Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Sri Lanka: Die Bomben an Ostern zerstörten auch Träume

Begegnung an einem Strand nahe der Hauptstadt Colombo.  Foto: REUTERS
Begegnung an einem Strand nahe der Hauptstadt Colombo.

Die islamistischen Terrorattacken mit über 350 Toten haben den Tourismus auf Sri Lanka fast zum Erliegen gebracht. Dabei hat dieses kleine Land im Indischen Ozean so viel Schweres hinter sich. Doch die Menschen rappeln sich auf. Wieder einmal.

Auf dem Tisch im Hotel liegt ein Zettel. „Danke, dass Sie gekommen sind. Danke, dass Sie trotzdem gekommen sind“, steht darauf. „Sie helfen nicht nur uns, damit wir unsere Türen weiterhin geöffnet halten können. Sie helfen durch Ihren Aufenthalt auch all unseren Angestellten dabei, für sich und ihre Familien den Lebensunterhalt zu verdienen. Außerdem helfen Sie den Farmern und Händlern in der Umgebung, von denen wir Lebensmittel und Dienstleistungen beziehen. Danke.“

Ein paar Wochen zuvor, am 21. April, dem Ostersonntag, sind in Sri Lanka zeitgleich mehrere Anschläge auf Hotels, Kirchen, und ein Wohngebiet verübt worden. Offiziellen Angaben zufolge kamen dabei über 350 Menschen ums Leben, fast 500 weitere wurden verletzt. Als Drahtzieher der Anschläge gilt eine lokale islamistische Terroristengruppe, die aber offenbar Hilfe aus dem Ausland bekam. Später reklamierte die Dschihadistenmiliz „Islamischer Staat“ die Anschlagsserie für sich. Bei der darauffolgenden Jagd auf Verdächtige gab es Festnahmen von Indien bis Dubai.

Bis ins Mark erschüttert

Auch wenn die Sicherheitsbehörden und das Militär in Sri Lanka nach den Bomben rasch durchgriffen und Fahndungserfolge vorweisen konnten – viele Menschen im Land waren und sind immer noch bis ins Mark erschüttert. So etwas hatten sie nie erwartet: Muslime, Christen, Hindus und Buddhisten lebten in jüngster Zeit relativ friedlich zusammen.

Viele Sri Lankaner fühlen sich aber auch wegen der politischen Verwicklungen wie vor den Kopf gestoßen. Kurz nach den Anschlägen stellte sich heraus, dass es Warnungen aus Indien und den USA vor einer bevorstehenden Terrorattacke gegeben hatte. Diese Hinweise waren aber in den bürokratischen Mühlen Sri Lankas steckengeblieben.

Oder lag der wahre Grund für das Nichtreagieren darin, dass sich der Staatspräsident und der Ministerpräsident, die unterschiedlichen Parteien angehören, spinnefeind sind? Nur ein paar Monate vor den Anschlägen, im Oktober 2018, war es zu einer Staatskrise auf der Insel im Indischen Ozean mit 22 Millionen Einwohnern gekommen. Präsident Maithripala Sirisena erklärte damals Premierminister Ranil Wickremesinghe für abgesetzt. Dieser aber weigerte sich, seinen Amtssitz zu verlassen – und setzte sich schließlich gerichtlich durch.

Die Bomben, die am Ostersonntag in insgesamt fünf Städten im Abstand von Stunden explodierten, löschten viele Menschenleben aus – sie zerstörten aber auch viele Träume, die auf der Insel am Südzipfel des Indischen Subkontinents gehegt wurden. Tourismus soll ja nicht nur dazu beitragen, Devisen in die leeren Staatskassen zu spülen, sondern auch dazu, Jobs zu schaffen. Zehntausende Sri Lankaner hoff(t)en auf stabile Beschäftigungsverhältnisse – und damit eine bessere Lebensperspektive.

Vier Millionen Gäste erwartet

So gibt der 2014 erstellte „Plan für Tourismusentwicklung bis 2020“, der sich nach wie vor auf der Webseite der Botschaft in Berlin findet, die Besucherzahl im Jahr 2013 mit 1,27 Millionen Menschen an. Was einer Zunahme gegenüber dem Vorjahr von 26,7 Prozent entspricht. Sieben Jahre später indes werden bereits vier Millionen Gäste erwartet.

Als dann Ende 2018 „Lonely Planet“, der weltweit größte Verlag für Reise- und Sprachführer, Sri Lanka zur „In-Destination“ fürs Jahr 2019 ausrief, weil es dort noch viel zu entdecken gebe und – etwas paradox! – die Insel noch nicht so überlaufen sei, wussten die Tourismusleute in Sri Lanka vermutlich kaum wohin mit ihrer Freude. Wenngleich offizielle Stellen nicht müde werden zu betonen: Der Ausbau der touristischen Infrastruktur erfolgt nicht nach der Maxime „Masse statt Klasse“; die Küsten werden nicht zugebaut.

Die Erwartungen, mit Hilfe des Tourismus den wirtschaftlichen Stillstand auf Sri Lanka überwinden zu können, waren umso größer, als es ja noch gar nicht so lange her ist, dass der 1983 ausgebrochene Bürgerkrieg beendet wurde. Er dauerte bis 2009. Erst dann fanden die entscheidenden Gefechte zwischen den Rebellen im Norden und Osten des Landes und der regulären sri-lankischen Armee statt. Sie endeten mit der totalen Vernichtung der Aufständischen, den „Tamil Tigers“ – und mit Tausenden Toten unter der tamilischen Zivilbevölkerung, die von den „Tigers“ als menschliche Schutzschilde missbraucht wurden.

Der Konflikt zwischen Tamilen und der Zentralregierung in Colombo drehte sich darum, dass extremistische Kräfte unter den Tamilen einen eigenen Staat wollten. Die ursprünglich aus Südindien eingewanderten Tamilen (in der Mehrzahl Hindus) fühlten sich durch die ethnische Mehrheit in Sri Lanka, den Singhalesen, im Alltag und bei der Besetzung von Stellen diskriminiert. Die Singhalesen sind meist Buddhisten.

Und dann kam der Tsunami

Doch als ob das kleine Inselreich, das im Altertum mit seinen Bauwerken und Stauseen zu den fortschrittlichsten Königreichen der Welt zählte, nicht schon genug an den Bürgerkriegsgräueln zu tragen gehabt hätte, rauschte an Weihnachten 2004 auch noch der Tsunami heran. Die Flutwellen an der Ost- und Südküste, hervorgerufen durch ein Seebeben vor Indonesien, forderten allein auf Sri Lanka bis zu 38. 000 Menschenleben. Wenig später wurde auch noch entdeckt, dass der Tsunami Hunderttausende im Bürgerkrieg vergrabene Minen herausgespült und verteilt hatte.

All diese Probleme hatten die Sri Lankaner im Jahr 2019 endlich hinter sich gelassen, die psychologischen Wunden begannen zu heilen. Selbst in früheren „Tamil Tiger“-Gebieten im Norden und Osten der Insel war man dabei, wieder Hotels und „guest houses“ zu errichten – als an Ostern die gezielt platzierten Bomben in Kirchen und Hotels detonierten.

Die Anschläge in drei Gotteshäusern wurden auch von der Regierung in Colombo in Verbindung mit dem Anschlag im australischen Christchurch gebracht. Dort hatte ein 28 Jahre alter Rechtsextremist am 15. März in zwei Moscheen mehr als 50 Muslime getötet. Die Bomben auf die Kirchen gelten als Racheakt.

Die Bomben in drei Hotels und einer kleineren Unterkunft, ja: die Anschlagserie als Ganzes, sehen Terrorismusexperten ausdrücklich als gegen das weiche und damit schwierig zu schützende Ziel „Tourismus“ gerichtet. Attacken auf den Tourismussektor und damit verbundene Einrichtungen sind mittlerweile eine gängige Methode, um einem Staat, der auf die Vermarktung seines kulturellen Erbes und seiner Naturschätze als wichtige Einnahmequelle angewiesen ist, maximal zu schaden. Davon zeugen zum Beispiel die Anschläge im indonesischen Bali (2002 und 2005 mit zusammen über 220 Toten), tödliche Attacken vor allem im Jahr 2013 in Kenia sowie tödliche Explosionen in Thailand und vor allem in Ägypten. In all diesen Fällen ging die Tourismusindustrie jeweils in die Knie. Zumindest vorübergehend.

Den Zusammenhalt schwächen

Zum einen lässt sich so die einheimische Bevölkerung verunsichern – und bestehende ethnische oder religiöse Klüfte verbreitern sich. Bis eventuell zu dem Punkt, an dem es zu Auseinandersetzungen und Übergriffen gegen bestimmte Gruppen kommt. All dies spielt Terrorgruppen in die Hände, die ja gerade dann stark sind, wenn ein Staat geschwächt und der Zusammenhalt unter den Menschen beeinträchtigt ist.

Zum anderen bringen Anschläge auf Touristen den Terroristen jedoch einen weiteren, für sie unschätzbaren Vorteil: maximale Aufmerksamkeit. Weil sich heutzutage meist Gäste aus aller Welt an den Destinationen tummeln, berichten nach Anschlägen natürlich Medien aus aller Welt darüber.

Genau so war es nach den österlichen Attacken in Sri Lanka. Die statistisch erfassten Ankunftszahlen von Touristen sprechen eine klare Sprache. Im Mai 2019 landeten gerade noch 37.802 Gäste auf Sri Lanka. Das waren fast 71 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Im Juni 2019 kamen 63.072 Ausländer, im Juli mit 115.701 immerhin fast doppelt so viele – aber immer noch sehr viel weniger als vor Jahresfrist.

Die Erfahrung lehrt: Meist dauert es ein Jahr, bis die Anzahl der Gäste in einem Ferienland wieder auf dem Stand vor den Anschlägen ist. Allerdings nur, wenn sich dort keine weiteren Attentate ereignen. Ist Sri Lanka hier weiterhin erfolgreich, könnten die Deutschen bald wieder die drittgrößte Gruppe von Besuchern auf Sri Lanka stellen. 2013 kamen immerhin 85.470 Reisende. Eine wichtige Voraussetzung ist freilich, dass sich die zerstrittenen Politiker zusammenraufen. Zwischen Anfang November und Mitte Dezember soll ein neuer Präsident gewählt werden.

Buddhistische Mönche beten wenige Tage nach den Anschlägen für die Opfer.  Foto: Reuters
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Die Anlage wird gepflegt – aber die Liegestühle sind leer.  Foto: Blt
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