe, Explosionen und Anschläge. Türkische Soldaten haben nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte fünf ihrer ursprünglich zwölf Stützpunkte in Idlib aufgegeben, weil sie dort unter Beschuss geraten waren. Auch in der seit 2018 von der Türkei kontrollierten Gegend um Afrin nordöstlich von Idlib brechen immer wieder Gefechte aus.

In Idlib geht die Angst um, dass Assad seine Offensive neu starten könnte. Das war in den vergangenen Jahren jeweils in den Wintermonaten der Fall. In jüngster Zeit nahm Assads Armee im südlichen Teil von Idlib die Stellungen der islamistischen Miliz HTS unter Beschuss, die weite Teile der Provinz beherrscht. Derzeit sind die Kämpfe noch weit von dem Flüchtlingslager in Sarmada entfernt. Trotzdem macht sich Mohammed Sorgen um die Zukunft seiner Kinder.

Es fehlen Busse

Eine Schule oder einen Spielplatz gibt es nicht. „Für einen Lehrer, der ins Lager kommen könnte, ist kein Geld da“, sagt Hihfad-Helfer Akraa. Theoretisch könnten die Kinder aus dem Lager in umliegenden Orten zur Schule gehen, aber es fehlen Busse, um sie zu fahren.

Akraa ist selbst ein Flüchtling. Er hat seine Heimatstadt Homs seit sieben Jahren nicht mehr gesehen und im Krieg 44 Verwandte verloren, wie er sagt. Akraa kennt die Verzweiflung der Menschen im Lager aus eigener Erfahrung. Keinen Job zu haben und nichts tun zu können, sei mit das Schlimmste, sagt er. „Jeder Tag ist wie ein ganzes Jahr.“

Millionen von Menschen im Norden Syriens auch nur am Leben zu halten, ist eine gigantische Aufgabe für die Vereinten Nationen und die anderen Hilfsorganisationen. Täglich fahren rund 50 Lastwagen, um Nahrung, Trinkwasser, Medizin und andere Versorgungsgüter aus der Türkei nach Nord-Syrien zu bringen.

Völlig überlastet

Die Corona-Pandemie erschwert die Versorgung weiter. Die Krankenhäuser in Idlib sind wegen des Krieges und der großen Anzahl Flüchtlinge sowieso schon überlastet, für Covid-Patienten gibt es daher kaum Betten, geschweige denn Personal und Geräte.

Im Winter sei es für die Gesundheitsmitarbeiter vor Ort „sehr schwierig, zwischen Patienten mit Symptomen einer Erkältung und solchen mit Covid-19 zu unterscheiden“, erklärt Chen Lim, Koordinator der medizinischen Hilfe von Ärzte ohne Grenzen. Erkältungen sind natürlich weit verbreitet unter den Menschen in ihren dünnwandigen Zelten inmitten schlammiger Camps. Überdies gehen die Zeltplanen auch mal kaputt; es regnet herein.

Russland versucht derweil die internationale Gemeinschaft dazu zu bringen, die Hilfsgüter durch das von Assad kontrollierte Gebiet zu transportieren. Seine Macht als ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat mit Vetorecht nutzt Moskau dazu, die Anzahl der Zugangskorridore aus der Türkei immer weiter zu verringern.

Das Haus ist weg

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch kritisierte die Schließung als „Sargnagel“ für die Bemühungen der UN, in Syrien menschenwürdige Bedingungen zu schaffen. Doch die Flüchtlinge stecken in Idlib fest.

Zurück nach Ma‘arat al-Numan kann auch Mohammed nicht. Er hat erfahren, dass syrische Regierungstruppen sein Haus geplündert und requiriert haben. Selbst wenn er das Risiko eingehen würde, über die Frontlinie ins Regierungsgebiet zu ziehen, hätte er keine Bleibe. Er kann nur hoffen, dass seine Familie den Winter im Zelt einigermaßen übersteht.

Mit dem Gedanken, dass es 2021 vielleicht besser wird, versucht er sich selbst Mut zu machen. „Wir wollen nicht als Flüchtlinge nach Deutschland oder in die Türkei“, sagt Mohammed. „Wir wollen nur nach Hause.“

Es regnet im Winter häufig. Das Lager verwandelt sich dann in eine Schlammgrube.
Es regnet im Winter häufig. Das Lager verwandelt sich dann in eine Schlammgrube.
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