Ausland
Ukraine: Unterwegs mit Drohnenpiloten an der Front
Mischa steht am Eingang des Bunkers unter einem Tarnnetz. Hinter ihm ein dunkler Tunnel unter einem Waldstreifen. Über ihm ein strahlend blauer Himmel, durchzogen von Wolken. Gute Sicht für einen Drohnenpiloten. Das gilt für den 38-Jährigen selbst. „Aber auch für den Feind“, erklärt er. In der Hand hält er einen Scanner. Kleine Antennen tasten die Umgebung ab. Auf der Suche nach Radiofrequenzen, die die Drohnen steuern. Ist eines der Flugobjekte nahe genug, kann Mischa sehen, was der Feind am Steuerknüppel selbst sieht. Jetzt flimmert es nur schwarz-weiß auf dem Bildschirm. „Alles klar, nichts am Himmel“, sagt Mischa.
Er eilt die Treppen hinauf. Hinter ihm läuft Ulyana. Beide hasten zu einer nahen Baumgruppe. Dort steht eine mächtige Drohne. Auf sie ist ein Transmitter geladen. Die beiden packen an und tragen sie auf ein Wiesenstück direkt vor der Bunkeranlage. Mit schnellen Handgriffen macht das Duo die Drohne startklar. Dann im Laufschritt zurück in den Bunker. Nicht zu lange sichtbar sein. Zwei Minuten später sitzen sie neben ihrem Kameraden Mykola in einer engen unterirdischen Betonkapsel. Vor ihnen reihen sich mehrere Bildschirme aneinander. Mischa startet die Drohne. Auf dem Bildschirm zeigt ihre Kamera Felder, Waldstücke und Wiesen nahe der umkämpften Stadt Kupiansk. „Rund 15 Kilometer sind wir hier von den russischen Linien entfernt“, erklärt Mischa.
Drohnen im Huckepack
Einige hundert Meter entfernt steigt eine weitere Transport-Drohne auf. „Eine Mutter-Drohne“, kommentiert Mischa. In einem anderen Bunker sitzt ebenfalls ein Team. Die „Vampyr“ trägt eine kleine Kamikaze-Drohne in Richtung der russischen Linien. Mischas Drohne verstärkt die Radiosignale für die FPV-Drohne. Die Mutterdrohne fliegt bis kurz vor Schussweite der russischen Einheiten, dann löst sich das mit einem Sprengsatz versehene kleinere Fluggerät. So können Ziele tiefer im Hinterland angegriffen werden.
Das Huckepack-System ist ein gutes Beispiel für den Einfallsreichtum der ukrainischen Verteidiger. Die müssen sich nicht nur der russischen Invasoren erwehren, sondern sich vom US-Präsidenten bis zum deutschen TV-Philosophen anhören, dass ihre Karten zu schlecht sind, um zu gewinnen. Doch derzeit spielt die ukrainische Armee ein gutes Blatt. Ihre langfristig angelegte Strategie der kleinen Schritte zahlt sich aus. Mit unzähligen Angriffen aus der Luft schalten die Verteidiger die Versorgungsinfrastruktur der russischen Armee im Hinterland aus. Treibstofflager werden getroffen, Versorgungstrucks, Funkstationen, Munitionslager, Artillerie und Flugabwehr. Die Folge: Russland muss mit Logistik-Einrichtungen immer weiter zurückweichen.
Die Entwicklung von Drohnen ist kriegsentscheidend geworden. Viele Beobachter sehen hier die Ukraine im Vorteil. Da ist die jüngst vorgestellte „Behemot“, eine Mittelstrecken-Kamikazedrohne mit über 290 Kilometern Reichweite. Sie fliegt extrem niedrig, für die russische Flugabwehr schwer abzuschießen. Die Waffe trägt zwei Sprengköpfe: 40 Kilo im Bug, 35 Kilo im Heck. Laut ukrainischen Angaben ist sie bereits in der Massenproduktion. „Nemesis“, die schwere Angriffs- und Minenlegedrohne, hat eine Reichweite von bis zu 30 Kilometern. Ihr besonderer Vorteil: Sie nutzt Starlink-Satellitenverbindungen anstelle klassischer Funkfrequenzen. Russische Störsender können sie nicht blockieren. Dass Elon Musk den russischen Streitkräften den Zugang zu seinem Starlink-Netzwerk gesperrt hat, erschwert die Lage für Moskaus Truppen weiter.
Während die russische Drohnenentwicklung starr und zentralisiert erfolgt, bauen in der Ukraine landesweit verstreut Hersteller und Entwickler derzeit einen Innovationsvorsprung aus. Die Liste der ukrainischen Langstrecken-Drohnen ist lang: „Liutyi“ gilt als das Rückgrat der ukrainischen Tiefenangriffe. Die Raketendrohne „Palianytsia“ fliegt 500 km/h schnell und wird vor allem für Angriffe auf Militärflughäfen genützt. Die „Scythe“ besitzt eine Reichweite von bis zu 950 Kilometer. Sie ist ein Billigflieger mit Propeller und einem Rumpf aus Sperrholz. Ihr massenhafter Einsatz überfordert die Flugabwehr. Die „Aeroprakt A-22“ ist ein umgebautes Leichtflugzeug, das über 1000 Kilometer zurücklegen kann und dabei eine große Sprengladung mit sich trägt.
Dann ist da die Langstreckenwaffe „Flamingo“. Der Marschflugkörper kann Ziele mit einer Reichweite von bis zu 3000 Kilometern angreifen. Dazu kommt der vermehrte Einsatz von Landdrohnen als Waffen oder unbemannte Transporter in der ersten Linie. Die ukrainischen Luftabwehr-Drohnen sind seit Beginn des Iran-Kriegs mittlerweile selbst in den Golfstaaten gefragt.
Die Langstreckenwaffen sollen Putins Geldquelle zum Versiegen bringen: Russland finanziert seinen Angriffskrieg mit dem Verkauf von Öl und Gas. Mindestens 24 der 33 größten russischen Raffinerien sollen durch Drohnenangriffe beschädigt sein. Die Angriffe zielen auf die teure Rohöldestillation. Russland verlor dadurch bis zu 37 Prozent seiner Raffineriekapazität. Das bedeutet Einbußen beim internationalen Verkauf, immer wieder kommt es auch zu Benzinmangel in Russland. Jüngst traf es sogar eine Raffinerie in Moskau. Dass die eigene Hauptstadt nicht mehr sicher ist, die zivilen Flughäfen immer wieder ihren Betrieb einstellen müssen, ist für den Machthaber im Kreml ein schwerer Gesichtsverlust.
Dazu lahmt die russische Wirtschaft, die Staatsverschuldung steigt. Nach Schätzungen des deutschen Bundesnachrichtendienstes kostet der Angriffskrieg auf das Nachbarland mittlerweile fast die Hälfte des Staatshaushalts.
„Im Donbas geht es für die Russen im Schneckentempo voran“, erklärt Mischa. Aber da ist keine Freude in der Stimme. Mischa floh mit seiner Mutter vor der russischen Besatzung der Krim. „Ich weiß, was es bedeutet, sein Zuhause zu verlieren“, sagt er. Bachmut, Tschassiw Jar, Pokrowsk, Kostjantyniwka, Wowtschansk – Städte, die Russland in Trümmer gelegt hat. Die Einwohner mussten fliehen. In frontnahen Gebieten sind laut ukrainischen Angaben rund 1200 Kilometer Straßen mit Netztunneln geschützt. Sie sollen vor Angriffen von Kamikaze-Drohnen schützen. Hinter der ersten Linie erstreckt sich eine regelrechte Todeszone bis zu 20, 25 Kilometer tief ins Hinterland.
Schwere Angriffe auf Kiew
Die Einnahme von Kostjantyniwka, Solwjansk und Kramatorsk ist das Ziel, das Russland sich für die anstehende Offensive setzen wird. Dafür opfert Putin täglich bis zu tausend Soldaten: schwer verwundet oder gefallen. „Es ist unfassbar, mit welcher Brutalität Putin seine Armee vorgehen lässt. Ihm sind die eigenen Verluste egal. Die unserer Menschen natürlich erst recht. Es schmerzt, was die Russen unserer Ukraine antun“, sagt der Drohnenpilot.
Die Erfolge der Ukraine beantwortet Putin mit noch mehr Aggressivität. Die schweren Angriffe mit Drohnen und Raketen auf Kiew sind Beispiele. Mischa weiß natürlich, dass auch die russischen Drohenentwickler nicht schlafen. Die Ukrainer schossen jüngst eine optimierte „Shahed“ ab, die eine abschussbereite Rakete trug.
Ulyana setzte ihre VR-Brille ab, ist müde. Sie hat gerade eine Drohne ins Ziel gesteuert: eine russische Stellung in einem Waldstreifen, ähnlich der eigenen. Es war der zweite Treffer auf dasselbe Ziel. Ob es zerstört ist? Die Stellung ist durch Erdreich und Bäume gut gesichert. „Treffer für Treffer, bis die Aufgabe erledigt ist. Wir sind unbeugsam. Das ist Teil unserer Identität als Ukrainer. Putin hat das unterschätzt. Er kann uns nicht brechen.“ Das nahe Kupiansk ist für Mischa da ein gutes Beispiel. Russland hatte es für erobert erklärt. Jetzt ist es vollständig in ukrainischer Hand.