Ukraine RHEINPFALZ Plus Artikel Wie ein freiwilliger Kämpfer der Hölle in Bachmut entronnen ist

Schweiger, ein Tätowierer aus Köln, kämpfte knapp zwei Monate in Bachmut.
Schweiger, ein Tätowierer aus Köln, kämpfte knapp zwei Monate in Bachmut.

In Bachmut im Osten der Ukraine tobt seit neun Monate eine Zermürbungsschlacht. Die Soldaten kämpfen täglich gegen Tod und Wahnsinn. Ein deutscher Freiwilliger erzählt.

Von Dmytro Durnjew
In der leeren Kantine seiner Einheit – etwa 200 Kilometer von Kiew entfernt – redet sich der junge Mann seinen 53-tägigen Einsatz in Bachmut von der Seele. 53 Tage kämpfte er in der ehemals 74.000 Einwohner zählenden Stadt um winzige Landgewinne. Er habe sich jedes Mal wie ein Astronaut gefühlt, der auf den Countdown warte, beginnt der 25-Jährige zu erzählen. „Vorher überlegen alle gründlich, was sie unbedingt mitnehmen müssen. Der Rucksack darf ja nicht zu schwer sein. Denn wir müssen unter MG- und Granatbeschuss laufen“, folgt seine Erklärung. Für Schweiger (Name von der Redaktion geändert) und seine zehn Kameraden war schon ein 500-Meter-Lauf bis zu dem Haus, das sie für die nächsten 24 Stunden zu verteidigen hatten, wie ein Sturmangriff unter feindlichem Beschuss.

Schweiger schaut an sich herab. Vor seinem Einsatz in Bachmut habe er 74 Kilo gewogen, hinterher 67. Und das, obwohl er dort angefangen habe, Süßigkeiten zu essen, selbst während des Gefechts. „Aber Adrenalin verbrennt alle Kalorien.“

Auf der Schläfe prangt der Spruch „Jung sterben“

Schweiger ist Freiwilliger einer Kompanie der ukrainischen Territorialverteidigung, die in Bachmut hohe Verluste erlitten hat. In der Donbass-Stadt toben seit neun Monaten Straßenkämpfe, die Militärexperten mit der Schlacht um Stalingrad vergleichen. Am Samstag verkündete Jewgenij Prigoschin, Boss der russischen „Wagner“-Söldner, die völlige Einnahme der zertrümmerten Stadt. Die ukrainische Armee hat jedoch bekräftigt, ihren Kampf um die Stadt Bachmut weiterzuführen und damit russische Angaben dementiert, die Stadt sei vollständig gefallen. Das Ringen der Streitkräfte gegen Tod und Wahnsinn geht also weiter.

Schweiger ist Deutscher, genauer Russlanddeutscher, aus Köln, eine Plaudertasche mit fröhlichem Blick. In seiner Heimatstadt hat er als Tätowierer gearbeitet, „das habe ich mir auf YouTube selbst beigebracht“. Auf seiner Schläfe prangt auf Englisch der Spruch „Jung sterben“.

Schlechte Ausbildung

Warum hat es ihn in die Ukraine verschlagen? Er habe einen ukrainischen Großvater, erklärt Schweiger. Er sei kein Nationalist oder Rassist, er sei tolerant. „Aber wer gibt den Russen das Recht, dem Nachbarn einen Sack mit der eigenen Scheiße über den Kopf zu stülpen?“

Die Ausbildung ist nicht der Rede wert: acht Wochen Infanterieausbildung, nur einmal Übung auf einem Schießplatz, dann Bachmut. Und ein Feind, der sein Kriegshandwerk versteht und besser bewaffnet ist. Aber Schweiger redet lieber von Adrenalin als von der Angst, die ihn umtreibt. Er erzählt weiter: Nachts habe er durchs Thermofernglas Russen entdeckt, die sich zum Angriff sammelten. Einen habe er niedergeschossen. „Gefühlt habe ich nichts, höchstens, dass ich etwas Nützliches getan habe.“ Krieg, merkt er an, sei ein blutiges Spiel. Und er habe bislang Glück gehabt. Nach der Abwehr eines Sturmangriffs ruhten er und seine Kameraden sich aus. „Wir saßen auf dem Boden, ich in der Mitte, noch betäubt von der Schießerei. Ich wollte aufstehen, in dem Moment flog eine Granate in den Raum, riss die Tür aus den Angeln. Ich betastete mich, war heil geblieben.“ Aber seine Kameraden lagen in ihrem Blut, einen hatte es am Arm, den anderen am Bein erwischt, beide keinen Meter von ihm entfernt. „Bachmut hat mich gelehrt, wie wichtig Glück im Krieg ist.“

Das Gefühl der Unsterblichkeit

Sein Kompaniechef, der anonym bleiben möchte, zieht andere Lehren: „Die Russen opfern Leute zu Hunderten, um jede Stellung in einem Gebäude zu orten. Und dann schlägt ihre Artillerie zu, Munition haben sie ja genug.“ Am besten feuere man aus dem dunklen Korridor durch das Fenster, nennt Schweigers Kommandeur die beste Strategie. „Wie viele Jungs haben wir verloren, weil sie sich zu weit vorgewagt haben, weil sie das Gefühl der Unsterblichkeit gepackt hat.“ Andere blieben plötzlich sitzen, mit den Armen über dem Kopf, wie gelähmt. „Die musst du anbrüllen, das hilft meistens“, erklärt Schweiger.

Mehrfach sei über Funk gemeldet worden, die letzte freie Straße aus Bachmut sei geschlossen, berichtet der Kommandeur. „Das hätte bedeutet, wir sind eingekesselt. Bei solchen Meldungen ging die Moral richtig in den Keller.“ Inzwischen haben die Ukrainer ihre Nachschubwege freigekämpft. Aber das Gefühl, eingekreist zu sein, lässt die Kämpfer nicht los.

Schweiger erzählt, die Schichtwechsel seien von den Russen oft mit Trommelfeuer verhindert und die ukrainischen Kämpfer so gezwungen worden, drei oder vier Tage ganz vorne auszuharren. Das Schlimmste sei gewesen, wenn man Verwundete nicht durch das 500 Meter breite Niemandsland schaffen konnte, weil kein Panzertransportwagen da war. „Ein Kamerad hat schwer verletzt vier Stunden auf seine Bergung warten müssen“, so Schweiger.

Es mangelt an Panzern, Drohnen, Erfahrung

Der Kompaniechef erzählt, seine Leute seien durchs Niemandsland zu russischen Fahrzeuge gekrochen, die unter Beschuss liegen geblieben waren, um sie zu reparieren. Dank solcher Tollkühnheiten besaß die Einheit eine gepanzerte Motolyga-Zugmaschine und einen Schützenpanzer, auch um Verletzte bergen. Die Soldaten kämpften 24 Stunden an vorderster Front, danach konnten sie 48 Stunden in den Stellungen dahinter ausruhen. „Aber am Ende hatten wir keine Leute mehr“, sagt Schweiger. „Du bist gerade abgelöst worden, hast nicht mal geduscht und denkst: Wer, wenn nicht du, geht jetzt wieder raus?“ Das sei demoralisierend gewesen.

Schweigers Kommandeur versteht die Offiziere, die sich die Namen ihrer Soldaten erst gar nicht mehr merken wollten. Wie viele Jungs habe man verloren, weil es an Panzerwagen, an Kampfdrohnen, an Artilleriegeschossen mangelte. Und an Erfahrung. „Wenn man die Leute doch wenigstens eine Woche in den verlassenen Häusern der Nachbarstädte Slawjansk oder Kramatorsk im Häuserkampf ausgebildet hätte!“, grübelt er.

Das Töten verändert die Menschen

Bachmut dürfte als Zermürbungsschlacht mit Zehntausenden Opfern, aber ohne kriegsentscheidende Wichtigkeit in die Geschichte eingehen. Auch der Kommandeur will sich diese Schlacht von der Seele reden. Bachmut habe ihn verändert und seine Leute. „Viele sind keine mitfühlenden Menschen mehr. Schweiger nicht, ich auch nicht. Nach Bachmut kann ich keine Tränen mehr über einen sentimentalen Film vergießen.“

Schweiger sagt, in Bachmut habe er elf Feinde getötet, sei bei der Bergung der Verletzten immer wieder vorausgegangen. Schweiger hat das Zeug zu dem, was man einen Helden nennt. „Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, irgendwann wieder Tattoos zu stechen“, erklärt der Kölner.

Aber Bachmut, der Tod von Kameraden, hat auch Wunden gerissen. Er verspüre jetzt Abneigung gegen die Menschen, gesteht Schweiger. „Früher fand ich es interessant, neue Leute kennenzulernen. Aber wozu? Das Leben eines Menschen ist nicht mehr wert als eine Kalaschnikow-Kugel.“ Ein Zurück in ein unbeschwertes Leben – das kann er sich derzeit nicht vorstellen.

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