Afghanistan Taliban erobern Provinzhauptstädte

 Trümmer von Geschäften, die bei Kämpfen zwischen den Taliban und afghanischen Sicherheitskräften zerstört wurden.
Trümmer von Geschäften, die bei Kämpfen zwischen den Taliban und afghanischen Sicherheitskräften zerstört wurden.

Radikalislamisten haben in Afghanistan binnen drei Tagen fünf Provinzhauptstädte erobert. Eine von ihnen ist Kundus, wo die Bundeswehr zehn Jahre lang ein Feldlager unterhielt. Das Auswärtige Amt ist angesichts der Entwicklung alarmiert.

Die Taliban hätten alle wichtigen Gebäude der Stadt unter ihre Kontrolle gebracht, bestätigte ein Korrespondent der Nachrichtenagentur afp in Kundus am Sonntag und bestätigte eine Erklärung der Islamisten. Zuvor waren heftige Kämpfe aus dem Zentrum der Großstadt mit 370.000 Einwohnern gemeldet worden. Nur eine Militärbasis außerhalb des Stadtzentrums und der Flughafen, wohin Regierungsvertreter geflüchtet seien, hätten gehalten werden können. Die USA, die Ende August ihre verbliebenen Truppen aus dem Land abziehen werden, setzten B-52-Bomber gegen Stellungen der Radikalislamisten ein.

Erst kurz zuvor hatten diese die Stadt Sar-i Pul erobert, am Abend nahmen sie die 260.000-Einwohner-Stadt Talokan ein. Damit brachten sie binnen drei Tagen fünf Provinzhauptstädte unter ihre Kontrolle. Seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus dem Land Anfang Mai – darunter die Bundeswehr – haben die Taliban mehrere Offensiven gestartet. Mittlerweile kontrollieren sie mehr als die Hälfte der rund 400 Bezirke des Landes sowie mehrere Grenzübergänge.

Auswärtiges Amt will Asyllagebericht aktualisieren

Das Auswärtige Amtes sieht angesichts dessen eine zunehmende Verschlechterung der Sicherheitslage in Afghanistan. „Auch mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen wird derzeit eine Aktualisierung des Asyllageberichts vorbereitet“, sagte ein Ministeriumssprecher. Die Bundesregierung hatte zuletzt deutlich gemacht, dass für sie ein genereller Abschiebestopp für Menschen aus dem Land derzeit nicht infrage komme. Der aktuelle Asyllagebericht des Auswärtigen Amts bildet allerdings den Stand ab kurz vor Beginn des Abzug der ausländischen Truppen.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen, warnte vor einem Durchmarsch und „Desaster“: „Es darf jetzt nicht zugelassen werden, dass sie militärisch einseitig Fakten schaffen“, sagte er angesichts des Vormarsches der Islamisten der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Röttgen appellierte an die internationale Gemeinschaft, aus Verantwortung für die eigene Sicherheit und die Mehrheit der afghanischen Bevölkerung die Entwicklung zu stoppen. Das könne auch eine Beteiligung der Bundeswehr bedeuten.

Die Bundeswehr war erst Ende Juni, nach fast zwei Jahrzehnten, aus Afghanistan abgezogen. Von 2003 bis 2013 überwachten deutsche Soldaten von Kundus aus die Sicherheit im Norden des Landes. Sie lieferten sich stundenlange Gefechte mit den Taliban. Dort und in der Nachbarprovinz Baghlan gab es die meisten toten deutschen Soldaten zu beklagen.

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