Politik Türkei fürchtet Ansturm von Flüchtlingen aus Idlib

Die Türkei verstärkt ihre Truppen an der syrischen Grenze und in Syrien selbst. Damit bereitet sich Ankara auf einen befürchteten neuen Ansturm von Flüchtlingen aus der syrischen Grenzprovinz Idlib vor, in der ein Großangriff der syrischen Regierung erwartet wird.
Türkische Eliteeinheiten verstärkten in den vergangenen Tagen in der Gegend um den Grenzort Reyhanli die dortigen Truppen, wie die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete. Der Bezirk Reyhanli grenzt an das syrische Idlib, wo nach Einschätzung der UN eine humanitäre Katastrophe droht, wenn der erwartete Großangriff der syrischen Regierung dort beginnt. In Idlib leben mehrere Millionen Zivilisten und Zehntausende Rebellenkämpfer, von denen viele in den vergangenen Monaten aus anderen Teilen Syriens in die nordwestliche Provinz geflohen waren. In Gesprächen mit Russland, der Schutzmacht der syrischen Regierung, will die Türkei erreichen, dass die Offensive abgeblasen oder zumindest abgeschwächt wird. Russland verlangt im Gegenzug, dass die Türkei ihren Einfluss auf die Rebellen in Idlib nutzt, um die Entwaffnung und Auflösung einiger Gruppen zu erreichen. Die Türkei schickte in den vergangenen Tagen ihren Außenminister, den Verteidigungsminister und den Geheimdienstchef zu Gesprächen nach Moskau. Außenamtschef Mevlüt Cavusoglu nannte Russland einen „strategischen Partner“ der Türkei. Eine groß angelegte Offensive in Idlib wäre eine Katastrophe, warnte er. Zugleich räumte er aber ein, dass etwas gegen die radikal-islamischen Gruppen in der Gegend getan werden müsse. Moskau und Ankara verfolgen gegensätzliche Interessen in Idlib: Russland will die Provinz – die letzte von Rebellen gehaltene Gegend im Westen Syriens – möglichst rasch wieder unter die Kontrolle der syrischen Regierung bringen. Dagegen unterstützt die Türkei einige der dort verschanzten Rebellengruppen und fürchtet eine neue Flüchtlingswelle. Während Russland den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad stützt, strebt Ankara den Sturz des Staatschefs an. Dennoch sind beide Seiten entschlossen, ihr Bündnis nicht an Idlib zerbrechen zu lassen. Russland braucht die Zusammenarbeit, um den Krieg in Syrien bald zu beenden. Umgekehrt ist die Türkei bei ihren Militäraktionen in Syrien auf russisches Einvernehmen angewiesen. Beide Länder streben zudem eine Rückkehr von Flüchtlingen nach Syrien an: die Türkei will möglichst viele der drei Millionen Syrer im Land nach Hause schicken, und Russland will sich als Friedensbringer profilieren. Während die türkisch-russische Kooperation enger wird, bemüht sich Moskau, weitere Keile zwischen Ankara und Washington zu treiben. Celalettin Yavuz, Professor an der Ayvansaray-Universität in Istanbul, verwies im Gespräch mit der RHEINPFALZ auf jüngste russische Vorwürfe an den Westen: Laut Moskau könnten syrische Rebellen in Idlib mit britischer Unterstützung Chemiewaffen einsetzen und die Schuld dann der Regierung in Damaskus in die Schuhe schieben, um Luftangriffe der USA zu provozieren. Moskau versuche, die türkische Regierung von dieser Version zu überzeugen, sagte Yavuz. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Das Vertrauen zwischen der Türkei und den USA sei so zerrüttet, dass Ankara gewiss an eine Provokation der USA glauben werde, wenn es C-Waffeneinsätze in Idlib geben sollte, sagte Yavuz.