Russland RHEINPFALZ Plus Artikel Wie Putin seine Gegner im Straflager bricht

Straflager YAG 14/10 in Krasnokamensk: Hier musste einst Putin-Gegner Michail Chodorkowski einsitzen.
Straflager YAG 14/10 in Krasnokamensk: Hier musste einst Putin-Gegner Michail Chodorkowski einsitzen.

Der russische Oppositionelle Alexej Nawalny ist auf dem Weg in ein Straflager. Dort erwartet ihn eine Welt, in der Willkür und Grausamkeit herrschen. Für offene Hemdknöpfe droht Sonderarrest, für Beschwerden setzt es Schläge.

Der Empfang neuer Häftlinge in einem russischen Straflager ist oft brutal. „In den ersten eineinhalb Stunden prügelten sie auf mich ein. Angeblich hatte ich es versäumt, mich in ein Brandschutzbuch einzuschreiben. Sie schlugen mich mit hölzernen Schreinerhämmern, damals benutzten sie noch keine Gummiknüppel.“ Der Busfahrer und frühere Unternehmer Ruslan Wachapow hat diese Erinnerungen geteilt. Fünfeinhalb Jahre in der „Besserungskolonie IK Nr. 1“ in Jaroslawl musste er durchleiden, ein Straflager „mit allgemeinen Haftbedingungen“ übrigens. Neuankömmlinge würden geprügelt, um zu prüfen, ob sie dem Druck der Obrigkeit widerstehen wollen, oder ob sie sofort nachgeben. Je nachdem gestalte sich dann auch der Haftalltag. Widerspenstige würden weiter mit Prügel traktiert.

Auch der aktuell führende Oppositionelle Russlands, Alexej Nawalny, wurde am Donnerstag aus einer Moskauer U-Haftanstalt ins Straflager abtransportiert. In eine „Kolonie mit allgemeinen Bedingungen“, wie es heißt. Ungewiss, was ihn hinter ihrem Stacheldraht erwartet. Igor Kaljapin, Vorsitzender der Rechtsschutzgruppe „Komitee gegen Foltern“, sagt: „Die Prügel in Jaroslawl ist keineswegs das Schrecklichste, was in russischen Gefängnissen passiert. Und leider kein Einzelfall.“

Blut und Kot auf dem Korridor

Ex-Sträfling Ruslan Wachapow weiß nicht mehr, wie oft er geprügelt wurde. Zweimal im Jahr rückte eine Sondereinheit der Polizei ein, um alle zusammenzuschlagen, die die Anstaltsleitung auf der Liste hatte. „Einmal, 2013, war der Korridor hinterher voller Blut und Exkremente.“

Jetzt gehört Ruslan zu einer Gruppe von Zeugen in Prozessen gegen die prügelnden Vollzugsbeamten. Mehrere Videos der Gewaltorgien gerieten an die Öffentlichkeit. „Sie haben gefilmt, um in der Gebietsvollzugsverwaltung Belege für ihre geleistete Arbeit zu liefern.“

Von 692 russischen Strafanstalten sind nur acht Gefängnisse. Die übrigen Institutionen sind Lager, wo die Häftlinge nicht in Zellen leben, sondern in großen Holz- oder Ziegelbaracken. Ihre Einwohnerzahl hat sich seit dem Jahr 2000, als die Ära Wladimir Putins begann, auf etwa 480.000 halbiert. Experten führen das unter anderem auf gesunkene Verbrechensraten zurück, auf alternative Strafen für Jugendliche oder leichte Vergehen.

Igor Kaljapin vom „Komitee gegen Foltern“ erklärt, die Reduzierung der Insassenanzahl sei „ein Verdienst vor allem der Leitung des Strafvollzugssystems“. Sie habe darauf gedrängt, weil die Zahlen einfach zu hoch waren, um eine normale Aufsicht oder gar Erziehungsarbeit zu ermöglichen.

Aber noch immer gelten Russlands Straflager als Orte der Vergeltung, nicht der Resozialisierung. Für offene Hemdknöpfe droht Strafzelle, für Beschwerden Schläge. Gleichzeitig verkaufen die Wärter den Gefangenen für umgerechnet 25 Euro streng verbotene Handys mit Sim-Karte und Kopfhörer, um sie dann zu konfiszieren und neu zu verkaufen.

1,30 Euro für die Tagesration Essen

Der Alltag ist streng durchgetaktet. Um 7 Uhr Wecken, dann Sport, Frühstück, Morgenappell, Arbeit, Mittagessen, Arbeit, Abendessen, Erziehungsmaßnahmen, zwei Kontrollen, eine Stunde Freizeit, Bettruhe ab 23 Uhr.

Das ist der Tag der Häftlinge auf dem Papier. Auf dem Papier bekommen sie täglich 550 Gramm Kartoffeln, 250 Gramm Gemüse, 120 Gramm Fleisch und ein Lorbeerblatt. Offiziell gibt der Staat umgerechnet 1,30 Euro für jede Tagesration aus. Sie gilt als ungenießbar. Wer kann, ernährt sich daher auf eigene Kosten aus dem Gefängnisladen oder aus den sechs Esspaketen zu 20 Kilogramm, die die Familie jährlich schicken darf.

Der tatsächliche Alltag in den Lagern sieht sehr unterschiedlich aus. Mancherorts drängen sich die Insassen zur Arbeit, weil ihnen sonst stundenlanger Drill auf dem Hauptplatz droht, anderswo schlagen vor allem Berufsverbrecher die Zeit mit Lesen oder Fußballspielen tot. Auch Ruslan Wachapow verzichtete lieber auf die zuerst angewiesene Arbeit: Er hätte zwar über 300 Euro im Monat damit verdienen können, aber sie bestand im Umgang mit sehr schädlichen Chemikalien. So wählte er den niedrigeren Verdienst von 2,50 Euro am Tag für die weniger schädliche Herstellung von Chemieschutzkleidung. „Ob in einem Lager geprügelt wird, hängt davon ab, was im Kopf des Direktors vorgeht“, sagt Menschenrechtler Kaljapin. Auch wer prügelt, variiert. Vor allem in Lagern mit strengem Regime seien die Schläger sogenannte „Aktivisten“, Häftlinge mit oft langen Strafen, die mit den Vollzugsbeamten zusammenarbeiten.

Allein 2018 gab es nach amtlichen Angaben 1881 Beschwerden wegen Folter in russischen Haftanstalten. Nur 3,2 Prozent der Fälle wurden am Ende auch strafrechtlich verfolgt.

In der Irkutsker IK Nr. 6 schlugen mehrere Häftlinge einen Mann zusammen, vergewaltigten ihn mit einem Schrubberstiel. Das Opfer landete mit inneren Verletzungen im Krankenhaus. Im Tjumensker IK Nr. 1 steckten andere Gewalttäter einen Mitgefangenen in einen Müllsack, stülpten ihm eine Plastiktüte über den Kopf und filmten, wie er fast erstickte. Die Vollzugsbehörden sprachen von einem Scherz.

Nachts mit dem Messer überfallen

„Es geht darum, Menschen zu erniedrigen, zu brechen“, erklärt der Schriftsteller Maxim Gromow, der drei Jahre gesessen hat. „Ständig fletschen dich Wachhunde an, vor jedem Offizier musst du die Mütze ziehen, vom Prügeln ganz zu schweigen.“ Nach seiner Entlassung habe er jahrelang um sein Selbstwertgefühl gerungen, sei Trinker geworden.

Dass ich krank bin, weiß ich“, sagt auch Ruslan Wachapow, dessen Psyche sich noch immer nicht erholt hat. „Und meine Gelenke, die linke Schulter, die linke Hüfte, das Knie sind zerschlagen.“ Aber er danke Gott, er lebe und könne gehen.

Politische Gefangene, die die öffentliche Aufmerksamkeit im In- und vielleicht sogar im Ausland genießen, haben es leichter, heißt es. Die Knochenbrecher ließen sie in Ruhe – in der Regel. Denn Rechtsanwälte und Menschenrechtler kämen zu Besuch, Intellektuelle schrieben ihnen Briefe. So halten sich Gefangene wie ein Alexej Nawalny über die Welt draußen auf dem Laufenden.

Sein eigener Bruder hat das übrigens auch erlebt. „Ungefähr 15 Minuten, nachdem ich rauskam, hatte ich alles vergessen“, sagte Oleg Nawalny, der wegen desselben Skandalurteils wie sein Bruder 3,5 Jahre gesessen hat, in einem Interview mit der Deutschen Welle.

Aber auch Prominente sind nicht zu 100 Prozent sicher. Der einst in Ostsibirien inhaftierte Ölmagnat Michail Chodorkowski wurde nachts von einem Mithäftling überfallen, der ihn mit einem Messer an der Nase verletzte. Jahre später erzählte der Angreifer dem Portal „gazeta.ru“, Sicherheitsbeamte hätten versucht, ihn mit Prügel und Drohungen dazu zu bringen, Chodorkowski das Messer ins Auge zu stoßen.

Alexej Nawalny erwarten harte Zeiten in Haft.
Alexej Nawalny erwarten harte Zeiten in Haft.
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