Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Wie russische Mütter um ihre Söhne kämpfen

Russische Rekruten gehen auf einem Bahnhof in Prudboi in der Region Wolgograd zum Zug.
Russische Rekruten gehen auf einem Bahnhof in Prudboi in der Region Wolgograd zum Zug.

In Russland engagieren sich die Organisationen der Soldatenmütter für jene russischen Männer, die von Wladimir Putin an die Front in der Ukraine geschickt werden.

Der dunkelrote Anstrich der schweren Holztür ist mit Graffiti übersät, dazwischen glänzt eine hellblaue Tafel: „Die Soldatenmütter von Sankt Petersburg.“ Die Tür ist verschlossen, wer rein will, muss klingeln. Drinnen, im Veranstaltungssaal der Soldatenmütter spricht gerade eine kleine Frau mit kurzen grauen Haaren. Sie heißt Jelena Popowa, ist 57 Jahre alt und trägt einen altmodisch karierten Rock. Popowa koordiniert die pazifistische „Bewegung der bewussten Verweigerer“. Heute ist sie zu Gast bei den „Soldatenmüttern“. 14 Leute hören ihr zu, elf davon sind Frauen, meist über 50, Mütter. Popowa berichtet von Rechtsverstößen durch Polizisten und wie man sich dagegen wehren kann.

Vor einigen Tagen hat der russische Verteidigungsminister Sergei Schoigu das Ende der Teilmobilmachung verkündet, die seit September lief. „Es wäre schön, wenn es wirklich keine Einberufungen mehr geben würde“, sagt Popowa. „Aber ich wage keine Vorhersagen mehr.“

Am Ende des ersten Tschetschenienkrieges beteiligt

Die Soldatenmütter verteidigen Wehrpflichtige und ihre Rechte seit ihrer Gründung 1991. Zusammen mit dem in ganz Russland arbeitenden „Komitee der Soldatenmütter“ waren sie wesentlich am Ende des ersten Tschetschenienkrieges 1996 beteiligt. Noch jetzt hängen im Saal Fotos von jungen Soldaten, die in Tschetschenien gefallen sind. Aktuell kämpfen die Soldatenmütter eher leise, kümmern sich um einzelne Schicksale.

Die Leute im Saal hören Jelena Popowa aufmerksam zu, einige schreiben mit. Eine erzählt, ihr Sohn sei 30, in der Reserve. „Wir verstecken uns, wir wollen keinen Krieg führen“, sagt sie. Sie sei hier, um möglichst viel Informationen zu seinem Schutz zu sammeln. Eine weitere Frau berichtet: „In den Kriegskommissariaten sind die Kinder allein, werden angeschrien. Wenn sich keiner um sie sorgt, will wenigstens ich für sie da sein.“ Die Frau berät Betroffene vor allem über den Video-Telefoniedienst Skype. Wie die Mehrzahl ihrer Mitstreiterinnen kam sie vor Jahren selbst als hilfesuchende Mutter hierher, um ihren Sohn vom Wehrdienst zu befreien. Sie bittet darum, ihren Namen nicht in der Zeitung zu nennen. Noch spüre sie zwar keinen Druck der Sicherheitsorgane. „Aber das kann sich ändern. Und wir sind so wenige hier.“

Inzwischen stehen die Frauen im Saal im kleinen Gruppen zusammen. Manche tragen Brillen, eine hat ein altes Diktiergerät dabei. Sie erfahren, wie sie notarielle Vollmachten bekommen, um ihre Söhne zu vertreten, welche Beschwerden sie an welche Instanzen schreiben müssen. Es gelte, die Leute juristisch so fit zu machen, dass sie selbst für sich einstehen könnten, sagt eine Aktivistin.

Oft scheitern die Mütter am Stolz ihrer Söhne

Dass das möglich ist, zeigen die vielen kleinen Erfolge, die die Soldatenmütter gegen die Mobilmachung feiern konnten. Die Kriegskommissariate ließen immer wieder von Fällen ab, wenn sich die Betroffenen quer stellten.

Aber oft scheitern die Mütter auch am Kriegerstolz ihrer Söhne. Jelena Popowa erzählt von einem eingezogenen Soldaten aus Pensa, der ihren Vorschlag zu verweigern, erbost ablehnte: „Ich gehe in den Krieg, um Faschisten zu töten.“ Auch der Freund ihrer eigenen Tochter, ein ehemaliger Zeitsoldat, habe einen Einberufungsbefehl erhalten, sei danach immerhin untergetaucht. Aber er wolle keinen Verweigerungsantrag stellen. „Meine Kameraden vergießen an der Front ihr Blut, und ich soll irgendwelche Papierchen schreiben?“, habe er zu ihr gesagt.

Popowa hat früher selbst bei den Soldatenmüttern gearbeitet. Im Hinterzimmer stehen noch zotige Sprüche an der Wand, die sie einst mit Filzmarker dorthin geschrieben hat: „Bombing for peace is like fucking for virginity“ – übersetzt etwa: Für den Frieden Bomben zu werfen, ist wie für die Jungfräulichkeit Sex zu haben. Jelena lacht, sie sei radikaler als die Soldatenmütter. Aber würde sie jetzt auch den Ukrainern Pazifismus predigen? „Die Ukrainer verteidigen ihr Haus. Wenn ich dort lebte, würde ich die ukrainische Armee unterstützen, etwa Lebensmittel organisieren.“

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