Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Weinstein-Prozess: Wem wollen die Geschworenen glauben?

Mit Rollator unterwegs: der Angeklagte Harvey Weinstein.
Mit Rollator unterwegs: der Angeklagte Harvey Weinstein.

Der Prozess gegen Harvey Weinstein neigt sich dem Ende zu. Der ehemalige Filmproduzent steht wegen mutmaßlicher Sexualverbrechen vor Gericht. Angesichts des Prozessverlaufs erscheint ein Schuldspruch für den 67-Jährigen immer unwahrscheinlicher.

Claudia Salinas möchte überall sein, nur nicht hier an diesem verregneten Morgen in Manhattan. Doch nun sitzt Salinas im Zeugenstand eines kargen Gerichtssaals am Foley Square. Die Schauspielerin und selbst ernannte Influencerin, die von der Männerzeitschrift FHM einmal zu einer der 100 schönsten Frauen der USA gewählt wurde, soll im Harvey-Weinstein-Prozess aussagen, aber man merkt ihr schon bei ihrer Vereidigung den Missmut an.

Die Sache wird nicht besser, als Damon Cheronis, einer von Weinsteins Anwälten, an sein Pult tritt und ohne Umschweife zur Sache kommt. „Haben Sie jemals Harvey Weinstein nackt gesehen“, eröffnet Cheronis das Kreuzverhör. Salinas antwortet mit einem pikierten „Nein“. „Waren Sie jemals mit ihm im Badezimmer eines Hotels?“ Wieder ein pampiges „Nein“.

Laut Lauren Young hat Weinstein sie befingert

So geht das eine dreiviertel Stunde lang. Dabei ist Salinas eine, wenn auch widerwillige, Zeugin eben jener Verteidigung, die sie hier in die Zange nimmt. Donna Rotunno, die flamboyante Chefanwältin von Weinstein, hat sie berufen, um die Aussage einer wichtigen Belastungszeugin zu widerlegen.

Es geht um Lauren Young, eine Drehbuchschreiberin. Vor ziemlich genau sieben Jahren, so hatte Young ausgesagt, habe Weinstein sie in das Badezimmer des Montage-Hotels in Hollywood gedrängt, sich vor ihr ausgezogen, sie befingert und sich dabei selbst befriedigt.

Youngs Fall steht nicht zur Verhandlung, doch ihr Auftritt könnte einen erheblichen Einfluss auf das Strafmaß haben. Ihre Aussage und die von drei anderen mutmaßlichen Weinstein-Opfern sollen ein „Muster von sexuell räuberischem Verhalten“ demonstrieren.

Erneuter Dämpfer für die Anklage

Laut Young hat Salinas bei dem damaligen Vorfall eine entscheidende Rolle gespielt. Salinas hatte Young mit Weinstein zusammengebracht. Und nicht nur das. Young behauptet, Salinas sei ebenfalls im fraglichen Hotelzimmer gewesen, und zwar als Handlangerin von Weinstein. Die gebürtige Mexikanerin habe sie sogar in das Badezimmer geschubst und hinter ihr die Türe verriegelt.

Selbstverständlich verwahrt sich Salinas gegen solche Vorwürfe. Ebenso gegen Verdächtigungen, sie habe regelmäßig Weinstein Frauen zugeführt. Am Ende bringt Salinas die unangenehme Pflichtübung mit erhobenem Haupt hinter sich. Sie wirkt glaubwürdiger als Young, die unter anderem behauptet hatte, sie habe gar nicht gemerkt, dass sie in ein Hotel- und dann in ein Badezimmer gelaufen sei.

Die Aussage von Salinas ist ein erneuter Dämpfer für die Anklage im Weinstein-Prozess. Auch bei der zweiten Zeugin des Tages, der brasilianischen Schauspielerin Talita Maia, läuft es nicht rund. Maia, eine ehemals enge Freundin einer der beiden Hauptklägerinnen, Jessica Mann, beschreibt ausführlich, dass Mann eine anhaltende Beziehung zu Weinstein unterhielt und sich niemals etwas von einem etwaigen Missbrauch habe anmerken lassen.

Verteidigerin Rotunno ist zufrieden

Donna Rotunno ist sichtlich zufrieden. Es sieht gut aus für sie und Weinstein. Schon Wochen vor dem Prozess hatte die Anwältin aus Chicago verkündet, dass sie Weinstein in diesem Fall als das eigentliche Opfer sieht. Die ganze Anklage basiere auf einer kulturellen Werteverschiebung, die weit über das Ziel hinausgeschossen sei. Im Zuge der #Metoo-Bewegung, der Rotunno gewisse Meriten gar nicht absprechen möchte, sei man geneigt, Opfern ungefragt einfach zu glauben. Auf der Strecke bleibe dabei die Rechtsstaatlichkeit.

Rotunno hat für diese Argumentation einiges einstecken müssen. Sie wurde als Inbegriff des Bösen tituliert, als Verräterin aller Frauen.

Jessica Mann verliert beim Kreuzverhör die Fassung

Ihrem Ruf als Bulldogge wird sie auch während des Prozesses gerecht. Jessica Mann, eines der beiden Opfer, deren Fälle in Manhattan verhandelt werden, verlor nach dem Kreuzverhör mit Rotunno derart die Fassung, dass die Verhandlung abgebrochen werden musste.

Mann musste sich gegenüber Rotunno dafür rechtfertigen, dass sie über Jahre eine sexuelle Beziehung mit Weinstein unterhielt und daraus berufliche Vorteile zog. Immer wieder fragte Rotunno Mann, ob sie Weinstein manipuliert habe. „Ich schätze, wenn man die Art und Weise betrachtet, wie ich versucht habe, damit umzugehen, ja, dann kann man das vielleicht als manipulativ beschreiben“, stammelte Mann, bevor sie in ein unkontrolliertes Schluchzen ausbrach.

Der Tag, an dem Jessica Mann in den Zeugenstand trat, wird zweifelsohne als der bestimmende Tag des Weinstein-Prozesses in Erinnerung bleiben. An ihm wird sich in der Rückschau zeigen, inwieweit die Errungenschaften und Erkenntnisse von #metoo justiziabel sind.

Die Schwierigkeiten der Anklage

Jessica Mann war der Inbegriff der naiven jungen Schauspielerin, die nach Hollywood kommt, um berühmt zu werden. Auf einer Party wird sie Harvey Weinstein vorgestellt, einem der mächtigsten Männer des Geschäfts. Er interessiert sich für sie, sie fühlt sich geschmeichelt und ist aufgeregt.

Die Aussage von Talita Maia, dass Jessica Mann mit Weinstein geflirtet hat, ist glaubhaft. Glaubhaft ist auch, dass in den drei Jahren, in denen Mann und Weinstein ein sexuelles Verhältnis hatten, nicht jede Begegnung gewaltsam erzwungen wurde.

Es mag sein, dass die Anklage deshalb nie schlüssig wird nachweisen können, dass eine Vergewaltigung oder ein sexueller Missbrauch stattgefunden hat. Aber ist es deshalb weniger glaubhaft, dass Mann das Gefühl hatte, in einer entwürdigenden Beziehung zu sein? Dass Weinstein letztlich seine Machtstellung missbraucht hat, um Sex zu erzwingen? Und macht die Tatsache, dass Mann diese Transaktion mitgetragen hat, Weinsteins Handlungen besser?

„Es läuft einzig und alleine darauf hinaus, wem die Geschworenen glauben wollen“, sagt die Rechtsprofessorin Aya Gruber von Universität von Colorado.

Harvey Weinstein humpelt in den Gerichtssaal

Harvey Weinstein selbst ist unterdessen in den drei Wochen seit dem Beginn des Prozesses dramatisch zusammengeschrumpft. Das Bild des allmächtigen Hollywood-Moguls, der der Welt gnadenlos seinen Willen aufzwingt, hat massive Kratzer bekommen.

Weinstein kann einem beinahe leid tun, wie er tief über seinen Rollator gebückt, blass im Gesicht und sichtlich gezeichnet, jeden Tag in den Gerichtssaal humpelt.

Insbesondere ein Detail hat jedoch die Art und Weise verändert, wie man heute Weinstein sieht. Gleich mehrere Zeuginnen haben ausgesagt, dass Weinsteins Genitalien verstümmelt oder missgebildet sind. Den Geschworenen wurden entsprechende Fotos vorgelegt. Ist Weinstein also vielleicht nicht einfach nur einer, der es liebte, seine Macht zu missbrauchen, nur weil er sie hatte? Ist er vielleicht eine bemitleidenswerte Figur, die unter einem tiefen Mangel an Selbstwertgefühl litt und nicht wusste, wie er sich Frauen nähern soll, ohne mit seiner Macht zu spielen?

Gerichtsverhandlungen als dramatische Inszenierungen

Auf die Gefühlslage der Geschworenen wird dieses Bild von Weinstein sicher einen Einfluss haben. Und auch das ist wieder ein Triumph für Donna Rotunno, die wie keine andere versteht, dass Gerichtsverhandlungen in den USA vor allem dramatische Inszenierungen sind.

Dass von dem Prozessausgang abhängt, ob sich Vergewaltigungsopfer in den USA in Zukunft gesetzlich geschützt fühlen können, interessiert Rotunno indes eher weniger. „Frauen können nicht gleichberechtigt sein, wenn sie kein Risiko tragen“, sagte sie kürzlich in einem Interview. „Sie können sich nicht in jede Situation begeben und nachher sagen, ich hatte keine Ahnung, worauf ich mich einlasse.“

Zeugin der Verteidigung: Claudia Salinas.
Zeugin der Verteidigung: Claudia Salinas.
Weinsteins Anwältin Donna Rotunno.
Weinsteins Anwältin Donna Rotunno.
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