Meinung
Ukraine-Krise: Verhandeln am Abgrund
Amerikanische Medien beschwören seit drei Monaten Krieg in der Ukraine. Russland stellt Ultimaten, die der Westen glatt ablehnt. Und beide Seiten scheinen sich am Rande des Abgrundes wohlzufühlen.
Zuerst schlugen angesehene US-Medien Alarm: Die Russen marschierten an den ukrainischen Grenzen auf, Krieg drohe. Die Ukrainer selbst dementierten zunächst. Tatsächlich bewegten sich Ende Oktober Truppen in Russlands Westregionen. Aber ein Satellitenfoto, das das Portal Politico am 1. November veröffentlichte, zeigte im Gebiet Smolensk parkende Panzer, noch 250 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt. Und in Russlands sozialen Medien wird eifrig gestritten, ob zuerst Huhn oder Ei, Aufmarsch oder Kriegsalarm da waren.
Putin: Ukraine ist „Anti-Russland“
Allerdings lassen offizielle russische Artikel der vergangenen Monate, in denen etwa Putin die Ukraine als „Anti-Russland“ bezeichnet, fürchten, dass der russische Aufmarsch durchaus aggressive Ziele besitzt.
In manchen westlichen Medien wirkt es derweil, als sei die russische Invasion garantiert. Veröffentlicht werden hypothetische Karten eines Umklammerungsangriffs auf Kiew. Gemeldet werden immer neue Truppenverstärkungen. Wobei die Gesamtzahl der russischen Streitmacht nicht wirklich wächst.
Parallel dazu werden fast täglich mögliche Sanktionen gegen Russland diskutiert. Grundtenor: Ein Krieg wird immer wahrscheinlicher, schuld daran ist Putin persönlich. Als wolle Joe Bidens Regierung den antiliberalen, von Giftmordskandalen umwitterten Kremlchef endgültig zum neuen Hauptfeind der freien westlichen Welt erklären. Und sich selbst zu deren Krisenmanager, auf den auch das verunsicherte Europa wieder hören wird.
Neue „rote Linien“
Putin seinerseits gab Mitte November die Parole zur psychologischen Konteroffensive aus: Es gelte, die im Westen entstandene Spannung solange wie möglich hochzuhalten. Es folgte ein Telefonat zwischen Biden und Putin, dann trumpfte Russland mit ultimativen Sicherheitsforderungen an die USA und die Nato auf, die postwendend abgelehnt wurden. Unterhändler beider Seite wählten scharfe Töne, inzwischen hat der Kreml es auch schriftlich, dass der Westen seine neuen „roten Linien“ missachtet.
Anlass für bewaffnete Auseinandersetzungen ist das bisher aber nicht. Moskau antwortet mit neuen Anfragen an die Nato. Washington und Brüssel bieten parallel Rüstungskontrollverhandlungen an. Über dieser Diplomatie schwebt weiter der Schatten des Krieges. Russlands Chefdiplomat Sergej Lawrow spottet derweil über die Nato, für die Schriftstücke ihrer Diplomaten würde er sich schämen. Das nächste Treffen mit seinem US-Kollegen Antony Blinken aber ist schon vereinbart.
Regionalfeldzug statt Großangriff
Man verhandelt am Rande des Abgrundes, die Weltöffentlichkeit sieht gebannt zu. Und wenn es am Ende doch zum Krieg kommt? Viele Beobachter erwarten statt eines russischen Großangriffs eher einen Regionalfeldzug, etwa eine Offensive der Separatisten im Donbass, verdeckt getragen vom russischen Militär. Er könnte die Front in der Ukraine um einige Dutzend Kilometer verschieben. Die Spannung zwischen Russland und dem Westen dürfte hinterher so hoch sein wie vor dem Waffengang.