Russland
Warum Wladimir Putin auf die Bahn umgestiegen ist
Die elf Waggons, rotgrau gestrichen wie alle Personenwagen der Russischen Eisenbahnen, sehen fast aus wie ein gewöhnlicher russischer Schnellzug. Nur werden sie nicht von einer Diesellokomotive gezogen, sondern gleich von dreien. Eine vierte Lok ist als Reserve angehängt. Dieser wuchtige Zug rauscht auf einem Youtube-Video durch einen herbstlichen Wald. Laut Rechercheportal dossier.center sitzt inzwischen häufig Wladimir Putin drin.
Der russische Staatschef ist angeblich vom Flugzeug auf die Bahn umgestiegen. Wie ein persönlicher Bekannter Putins dem Rechercheportal sagte, reist der Präsident seit September 2021 regelmäßig in dem gepanzerten Zug, also seit sich seine Armee konkret auf ihren Feldzug gegen die Ukraine vorbereitete.
Aufs Land und in die Sommerfrische
Außer zu seinem Lieblingslandsitz im Waldai-Mittelgebirge (420 Kilometer Luftlinie nördlich von Moskau) soll Putin auf der Schiene auch in seine Heimatstadt Sankt Petersburg (620 Kilometer) reisen, aber auch in seinen fernen Sommersitz in Sotschi am Schwarzen Meer (1300 Kilometer). Das bestätigen auch Recherchen des investigativen Portals proekt.media. Demnach wurden 2019 eigens ein Abzweig von der Bahnlinie Moskau – Sankt Petersburg ins Waldai sowie ein für die Öffentlichkeit gesperrter Bahnhof bei Dolgije Borody gebaut. Weitere geheime Bahnstationen bei Putins Datscha Nowo-Ogarjowo nahe Moskau und bei seinem Sommersitz in Sotschi seien schon 2015 und 2017 fertiggestellt worden.
Die Journalisten vermuten, Putin nutzt den wohl immer mit Vorfahrt verkehrenden Zug aus Gründen der Geheimhaltung. So gebe es keine Internetseiten, auf denen man die Bewegungen russischer Personenzüge verfolgen könne, aber viele Portale mit Live-Informationen zum kompletten Flugverkehr über Russland.
Wie Kim Jong-Un in Nordkorea
Ein Großteil der Abteile im Panzerzug dürfte leer sein. Der Präsident fährt in einem Waggon mit Schlafzimmer, Arbeits- und Besprechungsraum, dazu kommt ein Bereich für Leibwache und Dienstpersonal sowie einer für Funk-, Radio- und Internetverbindungen.
Oppositionsmedien vergleichen Putin mit dem nordkoreanischen Kim Jong-Un, der ebenfalls mit Vorliebe im Panzerzug reist. „Der Diktator hat Angst“, verkündet die ukrainische Agentur Unian. Im russischsprachigen Internet wird gespottet, ein ganzes Netz von U-Bahn-Tunneln sei in Bau, um Putin noch mehr Sicherheit zu verschaffen.