Zehn Jahre „Wir schaffen das“
Welche Ereignisse das „Flüchtlingsjahr 2015“ geprägt haben
476.649 Asylanträge hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge im Jahr 2015 registriert – ein Anstieg gegenüber dem Vorjahr um 135 Prozent. Und damit ist das ganze Ausmaß der Zuwanderung noch gar nicht abgebildet, da viele Anträge erst später gestellt und erfasst wurden. Die Anzahl der eingereisten Asylsuchenden insbesondere aus dem Bürgerkriegsland Syrien, aber auch aus Afghanistan und dem Irak wurde am Ende für das Jahr 2015 mit 890.000 angegeben.
Auslöser für den starken Anstieg der Zahlen in Deutschland und Europa innerhalb weniger Monate war unter anderem eine humanitäre Versorgungskrise in Syriens Nachbarländern. Bei der Flucht übers Mittelmeer kam es immer wieder zu tödlichen Bootsunglücken. Zum Symbol wurde der syrische Junge Alan Kurdi. Der Zweijährige starb, weil ein Schlepperboot unterging; sein Leichnam wurde Anfang September an der türkischen Mittelmeerküste angeschwemmt.
Die Lage verschärfte sich im Laufe des Jahres 2015 hauptsächlich auf der sogenannten Westbalkanroute. Auf diesem Weg gelangten Schutzsuchende aus dem Transitland Türkei nach Griechenland und vor dort über Nordmazedonien und Serbien beziehungsweise Albanien, Montenegro und Bosnien-Herzegowina irregulär nach Westeuropa.
Im Juli begann die ungarische Regierung mit dem Bau eines Zauns entlang der südlichen Grenze zu Serbien. Nordmazedonien erklärte im August den Notstand und schloss seine Grenze zu Griechenland; es gab Ausschreitungen an Bahnhöfen. Die humanitären Zustände waren katastrophal.
Die Grenzen werden nicht geschlossen
Am 21. August 2015 setzte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die Dublin-Regeln für Syrer aus: Noch nicht abgeschlossene Verfahren wurden in Deutschland bearbeitet, statt die Asylbewerber in das EU-Land zurückzuschicken, das sie als erstes betreten hatten. In München und anderen Städten nahmen Ehrenamtliche Flüchtlinge in Empfang.
Am 28. August wurde an der Autobahn 4 im österreichischen Burgenland ein Lastwagen entdeckt, in dem 71 Tote lagen – Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak, von den Schleppern verlassen und in dem Wagen erstickt.
Im September wurden Flüchtlinge in Ungarn daran gehindert, in Züge Richtung Deutschland und Österreich zu steigen und weiterzureisen. Vor den Bahnhöfen in Budapest kam es zu Protesten. Mehr als 2000 Geflüchtete versuchten, die Grenze zu Österreich zu Fuß zu erreichen.
Zur Vermeidung einer humanitären Krise setzte die Bundesregierung am 4. September 2015 die Dublin-Regelungen für über Ungarn und Österreich nach Deutschland einreisende Asylbewerber aus. Sie durften über die Grenze. Am 13. September wurden dann an der deutsch-österreichischen Grenze Kontrollen eingeführt.
Als durch verschärfte Grenzkontrollen die Flucht über die Balkanroute erschwert wurde und nach dem EU-Türkei-Abkommen aus dem Februar 2016 zur Eindämmung der Migration im östlichen Mittelmeer gingen die Zahlen wieder zurück.


