Krieg in der Ukraine Unklare Schadenslage nach Beschuss von Kernkraftwerk
Der russische Beschuss des ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja hat Angst vor einer Reaktorkatastrophe in Europa ausgelöst. Nach Angaben der ukrainischen Behörden und der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) wurden keine systemrelevanten Anlagenteile getroffen, die nukleare Sicherheit sei nicht beeinträchtigt und es sei keine Radioaktivität freigesetzt worden. Der durch den Beschuss ausgelöste Brand betraf demnach ein Schulungsgebäude außerhalb des Schutzraums um das Kraftwerk und wurde später gelöscht. Inzwischen besetzten russische Truppen das Akw-Gelände.
Das Kraftwerk liegt im Süden der Ukraine am Fluss Dnjepr, etwa 200 Kilometer von der Halbinsel Krim entfernt. Mit einer Gesamtkapazität von fast 6000 Megawatt ist es das größte Atomkraftwerk in Europa und kann etwa vier Millionen Haushalte mit Strom versorgen. Unter normalen Umständen liefert Saporischschja ein Fünftel des ukrainischen Stroms und fast die Hälfte der Kernenergie des Landes. Das AKW ist knapp 1900 Kilometer Autofahrt von Berlin entfernt.
Experte warnt vor Freisetzung von Radioaktivität
Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) teilte am Freitagmorgen mit, alle radiologischen Messwerte an dem Kraftwerk bewegten „sich weiter im normalen Bereich“. Das BfS und das Bundesumweltministerium beobachten nach eigenen Angaben die Lage und informieren über neue Entwicklungen. Die beiden Behörden erklärten zugleich, dass das „Ausmaß der Schäden“ in dem ukrainischen Kernkraftwerk bislang unklar sei. Außerdem sei die Informationslage schwierig.
Doch wie gut lässt sich die Gefahr für Deutschland durch einen möglichen Angriff auf ein Atomkraftwerk in der Ukraine überhaupt einschätzen? Da es Angriffe auf Atomkraftwerke in der Geschichte bislang nicht gegeben hat, sind Prognosen schwierig und aktuell mit großer Unsicherheit verbunden. Eine solche Gefährdungslage sieht das Bundesumweltministerium aber aktuell nicht.
Brennstäbe müssen permanent mit Wasser gekühlt werden
Der Atomkraftexperte Michael Sailer warnte derweil vor unabsehbaren Gefahren aufgrund der Entwicklung im ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja. „Auch wenn der Reaktorbetrieb stabil bleiben sollte, sind die Gefahren immens“, sagte Sailer dem „Handelsblatt“. Der Experte verwies auf die großen Lager für abgebrannte Brennelemente, die in Saporischschja in unmittelbarer Nähe der Reaktoren stünden. Die Brennstäbe müssten permanent mit Wasser gekühlt werden, sagte Sailer. „Sollte das Kühlwasser – etwa aufgrund von Explosionen oder durch Beschuss – austreten, wäre die Kühlung der Brennelemente gestört oder würde komplett ausfallen. Es ließe sich dann kaum mehr vermeiden, dass es nach wenigen Tagen zu einer massiven Freisetzung von Radioaktivität käme“, sagte Sailer.
Außerdem gebe es in Saporischschja auch ein Behälterlager ohne Kühlwasser. „Auch dort könnte ein massiver Beschuss zu Radioaktivitätsfreisetzungen führen“, sagte Sailer. Der langjährige Chef des Freiburger Öko-Instituts war bis 2019 Vorsitzender der Entsorgungskommission und von 1999 bis 2014 Mitglied der Reaktor-Sicherheitskommission.
Atomkraftwerke an vier Standorten
Insgesamt unterhält die Ukraine an vier Standorten Atomkraftwerke. Insgesamt werden dort 15 Druckwasserreaktoren mit einer installierten Gesamtleistung von 13,8 Gigawatt betrieben. Das AKW Saporischschja im Südosten des Landes ist mit sechs Reaktoren das größte in ganz Europa. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) war am Freitag allerdings nur einer der sechs Reaktorblöcke in Betrieb. Die anderen seien abgeschaltet worden oder wegen routinemäßigen Wartungsarbeiten außer Betrieb, hieß es in Wien. Weitere Atomkraftanlagen stehen bei Riwne (vier Reaktoren) und Chmelnyzkyj (zwei) im Nordwesten sowie bei Mykolajiw (drei) im Südwesten der Ukraine. Am Standort Tschernobyl, wo sich 1986 ein verheerender Atomunfall ereignete, sind alle Reaktoren stillgelegt. Das Land bezieht mehr als die Hälfte seines Stroms aus der Atomkraft. Alle ukrainischen Reaktorblöcke gehen auf sowjetische Pläne zurück.
Jodtabletten nicht ohne Anlass einnehmen
Für den Fall einer hohen Strahlenbelastung hat Deutschland Vorkehrungen getroffen. So sind hierzulande 189,5 Millionen Jodtabletten in den Bundesländern bevorratet. Sollte ein Ereignis eintreten, bei dem radioaktives Jod in der Luft zu erwarten ist, übernehmen die Katastrophenschutzbehörden die Verteilung der Tabletten in den möglicherweise betroffenen Gebieten. Die Einnahme von Jodtabletten schützt dabei ausschließlich vor der Aufnahme von radioaktivem Jod in die Schilddrüse, nicht vor der Wirkung anderer radioaktiver Stoffe.
Wovon die Behörden aktuell dringend abraten, ist die anlasslose Einnahme von Jodtabletten. „Eine Selbstmedikation mit hoch dosierten Jodtabletten birgt erhebliche gesundheitliche Risiken, hat aktuell aber keinen Nutzen“, schreibt das BfS.