Politik Vorschriftswidriger Bauchtanz

Placeholder-Image

Seit Tagen gibt es den sozialen Medien in Ägypten nur ein Thema: Die Saga um eine russische Bauchtänzerin. Sie nennt sich Gawhara (Juwel) – was schön orientalisch und nach 1001 Nacht klingt, ganz gemäß ihrer Profession. In Wirklichkeit heißt sie Eicatrina Andreeva und stammt aus Russland. Kein Zweifel: Sie ist eine unglaublich gute Bauchtänzerin und noch ein wenig mehr. Ihr provokativer Tanzstil wurde laut ihrem Anwalt Muhammad Salah von den Behörden tatsächlich als „Bedrohung der nationalen Sicherheit Ägyptens“ gewertet. Diese verfügten die Abschiebung der Tänzerin, um die Bedrohung abzuwenden. Seither ist in den ägyptischen sozialen Medien die Hölle los. „Freiheit für Gawhara“, riefen ihre begeisterten Online-Fans. Andere sahen die Grundfesten der ägyptischen Kultur bedroht. Aber eines ist sicher: Gawhara kennt in Ägypten inzwischen jedes Kind, genauso wie ihre Tanzvideos. Die Staatsanwaltschaft hatte die Frage zu untersuchen, ob ihr Tanz „sittenwidrig“ ist, also strafbar nach dem ägyptischen Gesetzbuch, und ob sie „sexuelle Instinkte geweckt hat“. Es geht vor allem um die Arbeitskleidung. Laut der zuständigen Polizeidirektion für Tourismus und Antiquitäten entsprach die nicht einem vorschriftsmäßigen Bauchtänzerinnen-Outfit. Was wiederum die Debatte anheizte, welche Norm für Bauchtanzkleidung denn gelten solle. Nach den offiziellen Regeln muss mindestens ein Drittel der weiblichen Brust bedeckt sein, der Bauch von transparentem Stoff umhüllt sein und die Beine von einem losen Rock, der diese bei Tanzbewegungen freigeben darf. Gawharas Kostüm erfüllte diese Norm nicht wirklich. Aber ihr Anwalt wies nicht zu Unrecht darauf hin, dass ihre ägyptischen Kolleginnen die Kleidungsregeln ebenso frei interpretieren. Aber hinter der ganzen Kontroverse steckt noch eine andere Frage: Darf eine russische Gastarbeiterin diesen ureigenen ägyptischen Beruf ausüben? „Müssen wir wirklich Bauchtänzerinnen importieren?“, fragte ein Kunstkritiker: „Ist die Russin so etwas wie teurer importierter italienischer Mozzarella, und unsere Tänzerinnen sind nur mit einheimischem Kreuzkümmel und billigem Gewürz bestreut?“ Inzwischen ist die Abschiebung Gawharas übrigens abgewendet, die Tänzerin wieder auf freiem Fuß. Ihre Fangemeinde kann aufatmen. Die Wellen werden sich glätten. Und Gawhara darf einfach weitertanzen.

x