Polen RHEINPFALZ Plus Artikel Vorwürfe gegen deutsche Presse

Polens amtierender Präsident Andrzej Duda bei einer Wahlkampfveranstaltung.
Polens amtierender Präsident Andrzej Duda bei einer Wahlkampfveranstaltung.

Die Stichwahl um das polnische Präsidentenamt wird spannend, die Stimmung ist aufgeheizt. Während sich der liberale Herausforderer Trzaskowski vor der Wahl am Sonntag fröhlich und unbeschwert gibt, wirft der konservative Amtsinhaber Duda Deutschland eine „Einmischung in den polnischen Wahlkampf“ vor.

Für Polens amtierenden Präsidenten Andrzej Duda war die Aufmachung im auflagenstarken polnischen Boulevardblatt „Fakt“ der absolute Gau im Wahlkampf. „Fakt“ hatte vor einer Woche darüber berichtet, dass Duda einen Pädophilen begnadigt hat. Dazu hatte das Blatt den Präsidenten in Großaufnahme gezeigt, ein roter Pfeil deutete auf zwei gezeichnete Umrisse: einen Mann und ein Mädchen. „Er hielt die Tochter fest, schlug ihr ins Gesicht und fasste ihr mit der Hand in den Schritt“, hatte das Blatt getitelt und gefragt: „Herr Präsident, wie konnten Sie so jemanden begnadigen?“

Auf den nächsten Seiten hatten die Leser Details aus der Leidensgeschichte der Tochter und der Lebensgefährtin des Täters erfahren: Vier Jahre lang saß der Mann wegen wiederholter Misshandlung und Vergewaltigung im Gefängnis. Jetzt wollen die Opfer und der Täter wieder zusammenleben. Angeblich habe man sich versöhnt, hieß es. Aber auch, dass der Mann die beiden Frauen finanziell unterstütze, es also wieder ein Abhängigkeitsverhältnis gebe. Dennoch hatte Präsident Duda den Täter begnadigt und das Kontaktverbot aufgehoben.

Einen Skandal hat der Artikel vor allem deshalb ausgelöst, weil die Begnadigung des Pädophilen nicht zu den rigiden Moralvorstellungen passen will, mit denen der konservative Duda im Wahlkampf gegen seinen Herausforderer Rafal Trzaskowski Front macht. Die beiden treten am 12. Juli in einer Stichwahl um das Präsidentenamt gegeneinander an. Hinter Duda steht die nationalpopulistische Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Trzaskowski geht als Kandidat der liberalen Bürgerplattform (PO) ins Rennen.

Duda bezeichnet LGBT als Ideologie

Während Trzaskowski, der beliebte Oberbürgermeister Warschaus, schon mal fröhlich und unbeschwert auf der bunten Gleichheitsparade der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT) in Warschau mitläuft, giftete Duda auf einer Wahlkampfveranstaltung in Brzeg in Richtung der LGBT-Bewegung: „Man versucht uns einzureden, dass dies Menschen seien. Aber das ist eine Ideologie.“ Die Generation seiner Eltern habe nicht 40 Jahre lang darum gekämpft, die kommunistische Ideologie aus den Schulen zu werfen, um jetzt mitansehen zu müssen, wie sich eine andere noch schlimmere Ideologie in den Schulen breitmache.

Nachdem Medien in aller Welt über Dudas LGBT-Hetzrede berichtet hatten, forderte der 48-Jährige per Twitter die Presseagenturen Reuters und Associated Press sowie explizit die New York Times, den Guardian und die Financial Times auf, keine „Fakenews“ mehr zu verbreiten.

Auch „Welt“-Korrespondent im Visier

Auf den Artikel in „Fakt“ aber, das dem deutsch-schweizerischen Medienkonzern Ringier Axel Springer gehört, reagierten Duda und sein Wahlkampfstab mit einer solchen Wucht, dass es auch den „Welt“-Korrespondenten in Warschau, Philipp Fritz, mit in den Strudel zog.

Wohl aus Wut über die steigenden Umfragewerte seines Konkurrenten Trzaskowski, der auf seiner Polen-Wahlkampfreise immer mehr Zuspruch findet, zieht Duda jetzt die antideutsche Karte aus dem Ärmel. Mit diesem Ass konnte die PiS in der Vergangenheit noch fast jede Wahl gewinnen.

Duda stänkert gegen Deutsche

Wohl um davon abzulenken, dass Duda einerseits sexuelle Minderheiten als Nicht-Menschen abqualifiziert, andererseits aber einen pädophilen Vater begnadigt, wird die „Fakt“-Reportage zu einer „Einmischung der Deutschen in den polnischen Wahlkampf“ aufgebauscht.

In Boleslawiec stänkerte der studierte Jurist Duda lautstark, dass es die Deutschen seien, „die uns [Polen] den Präsidenten aussuchen wollen“. So habe der „Welt“-Korrespondent geschrieben, dass Trzaskowski der bessere Präsident sei, da er von den Deutschen keine Kriegsreparationen einfordern wolle.

Warschau bestellt deutschen Diplomaten ein

Das ist zwar falsch – im beanstandeten Artikel hieß es lediglich, dass Trzaskowski als gewählter Präsident möglichen Reparationsforderungen skeptisch gegenüberstehe, da „von diesem Problemfeld zwischen Berlin und Warschau das Verhältnis beider Länder schnell vergiftet werden“ könne – aber das kümmert kaum jemanden in der PiS.

Im Gegenteil: Polens Außenministerium schickte nicht nur einen Beschwerde-Brief an den Verlag Ringier Axel Springer und forderte die Verlagsspitze auf, sich zu entschuldigen, sondern bestellte auch den Geschäftsträger der deutschen Botschaft in Warschau ein, der dafür sorgen solle, dass die „manipulative“ Berichterstattung deutscher Zeitungen zur Präsidentschaftswahl in Polen eingestellt werde.

Wütender Anrufer im Morgenmagazin

Herausforderer Trzaskowski versucht derweil, in den letzten Tagen vor der Wahl so viele Menschen wie nur irgend möglich zu erreichen und von seinem sozialpolitischen und EU-freundlichen Programm zu überzeugen.

Auf Unterstützung des von der PiS kontrollierten Staatsfernsehens TVP kann er sich dabei allerdings nicht verlassen. Ein Anrufer im Morgenmagazin eines Privatradios beschrieb die Berichterstattung von TVP so: „Die von TVP halten uns wohl für blöd. Wenn es in Warschau wie aus Kübeln schüttet, ist Trzaskowski schuld, wenn ein Kanalrohr bricht, ist Trzaskowski schuld, und wenn ein Busfahrer in Warschau einen Unfall baut, ist auch Trzaskowski schuld.“

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