Russische Propaganda RHEINPFALZ Plus Artikel Wie eine Ukrainerin versehentlich zum russischen Propaganda-Star wurde

Auch in Murmansk, im hohen Norden gelegen, ist das Wandgemälde mit Anna Iwanowa zu sehen.
Auch in Murmansk, im hohen Norden gelegen, ist das Wandgemälde mit Anna Iwanowa zu sehen.

Russland hat Probleme, den Ukraine-Krieg zu rechtfertigen. Deshalb kommt der Kreml-Propaganda eine alte Ukrainerin gelegen, die Soldaten mit der Sowjetflagge begrüßte. Unser Autor Dmytro Durnjew hat nun mit der Rentnerin gesprochen. Und herausgefunden: Sie ist ein Propaganda-Star wider willen.

In Wirklichkeit sieht sie jünger aus als auf den russischen Bildern. Die Haare, die unter ihrem grünen Wollkopftuch hervorschauen, sind nicht weißgrau, sondern dunkelbraun. „Die Oma mit der roten Fahne“, wie sie russische TV-Sprecher liebevoll nennen, sitzt auf einem Bett im Zimmer ihres Mannes Iwan in einem ukrainischen Krankenhaus. Vor sich hat sie ein Paket mit Erwachsenenwindeln, die sie für ihn gekauft hat. Auf dem Fensterbrett liegen sieben Stück Weißbrot zum Trocknen.

Wie viele andere Geschichten dieses Krieges beginnt auch die von Anna Iwanowa mit einem Smartphone-Video. Gefilmt von ukrainischen Soldaten, die Anfang März mit einer Tüte Lebensmittel vor dem Hoftor der Alten auftauchten. Das Dorf Welikaja Danilowka am Nordrand der ukrainischen Großstadt Charkiw, wo Anna und Iwan wohnen, war damals vorderste Front, wurde häufig beschossen.

Grandioses Missverständnis

Anna dachte zunächst, so erzählt sie später, dass die Soldaten vor ihr aus Russland kämen. „Ich wollte ihnen zeigen, dass wir auch eine russische Flagge haben.“ Deshalb habe sie die rote Fahne hervorgezogen.

Moment mal, dachte sie wirklich, die russische Fahne sei rot? Auf unsere Frage hin stutzt Anna: „Welche Farbe hat sie denn sonst?“ – „Weiß-Blau-Rot.“ – Die alte Frau staunt. Darin also liegt die Geschichte dieses Videos begründet. Es ist die Geschichte eines grandiosen Missverständnisses.

Auf dem Video, das die ukrainischen Soldaten aufgenommen haben, steht Anna vor einem Hünen von Mann. Sie sieht sehr klein aus – und hält eine Sowjetflagge hoch. Blutrot, mit Hammer und Sichel – das Emblem der damaligen Kommunisten, die das Sagen hatten in dem Ende 1991 zerfallenen Vielvölkerstaat Sowjetunion.

Recht auf Opportunismus

„Wir haben natürlich auf euch gewartet, haben für euch gebetet und für Putin, für das ganze Volk“, verkündet Anna im Video unter Anspielung auf den jetzigen Herrscher im Kreml, der am liebsten wieder das alte Großreich der Sowjetunion wiederherstellen würde. Im Krieg, erst recht im Frontgebiet, haben alte, wehrlose Leute ein Recht auf Opportunismus. Das scheint auch der große Ukrainer vor Anna zu denken. Er gibt ihr die Lebensmitteltüte zurück, nimmt ihr aber „den Lappen“ ab, wie er die rote Fahne nennt.

Diese wirft er zu Boden und stellt sich drauf. Auf dem Video ist zu sehen, dass sich Anna Iwanowa daraufhin empört: „Für diese Fahne haben meine Eltern gekämpft!“ Die Tüte Lebensmittel wandert wieder zu den Soldaten zurück.

Plastik- und Pappfiguren tauchen auf

Es ist unklar, warum die Ukrainer diese Szene ins Internet stellten. Gewiss ist, dass die russischen Medien Anfang April darauf aufmerksam wurden. Moskauer Staatsfernsehmoderatoren entsetzten sich im Chor, wie grausam die alte Frau verhöhnt worden sei. Und am 12. April erklärte Dmitri Poljanski, der stellvertretende Botschafter Russlands bei den Vereinten Nationen, die Rentnerin vor dem Weltsicherheitsrat zum Symbol einer „anderen Ukraine“. Er hoffe, sie werde schon bald ohne Angst die rote Fahne auf die Straße tragen dürfen, um all derer zu gedenken, die die Ukraine im Zweiten Weltkrieg von den Nazis befreit hätten.

Es dauerte nicht lange und in Russland tauchten Plastik-, Holz- und Pappfiguren der kleinen Frau mit der Fahne auf, auch Graffiti und Gedichte. Im damals noch nicht völlig von den Russen eroberten Mariupol weihte Sergei Kirijenko, stellvertretender Chef der Präsidialverwaltung, ein Denkmal für Anna Iwanowa ein. Dabei kannten weder Kirijenko noch andere Russen ihren Namen. „Oma Sieg“ oder „Oma Z“ wurde Anna im Internet getauft. Und das russische Onlinegeschäft Ozon verkauft Aufkleber mit der „Rotbanner-Oma“ für umgerechnet vier Euro.

Ikone der Kriegspropaganda

An die geblümte Stofftasche, die am Kopfende des Bettes im Krankenhaus steht, hat Anna Iwanowa indes eine Schleife in den blaugelben Nationalfarben der Ukraine gebunden. Daneben liegt ein Kreuz mit einem kleinen, weißen Kunststoffheiland. Offenbar ist ihr die Sache mit der roten Flagge nicht mehr geheuer – erst recht nicht, dass sie selbst zur Ikone der Kriegspropaganda geworden ist. „Was fange ich mit so einer Berühmtheit an?“, fragt sie und blickt unglücklich. „Frieden für die Ukraine, das brauche ich, für Russland und Weißrussland und für Deutschland auch.“

Natürlich, betont Anna, verstehe sie, dass Russland mit seinem Krieg gegen die Ukrainer ein Unrecht begehe. „Was sind wir denn für Faschisten, wir haben ihnen doch nichts Böses getan.“ Aber sie betet nicht für den Sieg der Ukraine über Russland. Sie betet dafür, dass „unser Präsident“, der Ukrainer Wolodymyr Selenskyj, eine Verhandlungslösung findet.

Kampf zwischen Gut und Böse

Bei der Roten Fahne aber bekennt sie sozusagen Farbe. „Das Rot bedeutet Liebe.“ – Nicht Blut? – Auch die Rotarmisten, die sowjetischen Soldaten, hätten im Krieg gegen Hitler-Deutschland ihr Blut vergossen, antwortet Anna: Für den Frieden auf der Welt. Sie ist 69, also so alt wie Wladimir Putin. Wie der russische Präsident und einstige sowjetische Geheimdienstagent ist auch sie ein „Sowjetmensch“. Die Jahrzehnte in dem Sowjetimperium haben auch sie geprägt.

Annas Aussagen passen sehr gut in das Bild, das Russland von sich vermitteln will. Angeblich führen seine Soldaten ja einen siegreichen Feldzug gegen die Neonazis in der Ukraine. Aber seit der Krieg begonnen hat, suchen die russischen PR-Strategen fast schon verzweifelt nach Bildern, Zitaten oder Figuren, die den vermeintlichen Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen illustrieren könnten.

Für alle Fälle

Ihr symbolträchtigstes Feindbild sind nun ukrainische Soldaten, die mit Lebensmittelpaketen für alte Leute durchs Dorf ziehen und auf einer Sowjetfahne herumtrampeln. Einem Utensil also, das Moskau selbst vor 32 Jahren ausrangiert hat.

Anna sagt, sie würde gerne mit dem russischen Präsidenten reden. „Putin, statt die Ukraine zu bombardieren, bau’ besser auf den Feldern Weizen und Weißkohl an, um damit Russland und die Ukraine zu ernähren.“

Die Rote Fahne indes will Anna Iwanowa nach der Rückkehr in ihr Dorf aufbewahren. Für alle Fälle.

Anna Iwanowa beim Besuch ihres Mannes im Krankenhaus.
Anna Iwanowa beim Besuch ihres Mannes im Krankenhaus.
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