USA
Trumps Ersatzmann tritt aus dem Schatten
Es war schon immer der sehnlichste Wunsch von Pence, hinterm Schreibtisch im Oval Office zu sitzen. Einem Biografen hat der Republikaner aus dem Mittleren Westen erzählt, dass er als Teenager davon träumte, zum Präsidenten gewählt zu werden. Das klingt im ersten Moment überraschend, passt es doch so gar nicht zum äußeren Schein. Seit Donald Trump im Weißen Haus residiert, legt sein Vize Wert darauf, etwaige Ambitionen hinter einer Fassade demütiger Bescheidenheit zu verbergen.
In amerikanischer Verfassung geregelt
Nun aber wäre Pence, falls Trump so krank wird, dass er sein Amt nicht mehr ausüben kann, falls der Staatschef sogar stirbt an Covid-19, eher am Ziel, als es ihm wahrscheinlich recht ist. So pietätlos das klingen mag, die Spekulationen sind in vollem Gange. Und die amerikanische Verfassung hat es eindeutig geregelt: „Im Falle der Amtsenthebung des Präsidenten oder seines Todes, Rücktritts oder der Unfähigkeit zur Wahrnehmung der Befugnisse und Obliegenheiten seines Amtes gehen diese auf den Vizepräsidenten über.“ Schon für den offenbar nicht nur theoretischen Fall, dass Trump künstlich beatmet werden muss, würde Pence übernehmen.
Ohnehin ist der 61-Jährige mit dem schlohweißen Haar bereits aus dem Schatten seines Vorgesetzten herausgetreten. Am Freitag übernahm er Termine, die der Staatschef nicht wahrnehmen konnte. Im Wahlkampf dürfte er, zumindest in den kommenden zehn Tagen, die nach Ansicht des Bostoner Mediziners Jeremy Faust über Trumps Gesundheit entscheiden, eine zentrale Rolle spielen.
Fernsehduell mit demokratischer Kandidatin
Dem anstehenden Fernsehduell mit Kamala Harris, der demokratischen Kandidatin für die Vizepräsidentschaft, kommt nun eine ganz andere Bedeutung zu, als man es vor einer Woche für möglich gehalten hatte. Normalerweise wäre eine solche Debatte ein Ereignis am Rande. Normalerweise drücken die beiden Spitzenleute dem Kampagnengeschehen zu eindeutig ihren Stempel auf, als dass groß ins Gewicht fiele, was ihre Stellvertreter tun. Am Mittwochabend in Salt Lake City ist das anders.
Trump und Pence – es ist ein Gespann zweier Männer, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Hier der in dritter Ehe verheiratete Milliardär aus New York, schrill, glamourös, seit Jahrzehnten in den Schlagzeilen. Dort ein eher spießig wirkender Konservativer, dessen Redestil bisweilen an einen Pfarrer denken lässt. Gäste, die sich zuvor mit Pence getroffen hatten, begrüßt Trump der Zeitschrift „The Atlantic“ zufolge schon mal mit der spöttischen Frage, ob Mike sie etwa zum Beten gezwungen habe.
Tiefgläubiger Mann aus der Provinz
Als Trump ihn 2016 ins Boot holte, verhalf er einem Gouverneur, dessen Popularität in seinem Heimatstaat Indiana gelitten hatte und der womöglich nicht wiedergewählt worden wäre, zum unverhofften Aufstieg. Die Ernennung von Pence kam überraschend, zugleich war sie die Entscheidung eines kühlen Rechners. Der tiefgläubige Mann aus der Provinz sollte Brücken bauen zu evangelikalen Christen, von denen viele Trump anfangs mit Skepsis begegneten.