Glosse RHEINPFALZ Plus Artikel Ungefähr – in Berlin ist das eine gängige Maßeinheit

15 Zentimeter sind nicht immer 15 Zentimeter. Die Berliner Polizei hat Lineale mit Hauptstadtzuschlag verteilt.
15 Zentimeter sind nicht immer 15 Zentimeter. Die Berliner Polizei hat Lineale mit Hauptstadtzuschlag verteilt.

Ob Bauzeit, Tunnelbreite oder Lineallänge – in Berlin geraten Maße gern ins Schlingern. Jüngstes Beispiel: ein Werbelineal der Polizei mit drei Millimetern Hauptstadtzuschlag.

Berlin schafft es wieder einmal, aus drei Millimetern eine Staatsaffäre zu machen. Ein Werbelineal der Polizei misst nicht 15 Zentimeter, sondern 15 plus Hauptstadtzuschlag. Man könnte sagen: Endlich ein Messinstrument, das den Berliner Geist korrekt abbildet – immer ein bisschen drüber.

Entdeckt wurde das Ganze schon im Dezember. Ein Schüler hatte genauer hingeschaut als die Beschaffungsstelle. Zehntausend Lineale waren da längst im Umlauf, rund 3500 Euro hatte die Polizei investiert, die Gewährleistung war – wie so vieles in der Hauptstadt – bereits Geschichte. Die restlichen Lineale wurden daraufhin aus dem Verkehr gezogen.

Schmerzensgeld für drei Millimeter

Und jetzt, Wochen später, kommt die nächste Pointe: Der Hersteller zahlt eine pauschale Entschädigung. Aus Kulanz. Berlin bekommt Schmerzensgeld für drei Millimeter.

Natürlich sind drei Millimeter kein Drama. Aber sie sind doch eine hübsche Metapher. Denn Berlin und das Messen, das ist seit jeher eine komplizierte Beziehung. Beim Hauptstadtflughafen BER war es nicht die Länge des Lineals, sondern die Länge der Bauzeit, die elastisch geriet.

Oder die U-Bahn. Neue Wagen kommen, modern, freundlich beleuchtet – nur leider ohne Klimaanlage. Zu eng seien die Tunnel, heißt es, zu wenig Platz zwischen Zugdach und Tunneldecke. Ein paar Zentimeter entscheiden über Frischluft oder Tropenklima. Die Gegenwart ist eben größer als in der Vergangenheit gebaut wurde.

Zu breit, zu eng, zu heiß

Schon früher einmal waren neue Wagen für Teile des Netzes zu breit, sodass die Bautrupps anrücken mussten. Zu breit, zu eng, zu heiß – die Hauptstadt kennt sich mit Maßabweichungen aus. Zentimeter sind hier keine Kleinigkeit, sondern beinahe politische Kategorie.

So gesehen ist das falsche Polizeilineal fast schon ehrlich. Es misst nicht dramatisch falsch, es ist nur etwas großzügig. Und ungefähr ist in Berlin ja eine gängige Maßeinheit.

Drei Millimeter sind objektiv betrachtet nichts. In der Hauptstadt sind sie eine Frage der Haltung. Hier wird nicht falsch gemessen, hier wird großzügig interpretiert. Aus Plan wird Perspektive, aus Verzögerung Entwicklung – und aus einem Lineal ein Sinnbild für jene Unschärfe, die man andernorts schlicht Fehler nennen würde.

Andere Städte wachsen an ihren Aufgaben. Berlin wächst an einem Lineal.

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