USA
Trumps Trip in die Protestzone
Justin Dunlap, 44 Jahre alt, ein Lichttechniker aus Oklahoma, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Proteste von „Black Lives Matter“ zu dokumentieren. Im Juli nahmen ihn seine Töchter zum ersten Mal mit zu einer Kundgebung. Seitdem filmt er, einen weißen Helm auf dem Kopf, wie Demonstranten durch amerikanische Großstädte ziehen. Vor allem in Portland, einer Hochburg der Linken, ist er im Einsatz. „Exkursionen in Sachen Demokratie“ nennt er seine Ausflüge. Er wolle zeigen, sagt er, dass Portland in Wahrheit gar nicht in Flammen stehe, auch wenn Ausschnitte, die man im Fernsehen sehe, manchmal einen anderen Eindruck vermittelten.
In der Nacht zum Sonntag wurde Dunlap Zeuge einer Szene, mit der jedoch eine neue Stufe der Eskalation droht. Auf seinem Video ist zu beobachten, wie sich Streitende vor einem Parkhaus einander anschreien, bevor sie von einer dicken Wolke, offenbar Pfefferspray, eingehüllt werden. Dann fallen Schüsse, einige fliehen, während andere einem Mann zu helfen versuchen, der strauchelt und schließlich auf dem Bürgersteig zusammenbricht.
Trump-Fans machen mobil
Nach Angaben der Polizei ist er 48 Jahre alt. Während etliche Fragen einstweilen unbeantwortet bleiben, ist sicher, dass er eine Baseballkappe mit der Aufschrift „Patriot Prayer“ trug. Das Erkennungszeichen einer Gruppe, die sich 2016 bildete, um in Metropolen, deren Bewohner mehrheitlich progressiv gesinnt sind, Flagge für Donald Trump zu zeigen.
Ein Konvoi der Rechtsnationalisten war am Samstag durch Portland gefahren, ungefähr 600 Autos, die meisten Pick-ups, deren Insassen neben Sternenbannern Flaggen schwenkten, auf denen der Name Trump zu lesen war. Der Präsident hatte sie in einem Tweet als „große Patrioten“ gelobt. Warum sich der Getötete, dessen Namen die Behörden zunächst nicht veröffentlichen wollten, von dem Korso absetzte, was der Konfrontation vor dem Parkhaus vorausging, war auch am Montag zunächst noch unklar.
Verbal-Duell mit Bürgermeister
Während die Polizei von laufenden Ermittlungen sprach, warnte der Bürgermeister Portlands vor Racheakten und wettert gegen Trump. Was das Land brauche, sei, dass der Präsident gestoppt würde. Der Präsident erwidert, der Bürgermeister sei ein Narr, twitterte er. Um seine Rhetorik zu untermauern, fliegt Trump am Dienstag aus der Hauptstadt Washington in die Provinz – nicht nach Portland, wohl aber nach Kenosha.
In jene 100.000-Einwohner-Stadt in Wisconsin, in der ein Polizist dem 29-jährigen Afroamerikaner Jacob Blake sieben Mal in den Rücken schoss, was eine Welle heftiger Unruhen auslöste, mit Plünderern als Trittbrettfahrern. Auf ein Glätten der Wogen bedacht, bat Tony Evers, der demokratische Gouverneur Wisconsins, den Präsidenten, auf die Reise nach Kenosha zu verzichten: „Ich bin besorgt, dass Ihre Anwesenheit unsere Heilung nur behindert“.
Große Mehrheit lehnt Gewalt ab
In der dritten Nacht der Proteste hatte dort ein Siebzehnjähriger namens Kyle Rittenhouse zwei Menschen getötet, bevor er sich mit erhobenen Armen einer Kolonne von Polizeifahrzeugen näherte – ohne festgenommen zu werden. Die Rechte feiert den Teenager, der sich als Milizionär auf Patrouille verstand, als einen Helden. Trump hat dem bislang nicht widersprochen. Nach Kenosha fliegt er, um seinen Rivalen Joe Biden als Marionette an den Fäden linker Anarchisten zu porträtieren. Während er für Recht und Ordnung stehe, betont er, würden die USA im Chaos versinken, käme sein Herausforderer an die Macht. Tatsächlich lassen Umfragen zumindest für den Moment den Schluss zu, dass seine Rechnung aufgehen könnte. Dem Institut YouGov zufolge lehnen 73 Prozent der US-Bürger Gewalt als Mittel zum Erreichen politischer Ziele strikt ab.