Olympische Spiele RHEINPFALZ Plus Artikel Tokio: Die Sportler gehen bald wieder, das Virus wird bleiben

Im Zeichen der Ringe: Eine Statue Pierre de Coubertins, der als Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit gilt, in Tokio.
Im Zeichen der Ringe: Eine Statue Pierre de Coubertins, der als Begründer der Olympischen Spiele der Neuzeit gilt, in Tokio.

Die Olympischen Spiele in Tokio sollten ein Zeichen der Hoffnung und des Aufbruchs für das ganze Land werden. Dann kam Corona. Mit der Folge, dass es kaum Kontakte zwischen Einheimischen und den ausländischen Gästen gibt – und nicht die erhoffte zauberhafte Atmosphäre.

In Kamata, in einem älteren und ärmeren Stadtteil im Süden Tokios, direkt neben dem Flughafen Haneda, pulsiert das Leben wie im Norden, in Minato-ku oder Shibuya-ku. Intensiv, wenn auch unterschiedlich intensiv. Hier der zehnminütige Besuch beim Barbier für 1200 Yen, was umgerechnet rund zehn Euro sind, dort die Goldkette von Cartier in der Auslage.

Auf der Grenze zwischen den beiden finanzkräftigen Bezirken Minato und Shibuya liegen das Nationalstadion und der Meiji-Schrein. Das aktuelle Prachtstück einerseits, aus dem zurzeit emotionale Bilder in die ganze Welt gehen, und das ewige Prunkstück andererseits, das auf Touristen vergeblich wartet. Hier bleiben die Menschen ausgesperrt, dort verlieren sich wenigstens ein paar Japaner im schattigen Park.

Aber: Die Stadt lebt. „Wie immer“, sagt Hayato Tanaka, der den Bus mit Olympiajournalisten jetzt schon zehn Tage durch die größte Metropole der Welt lenkt. Durch Tokio – Olympiastadt 2020 auf dem Papier und Olympiastadt 2021 in der Realität. Im doppelten Wortsinne eine heiße Stadt. Als Zeichen dafür tragen Menschen Schirme gegen die Sonne – und Masken gegen das Virus.

Tanaka ist – wie Hunderte von Einheimischen – als Aushilfe, Unterstützer, stiller Sympathisant des Events im Zeichen der fünf Ringe gefragt. Er lächelt hinter seiner Maske ungläubig, verlegen. „Du musst immer aufpassen“, mahnt er und zeigt auf den Sprüher mit Desinfektionsmittel. „Please“, sagt er. Bitte.

Jede Japanerin, jeder Japaner trägt Maske – schon immer

An das Gewirr von Autobahnen, Hochstraßen, Eisenbahnlinien, ob kurvig, wellig oder unterirdisch, muss sich der Deutsche erst noch gewöhnen. An den Linksverkehr vor allem. Aber auch an diesen besonderen Menschenschlag voller Freundlichkeit und Demut. Jede Japanerin, jeder Japaner trägt Maske. Ein Leben lang schon, aber jetzt noch konsequenter. Die hartgesottenen, die vernünftigen, vielleicht die ängstlichen gehen sogar mit Maske joggen.

Naoko Fukuda, eine seit zig Jahren in München lebende Journalistin, sagte, ihre Freundin in Tokio sei froh darum, dass die Maske Teil ihres Gesichts geworden sei, weil sie sich nicht schminken müsse. Wofür das Virus herhalten muss… Wer keinen Mund-Nasen-Schutz trägt, wird vom Nachbarn heftig kritisiert, muss Repressalien fürchten, denn die Zahlen der Angesteckten oder derjenigen, die das Coronavirus weiterzugeben drohen, steigen. Und damit die Angst und der Unmut. Am vergangenen Wochenende wurde die Schwelle von 10.000 Infizierten pro Tag überschritten, die meisten davon leben im Großraum Tokio, wo denn sonst.

Quasi-Quarantäne für Ausländer

Aber trägt daran Olympia Schuld? Wie zum Trotz überschlagen sich die Zeitungen, zumindest die ganz großen, vor allem die regierungsnahen wie die Yomiuri Shimbun, die größte, mit Bildern von den Olympischen Spielen. Einheimische Medaillengewinner aus dem Land der aufgehenden Sonne sind der ganze Stolz des Landes. In Geschäften oder Restaurants laufen die Fernseher, senden Bilder aus einem sterilen Fernsehstudio, in dem mit Abstand und auf unbequemen Hockern die Stars zum Interview sitzen. Jetzt ohne Maske. Lachend, sich immer verbeugend. Hi, hi, hi, sagen sie. Ja, Ja, Ja.

Glaubt man den Medien, vor allem den ausländischen, ist ein Ausscheidungsrennen zwischen Menschen im Gange, die sich in zwei verschiedenen Kreisen bewegen, sich aber so gut wie gar nicht treffen. Von der Politik ist die Begegnung nahezu ausgeschlossen worden. Hart, aber fair. Nachvollziehbar. Die wenigen Ausländer, wie Journalisten etwa, die ins Land durften, wurden in einer Quasi-Quarantäne auf Distanz geschickt.

In dem einen Kreis rennt die japanische Bevölkerung, die in der Impfquote im weltweiten Vergleich von Industrienationen noch immer hinterherhinkt. Knapp 40 Prozent sind das erste Mal geimpft, 28 Prozent das zweite Mal. Von jenen, die ins Land durften – Athleten, Trainer, Journalisten, die sich in dem anderen Kreis verlieren – seien, so heißt es, über 90 Prozent gepikst. Fast täglich werden sie getestet, die Körpertemperatur wird gar unbemerkt gemessen.

Beunruhigende Nachrichten von höchster Stelle

Aber, das wird vermittelt: Die Sorge grassiert. Wie groß die Angst in der Bevölkerung tatsächlich ist, ist kaum messbar. Immer wieder hört man: alles gut, wird schon. Das vermitteln Taxifahrer, auch in Tokio wie die Friseure weltweit die Nachrichtenumschlagsplätze schlechthin. Sie winken ab und gehen ihrem Geschäft nach, welches floriert.

Dass die Morning Glory, die rankende Pflanze, die eh nur am Morgen blüht, so langsam welkt und Tristesse versprüht, mag ein Sinnbild dafür sein, dass irgendwem irgendwo die Luft ausgeht. Befürchtungen lassen verlauten, es könnte die olympische Bewegung sein. Schüler wollten ein Zeichen setzen, indem sie die Pflanzen züchteten, um sie als Stellvertreter von Zuschauern in den Stadien aufzustellen. Nur: Blumen jubeln nicht, zeigen keine Emotionen.

Von höchster Stelle gehen eher beunruhigende Nachrichten aus. Dass Japans Kronprinz Akishino anstelle seine älteren Bruders Kaiser Naruhito der Abschlusszeremonie am Sonntag beiwohnen wird, löst nicht gerade die offenbar tiefe Spaltung in der Gesellschaft auf. Der Tenno hatte ja schon mit der Veränderung der eigentlich vorgeschriebenen Eröffnungsformel ein Zeichen gesetzt. An einer Stelle ließ er das Wort „Iwai“ für Feier weg. Skepsis also von höchster Stelle. Feiern inmitten eine Pandemie, das geziemt sich nicht, wollte der Kaiser andeuten. Als ernstes Zeichen wurde zudem gewertet, dass auch der Autoriese Toyota, einer der Top-Sponsoren, vorbereitete Werbespots nicht sendete und auf Distanz ging. Toyota-Chef Akio Toyoda fehlte, wie einige andere, sogar bei der Eröffnungszeremonie, IOC-Chef Thomas Bach musste sich sehr einsam vorgekommen sein.

Es hätte eine zauberhafte Atmosphäre werden sollen. Wie damals 1964, als von den Spielen, recht bald nach dem Zweiten Weltkrieg, Kraft und Mut für das japanische Volk ausging. Und Freude. Touristen hätten gute Laune und viel Geld ins Land bringen und einen gewissen Spirit mit nach Hause nehmen sollen.

Tokio ist aufgebracht, aber gewappnet

So wie es diesen Flair etwa in Sydney 2000 gab. Selbst in Peking 2008 lief das richtig reibungslos und in London 2012 erst. Welch eine Stimmung! Davon ist Tokio weit entfernt. Es bricht einem das Herz, auch dem, der mal gehört hat, dass Japaner als xenophob gelten. Sind sie das wirklich und verstecken sie eine vermeintliche Ausländerfeindlichkeit hinter einer stetigen Gute-Laune-Fassade? Von den Journalisten erwarten sie, dass sie den Olympischen Spielen und ihrem Land nicht noch mehr antun. Und vor allem nicht mehr als es das Virus tut.

Als Tokio sich vor acht Jahren als Olympiastadt durchgesetzt hatte, da musste es mit den Folgen des Fukushima-Unglücks umgehen, und die Japaner sahen in diesem Sieg ein Zeichen der Hoffnung und des Aufbruchs. An ein Virus hatte niemand gedacht, schon gar nicht, dass es die Spiele angreift. Wie denn auch?

Verrückt ist diese Stadt nicht, keineswegs, sie ist sauber und gepflegt. Aufgebracht ist Tokio, aber gewappnet. Und busy halt. Was die Spiele betrifft, ist Land in Sicht. Fünf Tage noch, dann erlischt das Feuer. Die meisten Athletinnen und Athleten, die froh und dankbar sind, da gewesen zu sein, und die die Spiele liebten, sind dann schon längst wieder weg. Nur das Virus, das wird bleiben. Inzwischen ist auch die Delta-Variante mannigfach nachgewiesen. Schönes, trauriges Olympia.

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