Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Warum die Russen Putin weiterhin unterstützen

Sommeridylle in Moskau: Viele Russen blenden in ihrem Alltag die Geschenisse in der Ukraine aus.
Sommeridylle in Moskau: Viele Russen blenden in ihrem Alltag die Geschenisse in der Ukraine aus.

Die russischen Truppen sind auch nach eineinhalb Jahren von einem Erfolg in der Ukraine weit entfernt. Bei Meinungsumfragen versichern die Russen gleichwohl, sie vertrauten auf das Sieger-Gen ihres Staatschefs. Dahinter steht der glühende Wunsch, nichts im eigenen Leben verändern zu müssen.

Eigentlich hat sich die Stadt Twer, nordwestlich von Moskau gelegen, kaum verändert. Auf dem Weltkriegspanzer T-34 im Park des Sieges prangt weiterhin ein weißes „Z“, das Feldzeichen der „Kriegsspezialoperation“ gegen die Ukraine. Aber auch nach fast eineinhalb Jahren Blutvergießen tummeln sich am Wolga-Ufer braungebrannte Strandvolleyballer; die Rollschuhläuferinnen auf der Uferpromenade legen diese Saison bevorzugt karminroten Lippenstift auf.

Das ukrainische Schlachtfeld scheint auf einem anderen Planeten zu liegen. Russland veranstaltet weiter friedliche und komfortable Normalität. Die Rollläden der Schaufenster von Markenkonzernen, die vergangenes Jahr auch in den Twerer Einkaufszentren heruntergingen, sind wieder oben. Auch wenn man Frauenmode statt bei Zarina jetzt bei Serginnetti kauft. Und niemanden stört es, dass Serginnetti aus Kasan im Südwesten Russlands statt aus Mailand stammt. Wirtschaftlich funktioniert das System Putin noch: Russland exportiert weiter Öl, also können die Russen auch weiter konsumieren.

Seine Branche sei sowieso krisenfest, sagt Sergej, Autoreifenhändler. Reifen bräuchten die Autofahrer ja immer. Das erzählte er schon vor einem Jahr, schon damals wohnte er mit seiner Familie im selbstgebauten Eigenheim im Vorort Sawolskij. Sergej hat seither angebaut, eine verglaste Veranda mit Kamin. Aber auf dem Wandsims daneben steht ein Kalenderfoto aus dem Jahr 2012. „Ich habe jetzt auch einen Putin aufgestellt“, sagt Sergej und lächelt etwas verlegen. Präsident Wladimir Putin reitet auf einem Schimmel im kurzärmeligen Sporthemd durch einen Sommerwald. „Manche behaupten ja, er sei ein schlechter Präsident, aber er ist doch unser Präsident.“

Putin schmückt Kamin

Vor einem Jahr sagte Sergej noch, das in der Ukraine, das sei nicht sein Krieg. Und in Russland gebe es keine Freiheit des Wortes, es herrsche Autokratie. Jetzt schmückt der Autokrat seinen neuen Kamin.

Putin ist als Feldherr durchaus umstritten, der Ultra-Patriot Igor Strelkow beschimpfte ihn unlängst als „feigen, talentlosen Versager“ – und wurde verhaftet. Aber nach einer Umfrage des noch unabhängigen Meinungsforschungszentrums Lewada wollten im Juni 68 Prozent der Russen Putin auch nach den Wahlen 2024 als Präsidenten sehen, im September 2021 waren es 47 Prozent. Und 73 Prozent unterstützen seine „Spezialoperation“ in der Ukraine, im Februar 2022, im ersten Monat des Konfliktes, waren es 68 Prozent.

„Die Kritik an Putin erreicht das Massenbewusstsein nicht“, sagt der Lewada-Soziologe Lew Gudkow. Die eineinhalb Jahre eher wechselvoller Kämpfe hätten die Angst der Russen nur verstärkt, den Wohlstand der frühen 2000er zu verlieren. Das gelte auch für das Gefühl, hilflos und verletzlich zu sein.

Die Russen sind müde geworden

Um diese Komplexe zu meistern, schrieben sie Putin immer mehr Stärke zu, auch Mut, Weisheit und Entschlossenheit. „Es gehe nicht darum, ob sie wirklich an ihren Führer glauben“, sagt Gudkow, „sondern, dass sie an ihn glauben wollen“.

Die Russen sind müde geworden. Seit fast eineinhalb Jahren ist ihr Leben komplizierter geworden. Sich aus unabhängigen Medien eine eigene Meinung zu bilden, ist mühsam bis quälend, zumal sie da mit verängstigenden Nachrichten konfrontiert wären. Das hieße auch, sich mit einem Thema zu befassen, vor dem sie sich seit Jahrzehnten drücken: Politik. „Ich will hier und jetzt leben“, sagt eine 41-jährige Juristin und Mutter aus Moskau, „alles andere existiert für mich nicht“.

Keine Proteste mehr

Man ist müde, hat Angst, auch vor den Repressalien des eigenen Staates. Da ist keiner mehr, der wie vergangenen Sommer auf Moskauer Parkschildern „Putin ist das Böse“ sprüht. Kaum einer, der im nüchternen Zustand über die Ukraine reden möchte. Und wer es doch tut, wiederholt lieber das beruhigende „Alles läuft nach Plan“ der TV-Propaganda. Dafür sind viele bereit, sich dumm und grausam zu stellen. „Keine Sorge, der Krieg ist bald vorbei“, sagt ein praktizierender Moskauer Christ lächelnd. „Es gibt ja wirksame Massenvernichtungswaffen, da brauchen wir gar keine Atombombe.“ Empathie ist in Russlands Seele offenbar nur noch ein Spurenelement. Sie ist auch sehr passiv geworden, diese Seele.

73 Prozent der Russen unterstützen die Kriegsspezialoperation, gleichzeitig wollen 53 Prozent, dass man Friedensverhandlungen beginnt. Man vertraut auf Putins Sieger-Gen, will sich aber selbst raushalten. „Ein Glück, dass Sascha jetzt schon eingezogen worden ist“, sagt Sergejs Frau Ira über ihren wehrpflichtigen ältesten Sohn. „Weil der nächste Jahrgang wieder zwei Jahre dienen muss.“ Und im zweiten Dienstjahr sei zu befürchten, dass die Wehrpflichtigen in die Ukraine geschickt werden wie einst nach Afghanistan oder Tschetschenien. Nina, ihre jüngere Tochter, hat mit 13 schon eine VPN-Verbindung auf ihrem Handy, um auf Instagram und westliche Popkanäle zugreifen zu können, die von der Staatsmacht blockiert werden. Auch Russlands Teenager üben Eskapismus.

Hohe Passivität

Die Umfragebekenntnisse zu Putin, auch die „Blut und Tränen“-Parolen der Z-Propagandisten, bedeuten keineswegs patriotisches Massenengagement. Als Jewgenij Prigoschins Söldner Ende Juni Richtung Moskau marschierten, waren in der Hauptstadt keine Bürger zu sehen, die Straßenbarrikaden errichtet hätten, um Putin zu verteidigen. Als einen Monat später Nationalistenhäuptling Strelkow verhaftet wurde, gingen von seinen 830.000 Telegram-Abonnenten kaum hundert auf die Straße. Die Passivität der Russen ist enorm. Mit diesem Volk kann Wladimir Putin noch hundert Jahre Krieg führen.

„Hast du gehört?“, fragt Sergej. „Der deutsche Kanzler soll Russland gebeten haben, zerstörte Leopard-Panzer zurückzugeben, stimmt das?“ Seine Ehefrau Ira schmunzelt. Die Quelle des Reifenhändlers ist eine „Nachrichtenagentur“, die auch berichtet, in der Nato herrsche Panik, weil in Grenznähe Kamikaze-Drohnen eingeschlagen seien.

x