Russland und Olympia
„Unmännlichkeit“ löst Kulturschock aus
Nikolai Walujew, früherer Boxweltmeister und Duma-Abgeordneter, ist empört: „Noch gestern schien es irgendwie verwunderlich, zu sehen, wie ein Kerl aus einer Damentoilette kommt“, schrieb er auf Instagram zu einem Video der neuseeländischen Gewichtheberin Laurel Habbard. Sie nimmt bei den Olympischen Spielen in Tokio als erste Transgender-Olympionikin teil. Walujew warnt davor, dass künftig eine Horde von „Ex-Kerlen“ den Weltfrauensport einnehmen wird.
Während die Spiele in Tokio laufen, veranstaltet Russland sein eigenes Olympia: das der Skandale.
Strafe nach Doping-Skandalen
Es sind besondere Spiele für Russland. Wegen des systematischen Dopings im vaterländischen Hochleistungssport – vom Staat jahrelang mit organisiert und gedeckt – dürfen die russischen Sportlerinnen und Sportler nur unter Auflagen teilnehmen: ohne nationale Trikots, Fahnen und Hymne. Die Demütigung sitzt tief.
Und so war das Feuer in Tokio noch nicht entfacht, da empörte sich Tatjana Nawka, frühere Olympiasiegerin im Eiskunstlauf und Gattin von Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, über das Video eines spanischen Sportgymnasten, der in einem glitzernden und knappen Trikot auftrat. „Ein Kulturschock!“, beklagte Nawka solche Unmännlichkeit. „Welche Menschen wachsen in der westlichen Welt mit diesen Tendenzen auf?“
Nach dem Start der Spiele bekam der Tennisspieler und Olympia-Teilnehmer Daniil Medwedew einen Wutanfall, nachdem ihn ein chilenischer Journalist auf das „Betrüger-Image“ der russischen Sportler angesprochen hatte. Die russische Delegation war über die Frage so empört, dass sie eine offizielle Rüge für den Journalisten durch das Organisationskomitee fordert.
„Na los, fall hin!“
Während der russische Präsident Wladimir Putin Glückwunschtelegramme an alle russischen Goldmedaillengewinner verschickt, peitschen TV-Kommentatoren den russischen Boxern mit Weltkriegsparolen ein. Und beim Turnen wünschte Ex-Olympiasiegerin Lidia Iwanowa im TV einer amerikanischen Turnerin: „Na los, fall hin!“
Zwar verhalten sich die meisten russischen Sportler deutlich fairer. Doch vielen Zuschauern dürfte es gehen wie dem Schriftsteller Viktor Schenderowitsch, der auf Facebook schrieb: „Mit unseren Athleten kann man bei diesen Olympischen Spielen nur mitfiebern, wenn man den Ton am Fernseher ausschaltet.“