Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Wenn die Politik ins „Clubhouse“ zieht

Trotz Pandemie täglich geöffnet: Das virtuelle „Clubhouse“ zieht gerade viel Aufmerksamkeit auf sich. Das Angebot ist allerdings
Trotz Pandemie täglich geöffnet: Das virtuelle »Clubhouse« zieht gerade viel Aufmerksamkeit auf sich. Das Angebot ist allerdings nicht unumstritten.

Ein Smartphone und eine neue App – das reicht, um bei Menschen mit Mitteilungsbedürfnis so etwas wie Euphorie zu erzeugen. „Clubhouse“ heißt das kleine kostenlose Programm, das seit Kurzem für Apple-iPhones verfügbar ist. Dort kann man vor einem immer größer werdenden Publikum live diskutieren. Das scheint ideal zu sein für den Wahlkampf in Corona-Zeiten.

„Clubhouse“ stammt von einem Start-up in San Francisco und ist in den USA bereits ein großer Erfolg. Das Prinzip ist einfach: Auf der spartanischen Plattform kann man Gesprächsrunden zu beliebigen Themen eröffnen. Wer sich dazu schaltet, kann mitdiskutieren. Es gibt keine „Likes“ und keine Kommentarfunktion. Es wird nur geredet – Radio fürs Telefon.

Allerdings gibt es zwei Hürden, die für den Eintritt ins „Clubhouse“ überwunden werden müssen. Die erste ist die Exklusivität. Derzeit benötigt man die persönliche Einladung eines „Clubhouse“-Mitgliedes, um dabei zu sein. Das verleiht dem Ganzen den Hauch des Elitären, was den zum Teil abgehobenen Diskussionen derzeit nicht gut tut. Außerdem wird die Bereitschaft eingefordert, sein auf dem Smartphone gespeichertes Adressbuch auf den Server des Anbieters zu laden. Das ist bei Datenschützern nicht so gut angekommen.

Sigmar erklärt die Welt

Wer drin ist im „Clubhouse“, kann sich mit anderen Mitgliedern vernetzen und erhält eine chronologische Liste mit anstehenden Debatten. Jeder kann sich dazu schalten und erst einmal zuhören. Man wundert sich, wer da alles miteinander redet. Über den Abschied von US-Präsident Donald Trump waren beispielsweise TV-Entertainer Thomas Gottschalk und Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel im Gespräch. Man geht locker miteinander um und duzt sich. Nachdem Gottschalk über seine Erfahrungen als Wahl-Amerikaner plauderte, sagte er: „So, das war jetzt mein Ding, und jetzt sag’ mal Sigmar, wie siehst Du das?“ Und Sigmar erklärte die Welt.

CSU-Generalsekretär Markus Blume und FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann sprachen über die Verlängerung des Lockdowns, und ein Kreis junger SPD-Funktionäre unterhielt sich nächtens über Trash-Formate im Fernsehen. Wenn Leute aus der Marketingszene plaudern, wird Business-Deutsch geredet, also mit viel englischem Vokabular.

Pfälzer Politiker mischen mit

Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) ist dabei. Sie berichtete am Donnerstag über ihren Arbeitstag, als sich plötzlich Amtskollegin Manuela Schwesig aus Mecklenburg-Vorpommern in den Audio-Chat zuschaltete, um ihrer „Lieblingsministerpräsidentin“ zu lauschen. So gibt sich die politische und kulturelle Szene ein freundliches Stelldichein, zum Teil vor bis zu 1000 Zuhörern. Der erste Eindruck: Hier unterhält sich ein Kreis Bekannter miteinander, und nicht alles Gesagte hat eine gewisse Bedeutsamkeit.

Auf Pfälzer Politiker wirkt „Clubhouse“ dennoch anziehend. Johannes Steiniger, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Bad Dürkheim, sieht großes Potenzial in der App, auch wenn dort derzeit vor allem Berlin-Mitte-Menschen zugange seien. Die Diskussionen erlebt er zivilisiert, sie setzten sich wohltuend von schriftlich geführten Debatten auf anderen Plattformen ab. Für Steiniger ein weiterer Vorteil: „Es ist viel einfacher, interessante und prominente Gesprächspartner für ein Format zu gewinnen, wenn diese nicht extra in die Pfalz fahren müssen, sondern sich zuschalten können.“

Der Südpfälzer IT-Experte und FDP-Politiker Mario Brandenburg glaubt, dass „Clubhouse“ nicht mehr lange sich so exklusiv geben kann, sondern bald einer breiteren Masse zur Verfügung steht. Er ist überzeugt, dass sich keine Partei diesem unkomplizierten Format entziehen wird. Aktuell sei die Reichweite jedoch begrenzt und erscheine zunächst nur als „die gute alte Telefonkonferenz in zeitgemäßem Gewand“.

Für den Chef der SPD-Landtagsfraktion, Alexander Schweitzer, trifft „Clubhouse“ den Zeitgeist. Die positive Debattenkultur sei erfrischend. „Die konzentrierte Gesprächsatmosphäre bietet einen echten Mehrwert“, sagte Schweitzer. Sein Kritikpunkt ist auch die Exklusivität des Angebots. Er werde sich dennoch immer wieder in Debatten einklinken. Klar sei, dass man diese Gespräche nicht „en passant“ konsumieren könne. Und Schweitzer sieht augenzwinkernd ein großes Manko: „Es gibt noch keinen FCK-Gesprächskreis, das will ich ändern.“

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