Hip Hop
„The Chronic“ und der Aufstieg des Dr. Dre
Es gibt wohl nur wenige Alben, die es schaffen, die Ära eines neuen Musikstils einzuleiten. Andre Young, besser bekannt als Dr. Dre, hat mit seiner Debütplatte als Solokünstler genau das geschafft. „The Chronic“, das am 15. Dezember 1992 erstmals über die Ladentheke ging, machte den G-Funk populär.
Seine Hochphase erlebte der Stil, ein Sub-Genre des Gangsta-Rap, im weiteren Verlauf der 1990er-Jahre, vor allem im Westen der Vereinigten Staaten. Charakteristisch sind unter anderem der tiefe Bass, hochgepitchte Synthesizer und Samples – kurze, sich wiederholende Song-Schnipsel – aus der Funk- oder Soul-Sparte. „The Chronic“ half dabei, den Gangsta-Rap auf die Tanzflächen in den Clubs zu bringen. Das Genre wurde in den 1980er-Jahren unter anderem durch die Gruppe N.W.A, die Dr. Dre mitgründete und bei der er als DJ mitwirkte, der breiten Öffentlichkeit bekannt. In den Texten des Gangsta-Rap ging es dabei oft um das Leben in ärmlichen Verhältnissen, um Probleme mit der Polizei oder um das Begehen von Straftaten.
Snoop Dogg wird bekannt
Viele der an „The Chronic“ beteiligten Gastkünstler und spätere Vertreter des Genres, unter anderem Nate Dogg oder Warren G, schafften dank ihres Mitwirkens auf der Platte den Durchbruch. Neben dem rappenden Produzenten Dr. Dre sticht jedoch vor allem ein Name hervor: Calvin Broadus Jr., alias Snoop Dogg. Zum Zeitpunkt des Verkaufsstarts von „The Chronic“ der breiten Öffentlichkeit noch unbekannt, brachte der junge Rapper seine finanziell äußerst profitable Solopremiere „Doggystyle“ knapp ein Jahr später auf den Markt – produziert von Dr. Dre.
Der dürfte mit dem Profit seiner eigenen Debütplatte ebenfalls äußerst zufrieden sein. Laut „New Musical Express“ ging „The Chronic“ allein im ersten Jahr mehr als zwei Millionen mal über den Verkaufstresen. 1993 wurde das Album mit Dreifach-Platin ausgezeichnet. Zwei Single-Auskopplungen schafften es in die Top-10 der US-Singlecharts: „Nuthin’ but a ’G’ Thang“ und „Fuck Wit Dre Day“.
Erste Kontroversen mit N.W.A
Politisch korrekt ist die auf dem Album benutzte Sprache aus heutiger Sicht nicht. Im Rap, vor allem im Gangsta-Rap ab Mitte der 1980er-Jahre keine Seltenheit. Schon Dr. Dres alte Gruppe N.W.A waren für gewaltverherrlichende Texte berüchtigt. Unliebsame Konkurrenten aus der Branche wurden überdies mit sexistischen oder manchmal auch homophoben Sprüchen bedacht. Auf „The Chronic“ richten sich deratige Kraftausdrücke in erster Linie an frühere Kollegen aus N.W.A-Tagen.
Ursächlich dafür dürfte wohl die unschöne Trennung Dr. Dres von seiner alten Crew gewesen sein. Uneinigkeiten über die Bezahlung der einzelnen Bandmitglieder sollen zum Zerwürfnis mit Jugendfreund Eric Wright, alias „Eazy-E“, und Bandmanager Jerry Heller geführt haben. So wird es unter anderem im von Dr. Dre mitproduzierten Film „Straight Outta Compton“ dargestellt. Dort heißt es außerdem, dass Dr. Dre nur durch eine handgreifliche Vorsprache seines früheren Bodyguards Suge Knight aus seinem alten Plattenvertrag losgeeist wurde. Unter anderem Knight und Dr. Dre gründeten im Anschluss das Plattenlabel „Death Row (Todestrakt) Records“, bei dem „The Chronic“ dann erschien.
Veröffentlichung zum richtigen Zeitpunkt
Für seinen Schöpfer kam das Album genau zur richtigen Zeit. Laut „Washington Post“ war Dr. Dre 1992 pleite und sorgte für Negativschlagzeilen. Darunter Körperverletzungen, unter anderem gegen die Rapperin und TV-Persönlichkeit Dee Barnes. Hinzu kamen eine Schießerei, in die Dr. Dre involviert war, und sein abgebranntes Haus in einem Vorort von Los Angeles. 1993 sagte der Produzent dem „Rolling Stone“ zurückblickend: „Ich brauchte eine Platte, die rauskommt.“
„The Chronic“ half dem damals 27-Jährigen dabei, seinen Platz in der Hip-Hop-Welt zu zementieren. Nach dem Erfolg mit Snoop Doggs „Doggystyle“ 1993 wurde es aber erst einmal ruhiger um den Produzenten. Bis 1999 sollte es dauern, bis sein zweites Soloalbum „2001“ bei seinem eigenen Label „Aftermath“ (Nachwirkungen) erschien. Dazwischen produzierte er einige Songs, unter anderem für den populären, 1996 erschossenen Rapper 2Pac. Dr. Dre entdeckte außerdem die Nachwuchstalente Eminem und 50 Cent. Ab 1999 war er bei fast allen Alben der beiden als Produzent beteiligt. Seine dritte und bislang letzte Platte „Compton“ erschien 2015.
Musik im Metaverse
Im Gegensatz zu den beiden „Aftermath“-Alben kann man „The Chronic“ derzeit übrigens nicht bei den gängigen Anbietern streamen. Weder Spotify noch Apple Music, das übrigens erst durch den Verkauf von Dr. Dres Kopfhörermarke „Beats“ 2014 an Apple zustande kam, haben das Album im Angebot. Entfernt wurden die Platten von Dr. Dres altem Weggefährten Snoop Dogg, nachdem dieser das inzwischen sorgengeplagte Label „Death Row“ übernahm.
Nachdem über die genauen Gründe für das Verschwinden von „The Chronic“ – und übrigens auch „Doggystyle“ – zunächst spekuliert wurde, kündigte Snoop Dogg in einem Interview im April 2022 an, eine eigene „Death-Row-App“ auf den Streamingmarkt bringen zu wollen, bei der die vertretenen Künstler stärker am Profit beteiligt werden sollen. Bis es so weit sei, werde die Musik im Metaverse – einem virtuellen Raum – „leben“, sagte der 51-jährige Rapper im April.