Glosse
Wer weiß denn sowas?
Als ob der gewöhnliche Berliner nicht schon genug damit zu tun hätte, den Großstadtalltag zu bewältigen, bereitet ihm jetzt auch noch das Land Rheinland-Pfalz schlaflose Nächte. Vor dem Gebäude der Landesvertretung in Berlin-Mitte hängt ein Plakat, das mehr Fragen aufwirft, als ein vom Pulverdampf demonstrierender Bauern benebelter Hauptstädter zu beantworten in der Lage ist.
„Glänzende Aussichten für alle CEO’s, die nicht Flaschenhälse sein wollen“, steht dort auf güldenem Grund und im schmeichelnden Licht einer untergehenden (?) Sonne. Möglicherweise müsste die Flasche, deren Hals Erwähnung findet, erst getrunken werden, um sich einer Deutung dieses Spruchs anzunähern. Doch selbst wenn einem die englische Abkürzung CEO geläufig ist – sie steht für das Amt eines Geschäftsführers –, bleibt die Aussage ein Mysterium. Das Plakat ist Teil der eigenartigen Imagekampagne des Landes unter dem Slogan „Rheinland-Pfalz. Gold“ aus dem Hause von Wirtschaftsminister Volker Wissing (FDP), für die er rund eine Million Euro locker machte.
Erinnerung an den „Freistaat Flaschenhals“
Was das rätselhafte Plakat angeht, mag sich der eine oder andere historisch Interessierte an den „Freistaat Flaschenhals“ erinnern – ein schmales Gebiet zwischen dem Rhein und dem unbesetzten Teil der preußischen Provinz Hessen-Nassau, das nach Ende des Ersten Weltkriegs für ein paar Jahre politisch und wirtschaftlich auf sich selbst gestellt war. Der frühere RHEINPFALZ-Kollege Marco Heinen hatte 2004 darüber einen wunderbaren Beitrag geschrieben. Aber wer stellt schon solche historischen Zusammenhänge her? Doch nicht ein Wirtschaftsministerium, das vom Generalsekretär der FDP geführt wird, einer Partei, die ausschließlich an die Zukunft denkt und vermutlich sogar darüber hinaus.
Paradies für Führungsköpfe
Das Ministerium schickte auf die Bitte um Deutung des Plakats eine Erklärung von der Länge einer DIN-A-4-Seite. Zusammengefasst: Rheinland-Pfalz biete so viel an Lebensqualität, dass Führungsköpfe kreativ und frohen Mutes hier arbeiten können und deshalb keinen „Flaschenhals“ in ihrem Unternehmen darstellen, also keine Schwachstelle.
Den Mühseligen und Beladenen unter den Berlinern dürfte diese Nachricht die Augen öffnen. Man sollte allerdings die Erklärung des Ministeriums an jedes Plakat antackern.