Brandenburg
Wie eine grüne Bürgermeisterin die AfD-Wähler von sich überzeugt
Gerade hat der Hahn gekräht. Und es summen die Bienen, es duftet der Lavendel, es zwitschern die Vögel. Gerade da erzählt nun Sigrid Schumacher von einem Gedanken, der ihr vor fünf Jahren nach den Landtagswahlen kam und der damals fast ihre Karriere beendet hätte: „Ich kann doch keine Gemeinde vertreten, die mehrheitlich für die AfD ist.“ Schumacher, 67 Jahre alt, kurze Haare, lange Bluse, sitzt am Teich ganz hinten in ihrem Garten, eine kleine Flasche Apfelsaft in der Hand, eine Brille mit dicken Gläsern auf der Nase. Im Wasser drehen zwei Karpfen ihre Runden. „Da war mir klar: Dann trete ich jetzt zurück.“
Sigrid Schumacher ist Bürgermeisterin von Zernitz-Lohm, einer kleinen Gemeinde im Nordwesten Brandenburgs. Und sie ist es bis heute, obwohl sie vor fünf Jahren schon mal aufgeben wollte. Damals, bei der Landtagswahl 2019, kam die AfD in ihrer Gemeinde auf 26 Prozent der Stimmen. Und das, obwohl die Gemeinde erst wenige Monate vorher Schumacher mit mehr 84 Prozent der Stimmen zum zweiten Mal zur Bürgermeisterin gewählt hatte – eine Grünen-Politikerin. Wahrscheinlich ist Schumacher die einzige ehrenamtliche Bürgermeisterin ihrer Partei in Brandenburg. Der Landesverband der Grünen kennt jedenfalls keine andere.
Nur vier Prozent für die Grünen
Vor Kurzem waren wieder Wahlen. Am Tag der Europawahl stimmte die Gemeinde auch über ihre Bürgermeisterin ab. An dem Tag setzten 33 Prozent der Menschen aus Zernitz-Lohm ihr Kreuz für die Europawahl bei der AfD, nur vier Prozent bei den Grünen. Trotzdem wurde Schumacher mit 76 Prozent wiedergewählt.
Im September stimmen die Brandenburger wieder über ihren Landtag ab, drei Wochen nach den Wahlen in Sachsen und Thüringen. In allen drei Ländern liegt die AfD in Umfragen weit vorn, zum Teil auf dem ersten Platz. „Kann schon sein, dass die AfD hier dann auf 40 Prozent kommt“, sagt Schumacher. Sie ist ein politisches Phänomen: eine Grünen-Bürgermeisterin in einer Gemeinde, die eigentlich AfD wählt.
Natürlich: Was im Kommunalen passiert, hat oft wenig mit dem zu tun, wie Politik auf Landes- und Bundesebene läuft. 915 Menschen leben in Schumachers Gemeinde, das sind 0,0011 Prozent aller Deutschen. Trotzdem kann man sich fragen, ob die Politik im Großen nicht auch von der im Kleinen lernen kann. Gerade im Osten, gerade auf dem Land. Was macht Schumacher richtig, was andere offenbar falsch machen? Und warum ist sie im Amt geblieben?
Wer Schumacher zum ersten Mal trifft, sollte zwei Dinge wissen. Erstens stellt sie sich zwar als „Frau Schumacher“ vor, aber man sollte sich nicht täuschen lassen – sie duzt sofort los. Zweitens fährt sie einen Geländewagen, das hat sie schon vorher am Telefon angekündigt. Sie weiß ja, was die Leute sagen. „Eine Grüne, und dann mit SUV! Aber was soll ich machen? Das Auto verschrotten, obwohl es noch fährt?“ Außerdem ist ihr Mann Landwirt. Sollen die Leute halt reden.
Wenn Schumacher in Zernitz-Lohm unterwegs ist, dann trifft sie ständig Menschen, die sie kennt. Manche rufen nur ein „Hallo“ herüber. Eine Frau am Straßenrand winkt Schumacher heran, die beiden tauschen sich kurz aus, es geht um ein leerstehendes Haus im Ort. Als Schumacher in der Kita vorbeischaut, weist ein Bauarbeiter sie auf Wespen hin, die sich unter dem Dach eingenistet haben. Sie verspricht, sich zu kümmern.
Bürgermeisterin: Ein Ehrenamt als Vollzeitjob
Bürgermeisterin ist in Zernitz-Lohm ein Ehrenamt. Schumacher macht es als Vollzeitjob. Sie kann das, weil sie pensioniert ist – und weil sie ohnehin überall mitmischt. Sie sitzt auch für die Grünen im Kreistag und ist Seniorenbeauftragte, sie ist Mitglied im Präsidium des deutschen Städte- und Gemeindebunds und im Arbeitskreis ehrenamtlicher Bürgermeister.
„Die Leute wählen mich nicht, weil ich Grüne bin“, sagt Schumacher. „Die wählen mich, obwohl ich Grüne bin.“ Auch Schumacher kann ganz schön über ihre Partei schimpfen. Von Landwirtschaftsminister Cem Özdemir hält sie wenig („ein Sozialpädagoge, da lachen sich die Bauern tot“), von Außenministerin Annalena Baerbock ist sie enttäuscht („versucht die Welt zu retten und vergisst die Probleme zu Hause“). Ständig muss sie sich für die Grünen in der Regierung rechtfertigen. „Was meinst du, was ich mir hier nach dem dritten Bier manchmal von Leuten anhören muss?“
Da muss man schon mal fragen: Warum ist Schumacher überhaupt bei den Grünen? „Zu dem Grundsatzprogramm stehe ich“, sagt sie. „Das finde ich richtig gut.“ Ihr geht es vor allem um Umwelt- und Klimaschutz. Auch das Fortschrittliche ist ihr wichtig. „Die Grünen waren immer offener als andere Parteien“, sagt sie. Für sie passt es nicht, dass so eine Partei jetzt Teil der Bundesregierung ist. Sie hätte sich gewünscht, dass die Grünen in der Opposition bleiben. Jetzt müsste die Partei ständig Kompromisse machen. Schumacher seufzt. Austreten will sie aber nicht.
Hühner und Photovoltaik für die Kita
Fragt man Schumacher, ob an ihrer eigenen Politik etwas grün sei, muss sie kurz überlegen. Aber dann fällt ihr doch einiges ein. Seit Jahren setzt sie sich dafür ein, dass die Radwege zwischen den Ortsteilen ihrer Gemeinde ausgebaut werden – bisher vergeblich, die Entscheidung liegt nicht allein bei der Gemeinde. Schumacher hat aber dafür gesorgt, dass die Kita jetzt eigene Hühner hat und eine Photovoltaik-Anlage auf ihr Dach bekommt. Und sie hat sich von den Betreibern der neuen Windkraftanlage zusagen lassen, dass alle Bürger von Zernitz-Lohm vergünstigten Strom bekommen.
Viele Themen, die auf Bundesebene wichtig sind, betreffen Zernitz-Lohm eigentlich nicht – auch wenn sie die Menschen hier umtreiben. Migration zum Beispiel. Eine Familie aus der Ukraine habe die Gemeinde im Pfarrhaus aufgenommen, erzählt Schumacher. Asylbewerber leben aber nicht in Zernitz-Lohm. „Das würde hier keinen Sinn machen“, sagt Schumacher. „Ohne Bahn, ohne Supermarkt.“
In der Gemeindevertretung von Zernitz-Lohm ist die AfD nicht vertreten, da hat niemand für sie kandidiert. Im Kreistag kam sie aber auf knapp 30 Prozent. Deshalb hat Schumacher regelmäßig mit AfD-Vertretern zu tun. „Ich sag ihnen ganz klar, was ich von ihnen halte“, sagt sie. „Nämlich gar nichts.“
Sie sagt aber auch: „Nur weil eine Beschlussvorlage von der AfD ist, können wir das nicht ignorieren. Dann ignorieren wir ja die Bürger.“ Schumacher findet: Wenn die AfD etwas einbringt, dann müsse man das ernst nehmen – und einen eigenen, besseren Vorschlag entwickeln. Viel erwartet Schumacher ohnehin nicht von der AfD. „Die reden viel und machen nichts.“
Zurück an den Gartenteich, wo die Karpfen ihre Runden drehen. Eine Frage bleibt: Warum ist sie nach der Landtagswahl vor fünf Jahren dann doch nicht zurückgetreten? „Weil es so viele Leute gab, die mich gebeten haben zu bleiben“, sagt Schumacher. „Und weil ich irgendwann gedacht habe: Dann kriegen die Rechten genau das, was sie wollen.“
