Pro und Contra
Sollte die Maskenpflicht in Bus und Bahn fallen?
PRO
Von Adrian Hartschuh
Die Maskenpflicht in Bus und Bahn ist ein Relikt aus einer vergangenen Zeit. Sie gehört abgeschafft. Fast jeder von uns besitzt inzwischen Antikörper gegen das Coronavirus. Und so ist – allen Warnungen von Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zum Trotz – die Herbstwelle an uns vorbeigezogen, ohne dass das Gesundheitssystem überlastet worden wäre. Auch aktuell gibt es keine Hinweise darauf, dass eine Winterwelle unsere Krankenhäuser über Gebühr belasten würde: Auf den Intensivstationen ist die Pandemie kaum noch relevant, der Anteil der Corona-Patienten macht dort inzwischen weniger als fünf Prozent aus.
Um uns herum haben das fast alle Länder erkannt, haben sämtliche Beschränkungen aufgehoben. Nur Deutschland lässt nicht locker. Sind wir einfach klüger als alle anderen? Für diese schräge These gibt es keinerlei Belege. US-Präsident Joe Biden hat die Pandemie bereits im September für politisch beendet erklärt – ohne, dass das Virus in den USA daraufhin außer Rand und Band geraten wäre.
Und so fordert selbst der Verband Deutscher Verkehrsbetriebe nun ein Ende der Maskenpflicht. Denn wenn wir in Flugzeugen keine Masken mehr tragen müssen, nicht im Restaurant, im Kino oder im Supermarkt – welchen medizinischen Sinn haben dann noch Masken in Bus und Bahn? Dass das Ansteckungsrisiko dort nicht höher ist als bei einer Fahrt mit dem Auto oder dem Fahrrad, haben bereits 2021 Untersuchungen der Berliner Charité ergeben. Und wer zu einer Risikogruppe gehört, dem steht es selbstverständlich ebenso wie allen anderen Menschen frei, weiterhin Maske zu tragen.
Befürworter einer Beibehaltung der Maskenpflicht verweisen gerne darauf, dass man etwa beim Restaurantbesuch selbst entscheiden kann, ob man das Risiko einer Infektion eingehen möchte oder nicht. Essen kann man schließlich auch zu Hause. Zur Nutzung von Bus und Bahn gebe es dagegen kaum Alternativen. Doch das Argument überzeugt nicht. Denn auch in Schulen – die beileibe nicht jeder Schüler immer ganz freiwillig besucht – müssen (zu Recht) keine Masken mehr getragen werden.
Man mag das belächeln und albern finden, ignorieren aber sollte man es nicht: Für viele Maskengegner ist der Mund-Nasen-Schutz zum Symbol einer fehlgeleiteten Corona-Politik geworden, zum Sinnbild für Unfreiheit. Wer diese, wie alle anderen Menschen, weiterhin dazu zwingen möchte, Masken zu tragen, sollte das schon sehr gut begründen können. Ein vages Gefühl der Unsicherheit reicht dazu ganz sicher nicht.
CONTRA
Von Erhard Stern
Masken nerven! Und das nicht erst seit gestern, sondern seit Beginn der Coronavirus-Pandemie. Richtig ist aber auch: Masken retten Leben! Auch das ist keine ganz neue Erkenntnis. Schon die Stoffmasken haben im Frühjahr 2020 ihren Beitrag geleistet, um das Infektionsgeschehen einzudämmen.
Ungleich wertvoller ist ein professioneller Mund-Nasenschutz: Tragen beispielsweise sowohl eine infizierte als auch eine nicht-infizierte Person gut sitzende FFP2-Masken, beträgt das maximale Ansteckungsrisiko nach 20 Minuten laut einer Studie selbst auf kürzeste Distanz kaum mehr als ein Promille. Selbst wenn die Masken schlecht sitzen, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Infektion nur auf etwa vier Prozent, bei einer einfachen OP-Maske auf noch akzeptable zehn Prozent.
Diese Werte sind nach wie vor das entscheidende Argument für eine Maskenpflicht im öffentlichen Personenverkehr. Schließlich kommen sich Menschen nirgendwo so nahe wie in Bussen und Bahnen. Anders als an der Supermarktkasse oder im Möbelgeschäft lässt sich dort oftmals kein Abstand einhalten. Es mag ja sein, dass die Motivation, sich und andere zu schützen nicht mehr so groß ist wie zu Beginn der Pandemie und einige wenige sich weigern, Mund und Nase zu bedecken. Es kommt aber auch nicht von ungefähr, dass sich die übergroße Mehrheit der Fahrgäste daran hält. Das Argument, die Maskenpflicht lasse sich nicht durchsetzen, ist also in Wahrheit gar keins.
Ausgerechnet im Winterhalbjahr eine Debatte darüber vom Zaun zu brechen, zeugt dagegen von einer gewissen Weltfremdheit. Sicher, die Impfquote in Deutschland ist gut, die Pandemie scheint beherrschbar. Aber das Coronavirus ist keineswegs verschwunden; es bedarf keiner seherischen Gabe, dass die Fallzahlen abermals steigen werden. Und gerade erst ging ein Aufschrei durchs Land, dass die Kinderkliniken wegen Atemwegsinfekten am Limit seien. Wollen wir die Jüngsten (und nach wie vor die Ältesten) denn nicht mehr schützen?
So sehr Masken nerven mögen: Es tut niemandem weh, eine aufzusetzen. Sie beschneiden nicht die Freiheit des Einzelnen oder sind gar ein Symbol staatlicher Unterdrückung. Masken schützen Menschen vor gefährlichen, manchmal sogar tödlichen Infektionen. Wenn der in der Hochphase der Pandemie beschworene Zusammenhalt der Gesellschaft nicht zur hohlen Phrase verkommen soll, wäre es ja vielleicht eine gute Idee auch nach Corona Masken zu tragen – zumindest im Winter und freiwillig. In Asien ist das aus Höflichkeit und Respekt gar keine Frage.