Politik
US-Präsidentschaftskandidaten: Joe Biden unter Druck, Pete Buttigieg im Aufwind
Sie müsse jetzt mal, sagt die junge Frau mit der olivgrünen Baseballkappe, eine etwas gemeine Frage stellen. Madison, Studentin der Wirtschaftswissenschaften, stellt sie sich vor. Sie hat sich das Mikrofon geschnappt, nun steht sie schräg hinter Joe Biden, gleich neben Feuerwehrleuten, auf deren knallgelben Postern zu lesen ist, dass die Feuerwehrleute für Joe Biden sind. „Wie erklären Sie sich die Sache mit Iowa?“, fragt die Studentin. „Wie wollen Sie die Leute davon überzeugen, dass Sie der Richtige sind, um Donald Trump zu besiegen?“
Draußen klirrende Kälte, drinnen viel graues Haar, abgesehen von Madison und den Grundschülern, die die Regie sehr zentral platziert hat, damit es am Fernseher nicht so aussieht, als wäre dies ein Altentreff. Die Sache mit Iowa: Gemeint ist das enttäuschende Abschneiden in dem Bundesstaat, dessen Wähler als Erste darüber abstimmten, wer Trump im Herbst herausfordern soll. Dort landete Biden am 3. Februar nur auf dem vierten Platz, womit er seinem wichtigsten Argument ziemlich viel an Überzeugungskraft nahm.
Warten bis South Carolina?
Seit Monaten wirbt der ehemalige Vizepräsident damit, dass eigentlich nur er Trump schlagen könne. Zum einen wegen seiner Regierungserfahrung, zum anderen, weil er den Rust Belt, 2016 die wahlentscheidende Region, von allen Bewerbern am besten kenne. Die Parteibasis in Iowa hat er damit nicht überzeugt. Nun geht es in New Hampshire, auf der zweiten Etappe des Vorwahlrennens, eigentlich schon um alles. Schneidet er hier nicht besser ab, ist er schnell zum Verlierer gestempelt. Dann würden ihm bislang großzügige Spender nach der unerbittlichen Logik unerbittlich harter Wahlkämpfe im Nu den Geldhahn zudrehen.
Womöglich müsste Biden das Handtuch werfen, noch ehe die Karawane weiterzieht nach South Carolina. Dort, auf der vierten Etappe (Nevada ist am 22. Februar die dritte), will der 77-Jährige am 29. Februar das Feld von hinten aufrollen. Dort sind es mehrheitlich Afroamerikaner, die bei den Demokraten abstimmen. Gerade bei ihnen steht Biden in hohem Ansehen, allein schon wegen seiner tadellosen Loyalität gegenüber dem ersten farbigen US-Präsidenten, Barack Obama. Aber damit Biden im Süden der USA überhaupt noch ein Comeback feiern kann, darf er sich in New Hampshire nicht noch einmal so blamieren wie in Iowa.
Buttigieg: hellwach und dynamisch
Deshalb hetzt er seit Tagen kreuz und quer durch den Staat im Norden Neuenglands, um wettzumachen, was er in der Favoritenrolle monatelang an Einsatz vermissen ließ. In Ashworth by the Sea, an der Uferpromenade am Atlantik, stürmt er am Sonntag zu Klängen Bruce Springsteens in einen Hotelsaal, mit federnden Schritten darum bemüht, möglichst dynamisch zu wirken. Vor allem bei Kandidatendebatten erweckt Biden den Eindruck, als sei er zu alt, zu müde, nicht mehr gedankenschnell genug, um noch mithalten zu können.
Gerade auf der Debattenbühne hat ihm Pete Buttigieg, der junge, ebenso hellwache wie wortsichere Ex-Bürgermeister der Industriestadt South Bend, den Rang abgelaufen. Da auch Buttigieg für Reformen in kleinen Schritten steht, ist er in den Augen vieler Wähler inzwischen so etwas wie der jüngere, politisch attraktivere Joe Biden. Der neue Hoffnungsträger des moderaten Flügels. Weshalb Biden eindringlich davor warnt, sich auf ein allzu gewagtes Experiment einzulassen. Er glaube schon, sagt er, dass die Partei ein Risiko eingehe, wenn sie einen Kandidaten nominiere, der noch nie ein höheres Amt ausgeübt habe als das des Bürgermeisters von South Bend.
Ein Filmchen seiner Kampagne zeigt einen bunt angestrahlten Fluss, den St. Joseph River, der sich durch South Bend schlängelt, wozu eine Sprecherin aus dem Off kommentiert: „Als Park-Spaziergänger sich an Pete Buttigieg wandten, installierte er farbige Lampen unter Flussbrücken.“ Der Vizepräsident Biden dagegen sei immer dann gefordert gewesen, wenn es um Wichtiges ging. Der selber erzählt in Ashworth by the Sea vom Atomdeal mit Iran, vom Pariser Klimaabkommen, von der Gesundheitsreform, die die Anzahl nicht krankenversicherter Amerikaner vorübergehend reduzierte. „Um das alles hab’ ich mich im Auftrag Baracks gekümmert.“ Eher ungewollt klingt es irgendwann so, als hätte Obama nur zu Repräsentationszwecken im Oval Office gesessen, während er, Biden, die kniffligen Verhandlungen führte.
Biden setzt auf seine Erfahrung
Es gilt, den Kontrast zu Buttigieg herauszustellen: hier der erfahrene Staatsmann, dort der Provinzbürgermeister, der einen Fluss bunt anleuchten ließ. „Nun mal sachte, der Bursche ist doch kein Barack Obama!“, beschwerte sich Biden neulich bei Reportern. Der Vergleich sei doch absurd.
Und doch: Eine Umfrage des Senders CNN sieht Biden in New Hampshire mit elf Prozent der Stimmen nur auf Rang drei, weit hinter dem Senator aus dem benachbarten Vermont, Bernie Sanders (28 Prozent), und Buttigieg, dem Mann aus Indiana (21 Prozent). Buttigiegs Erfolgsrezept ist es, den goldenen Mittelweg zu skizzieren. Einen Schwenk nach links, aber sachte. Reformen, aber mit Augenmaß. Damit bleibt er im Ungefähren, aber er stößt auch keinen vor den Kopf. Mayor Pete, der Praktiker aus dem Mittleren Westen.
Buttigieg war 17, als Eric Harris und Dylan Klebold im April 1999 in Trenchcoats in die Columbine High School in Littleton, Colorado, marschierten und zwölf Schüler und einen Lehrer erschossen. Er war 19, als Terroristen im September 2001 entführte Flugzeuge in die New Yorker Zwillingstürme und das Pentagon krachen ließen. Seine Generation, sagt er, sei die erste, die sich an Schießereien an Schulen habe gewöhnen müssen. Seine Generation habe das Gros der Soldaten gestellt, die nach 9/11 in die Kriege im Irak und in Afghanistan zogen. Seine Generation sei die erste in Amerika, der es finanziell schlechter gehe als ihren Eltern. Die Erfahrungen seiner Generation, schlägt er den Bogen zur Wahlschlacht, könnten vielleicht auch im Oval Office nützlich sein. Nützlicher als die eines Urgesteins wie Biden, der nun mal doppelt so alt sei.
Für Studentin Madison nur eine laue Antwort
Ob er der Richtige sei, um Trump zu besiegen? Joe Biden hat einen langen Anlauf genommen, bevor er Madison, der Studentin, eine Antwort gab. Es mäanderte dahin, zwischendurch zitierte er seinen Vater: „Joey, es zählt nicht, wie oft du am Boden liegst, es zählt nur, wie schnell du dich wieder aufrappelst.“ Und eine Antwort gibt er dann eigentlich nicht, jedenfalls keine eindeutige. „Wir werden es bald herausfinden“, sagt der Veteran. „Es ist keine gemeine Frage, sondern eine ehrliche“, sagt er noch. Es klingt fast schon ein bisschen nach Resignation.