Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Venezuelas Gegen-Präsident Guaidó läuft die Zeit davon

Auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum im Januar stand Juan Guaidó noch im Mittelpunkt.
Auf dem Davoser Weltwirtschaftsforum im Januar stand Juan Guaidó noch im Mittelpunkt.

Am Wochenende hat man Juan Guaidó nach einer langen Zeit des Abtauchens wieder in der Öffentlichkeit gesehen. Der selbst ernannte Präsident und Oppositionsführer steckt zusammen mit seinem Projekt, der angestrebten Ablösung des autoritär herrschenden Machthabers Nicolas Maduro, in einer schweren Krise.

In der Hauptstadt Caracas mischte sich Guaidó unter die Autofahrer, die in langen Schlangen vor einer Tankstelle auf Sprit warteten. „Das darf nicht zur Gewohnheit werden“, sagte er – wegen Corona mit Mundschutz und Gummihandschuhen bewehrt. „Die Schuld daran hat Diktator Maduro.“

In den vergangenen Wochen hatte sich der von den USA unterstützte Guaidó förmlich weggeduckt. Seit die „Operación Gedéon“ Anfang Mai krachend gescheitert ist, war der ergraute 36-jährige aus der Öffentlichkeit verschwunden. Er versuchte, hinter den Kulissen die Wogen zu glätten, nachdem das dilettantisch durchgeführte Kommandounternehmen namens „Operación Gedéon“ zum Sturz von Nicolás Maduro gescheitert war. Nur halbherzig distanzierte sich Guaidó von dem Vorwurf der Regierung, er sei Drahtzieher der „Operación Gedéon“ gewesen.

Die Truppe war infiltriert

Zur Erinnerung: Am ersten Mai-Wochenende griffen venezolanische Sicherheitskräfte an zwei Stellen der Küste nahe Caracas rund 50 Söldner auf, darunter zwei Ex-US-Elitesoldaten. Ihr Plan war es offenbar, Maduro festzunehmen und in die USA entführen zu lassen. Die Aktion unter der Führung der US-Sicherheitsfirma Silvercorp scheiterte auch deswegen, weil der venezolanische Geheimdienst die Truppe infiltriert hatte. Kaum ebbte die Aufregung über die „Operación Gedéon“ etwas ab, verhandelte Guaidó mit der Regierung über ein Abkommen zur Lösung der humanitären Krise, die die Corona-Pandemie in Venezuela heraufbeschworen hat.

Umfragen belegen derweil, dass Guaidó heute keine Chancen mehr hätte, die Bevölkerung zu Massendemos gegen die Regierung zu mobilisieren, so wie er dies noch 2019 geschafft hat. Guaidós Zustimmung in der Bevölkerung fiel von 60 Prozent auf rund die Hälfte.

Vorwurf: unsinnige Alleingänge

In dem breiten Anti-Maduro-Bündnis wenden sich immer mehr Parteien und Politiker von Guaidó ab. Sie werfen ihm unsinnige Alleingänge vor, mit denen er eine Lösung des Machtkampfs erreichen wolle. Noch gut in Erinnerung ist der missglückte Putschversuch vom 30. April 2019, als Guaidó versuchte, die Armee auf seine Seite zu ziehen.

Das Dilemma der venezolanischen Opposition ist, dass es keinen Konsens darüber gibt, wie man die Ablösung Maduros erreichen soll. Es gibt diejenigen, die punktuell strategische Allianzen mit dem Regime für hilfreich erachten. Andere setzen hingegen auf eine Gewaltandrohung von außen, damit Maduro geht. Gerade diese Fraktion aber stuft der frühere oppositionelle Präsidentschaftskandidat Henri Falcón als kontraproduktiv ein: „Die machen keine Politik, sondern sie klammern sich an die Gewalt und hoffen, dass die USA das Problem lösen.“

Im Dezember wird neu gewählt

Bei aller Kritik an Guaidó gibt es momentan keine Figur in der Opposition, die ihn ersetzen könnte. Zudem hat er institutionellen Rückhalt in seiner Funktion als Parlamentspräsident. Doch Guaidó läuft die Zeit davon. Sollte es die Pandemie erlauben, wird die venezolanische Nationalversammlung im Dezember neu gewählt. Danach könnte Guaidó so schnell wieder verschwinden, wie er einst erschienen ist.

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