Abnutzungskämpfe
Ukraine: Konfliktparteien weit entfernt von Kriegszielen
Von Dmytro Durnjew
Der Feldzug stockt. Gerade noch schien es schnell zu gehen, nach den monatelangen Kämpfen um Sewerodonezk eroberten Russlands Streitkräfte die Nachbarstadt Lyssytschansk in ein paar Tagen. Zwei der Frontgeneräle wurden von Präsident Wladimir Putin zu „Helden Russlands“ ernannt. Aber die von den russischen Medien mit kriegerischem Selbstbewusstsein prophezeiten Kessel- und Vernichtungsschlachten fanden nicht statt. Die Ukrainer haben praktisch die gesamte Region Luhansk verloren, aber sie haben sich ohne große Panik auf gut vorbereitete Stellungen zurückgezogen. Der linientreue russische Militär-Telegramkanal Juschni Weter attestiert dem Feind „eine stabile Abwehr an allen Abschnitten“. Und der ehemalige Separatistenkommandeur Igor Strelkow beschwert sich auf seinem Kanal: „Die Anfang Mai laut angekündigte Operation zur Zerschlagung der Donezker Gruppierung des Feinde ist nicht gelungen.“
Seit Monaten dominiert schweres Geschütz. Die Kämpfe haben sich längst in eine beidseitige Dauerkanonade verwandelt, vor allem die ukrainischen Fronttruppen haben schwere Verluste. Staatschef Wolodymyr Selenskyj sprach von 100 Toten am Tag. Die russische Seite schweigt über die Anzahl der eigenen Gefallenen. Aber sobald ihre Infanterie versucht, die mehr oder weniger zerschossenen Stellungen der Ukrainer zu stürmen, dürften auch ihre Verluste beträchtlich sein.
Putins Truppen erobern vor allem Trümmer
Ein Abnutzungskrieg: Die Ukrainer sind wie die Russen dazu übergegangen, vermehrt Flughäfen, Stäbe oder Munitionslager im vom Feind kontrollierten Hinterland unter Feuer zu nehmen, wie erst am Freitag in Schachtjorsk, über 50 Kilometer hinter der Front. Offenbar nutzen sie dabei die vom Westen gelieferten schweren Haubitzen und Raketenwerfer. Aber im Frontgebiet bleibt es fraglich, ob die westliche Waffenhilfe ausreicht, um der bisher überlegenen russischen Feuerkraft etwas entgegenzusetzen – und um die in der ukrainischen Öffentlichkeit seit Monaten beschworene große Gegenoffensive in Gang zu bringen.
Aber Moskau ist ebenfalls weit von seinen Kriegszielen entfernt. Putins Truppen mögen auch die verbliebenen ukrainischen Großstädte im Donbass, Slawjansk und Kramatorsk, erobern. Aber wenn sie ihre Taktik fortsetzen, werden sie auch dort zum großen Teil nur Trümmer einnehmen. Vor allem müsste Russland, um die vom Kreml als Hauptkriegsziele ausgerufene „Demilitarisierung“ und „Denazifizierung“ zu verwirklichen, das ganze Land flächendeckend unter seine Kontrolle bringen.
Die ukrainischen Streitkräfte aber haben seit Beginn der russischen Donbass-Offensive im März nur ein paar Prozent ihres Territoriums preisgegeben. Nach einer Anfang Juli veröffentlichten Umfrage der Soziologengruppe Rating sind 93 Prozent der Ukrainer der Ansicht, ihr Land könne den Angriff abwehren. Das klingt nach einer ungebrochenen Moral.