USA
Vom Polit-Idol zum schmierigen Tyrannen
Die Cuomos sind eine dieser Politiker-Familien, die in Amerika bekannt wie bunte Hunde sind. Vater Mario war in den 80er und 90er Jahren Gouverneur von New York, Sohn Andrew hat das Amt 2011 übernommen. Sohn Chris hat eine CNN-Show. Forsches Auftreten ist in der Cuomo-DNA. Nun aber scheint Andrew Cuomos Karriere jäh zu enden.
Vor einem Jahr war Andrew Cuomo „America’s Governor“, so etwas wie der Fels in der Brandung, als die Anfangsphase der Epidemie vor allem eines bedeutete: akute Verunsicherung. Die täglichen Pressekonferenzen, auf denen er die Corona-Lage analysierte, ohne sie zu beschönigen, aber auch ohne zu übertreiben, wurden für Millionen von Amerikanern zum Pflichtprogramm. Während US-Präsident Donald Trump Corona kleinredete, redete Cuomo Tacheles. Nun aber verlangen 59 Abgeordnete seines Staates, allesamt Demokraten, dass er seinen Hut nimmt.
Verstorbenen-Statistik gefälscht
Begonnen hat es mit einem Vertuschungsmanöver, das ein New Yorker Boulevardblatt aufdeckte. Um die Corona-Statistik zu schönen, ließ der Gouverneur die Anzahl der Bewohner von Altersheimen, die an den Folgen einer Corona-Infektion starben, um 50 Prozent niedriger angeben, als sie tatsächlich war. Als sei das nicht schlimm genug, machen seit einigen Wochen Berichte von Frauen die Runde, die sich von ihm im Laufe der Jahre sexuell belästigt fühlten.
Eine ehemalige Mitarbeiterin namens Lindsey Boylan schilderte, Cuomo habe sich ihr in den Weg gestellt und ihr einen Kuss aufgezwungen, um ihr später eine Partie Strip-Poker vorzuschlagen. Charlotte Bennett, 25 Jahre alt, erzählte von anzüglichen Fragen über ihr Liebesleben.
Mittlerweile sind es sechs Frauen, die sich zu Wort gemeldet haben. Aus dem Helden der Pandemie ist in der öffentlichen Wahrnehmung ein lüsterner Tyrann geworden, einer jener Machos, die die MeToo-Bewegung in die Schranken zu weisen verspricht. Zwar hat er keine der Frauen zum Sex gezwungen. Aber das Handlungsmuster ist das gleiche wie bei Hollywood-Mogul Harvey Weinstein: „Vielleicht ist Cuomo ein Paradebeispiel dafür, dass es bei sexueller Belästigung gar nicht um Sex geht, sondern allein um Macht“, schreibt Rebecca Traister im Magazin „New York“.
Parteifreunde machen Front
Eigentlich wollte der 63-Jährige seinen Vater übertrumpfen und 2022 zum vierten Mal für den Gouverneurs Posten kandidieren. Dass es ihm gelingt, darf bezweifelt werden. Etliche seiner Parteifreunde wollen sogar erreichen, dass er die Gouverneursvilla in Albany verlässt, bevor seine dritte Amtszeit beendet ist. Auch die beiden Senatoren, die New York in Washington vertreten, reihen sich in die Protestbewegung ein. Cuomo habe das Vertrauen der Bevölkerung verloren, schrieben Chuck Schumer und Kirsten Gillibrand in einem Statement.
Das alles geschieht vor dem Hintergrund einer Machtverschiebung bei den Demokraten in den Küstenmetropolen, besonders ausgeprägt in New York, wo der linke Flügel immer klarer den Ton angibt. Stellvertretend für den Trend steht die Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez. Im Bund mit Gleichgesinnten durchkreuzte sie die von Cuomo forcierten Pläne in Long Island City eine zweite Zentrale des Amazon-Konzerns zu errichten. Viele geringverdienende New Yorker hätten sich wohl die Mieten in der Umgebung bald nicht mehr leisten können. Cuomo soll das Scheitern des Prestigeprojekts mit einem Wutanfall quittiert haben.