SPD-Kanzlerkandidatur RHEINPFALZ Plus Artikel Scholz: Ich will gewinnen!

Macht sich auf den Weg: SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (Mitte), begleitet von den Parteichefs Saskia Esken und Norbert Walter B
Macht sich auf den Weg: SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (Mitte), begleitet von den Parteichefs Saskia Esken und Norbert Walter Borjans, geht zu Fuß zur Pressekonferenz in Berlin.

Einmal den richtigen Zeitpunkt für die Kür des Kanzlerkandidaten erwischen: Das ist der Traum der SPD. Ob es ihr dieses Mal gelungen ist? Jedenfalls schaffen die Sozialdemokraten außergewöhnlich früh Klarheit über ihr Zugpferd und eröffnen selbstbewusst den Bundestagswahlkampf.

Sie ist schon ein paar Mal schief gegangen, die Sache mit der SPD-Kanzlerkandidatur. Eine davon ging als „Sturzgeburt“ in die Geschichte ein, als Frank-Walter Steinmeier unvermittelt seine Ambitionen einkassierte und damit Peer Steinbrück völlig unvorbereitet ins Rampenlicht rückte. Einmal kostete die Kür des Kanzlerkandidaten dem amtierenden SPD-Vorsitzenden das Amt; es war Kurt Beck. Er musste zusehen, wie andere Genossen sein Vorschlagsrecht untergruben und ihn somit entmachteten. Jetzt aber wollen die Sozialdemokraten es endlich richtig machen.

Doch Merkwürdigkeiten bleiben: Noch am Samstag hatte SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil angekündigt, die Partei werde „im Spätsommer“ den Kandidaten benennen. Dann folgte ein ARD-„Sommerinterview“ mit SPD-Chefin Saskia Esken, in der sie deutlich machte, dass sie wie ihr Co-Vorsitzender Norbert Walter-Borjans auch offen für eine Koalition mit der Linkspartei sei. Das nährte Spekulationen, nun werde es wohl doch nichts mit Olaf Scholz, dem Mann der Mitte. Die SPD werde vermutlich jemanden vom linken Flügel nehmen.

Möglicherweise wollte man diesen Mutmaßungen die Luft nehmen und präsentierte unvermittelt am nächsten Tag die Scholz-Personalie, die – angeblich – schon seit vier Wochen intern längst abgeklärt war.

Nun also Scholz. Vor vier Jahren hob die SPD im Willy-Brandt-Haus Martin Schulz auf den Schild. Es war eine Veranstaltung, die man mit „Jubel, Trubel, Heiterkeit“ hätte überschreiben können. Begeisterte Genossen sprengten das Foyer der Parteizentrale schier aus allen Nähten. Der Ausgang dieser Geschichte ist bekannt. Vielleicht auch deshalb entschied sich die SPD-Spitze gestern dafür, Olaf Scholz in nüchterner Atmosphäre mit viel programmatischer Tiefe den Medien zu präsentieren.

Im Berliner Start-up-Quartier „Gasometer Schöneberg“ nehmen Esken und Walter-Borjans den Kanzlerkandidaten in ihre Mitte und klopfen sich erst einmal selbst eine Viertelstunde lang auf die Schultern.

Beide Parteichefs, die mit viel Kritik an der großen Koalition vor acht Monaten das Rennen um den Vorsitz der Partei gewannen, loben die Beschlüsse der schwarz-roten Regierung – vom Kinderbonus bis zur Wasserstoffstrategie, vom Klimaschutz bis zu den Corona-Maßnahmen. Die sozialdemokratische Handschrift sei jeweils erkennbar, sagt Esken, während Walter-Borjans den „Schulterschluss“ aller Sozialdemokraten in führender Funktion lobt. In der Mitte steht Scholz wie ein Zinnsoldat und lauscht unbewegt den Worten der beiden, denen er beim Mitgliederentscheid zum Parteivorsitz unterlag.

Vor allem die Genossen vom linken Flügel hatten damals alles darangesetzt, ihn als SPD-Vorsitzenden zu verhindern. Seit der Corona-Krise loben sie den konservativen Finanzminister, der in der Rolle des Krisenmanagers eine gute Figur macht. Ganz verstummt ist die Kritik an Scholz in der Partei jedoch nicht. Den meisten Genossen dürfte aber klar sein, dass sie mit Scholz über ein Zugpferd mit sehr hohen Beliebtheitswerten verfügen.

Scholz zeigt bei seiner Rede Kampfeswillen und Selbstbewusstsein. Er nennt drei Schwerpunkte, für die er einstehen will: Respekt und Anerkennung gelte diejenigen, die hart arbeiteten, aber noch nicht das bekämen, was sie verdienten. Große Anstrengungen bedürften die Zukunftsthemen wie Klimawandel, Digitalisierung und damit verbunden auch die Arbeitnehmerrechte. Schließlich gelte es, Europa nicht zu vergessen. In einer funktionsfähigen EU liege die Zukunft Deutschlands. „Es macht einen Unterschied, wer regiert“, gibt Scholz als Losung aus. Für seine Nominierung sei er sehr dankbar. „Ich will gewinnen!“ ruft er, und es hört sich an wie der Auftakt der Bundestagswahl.

Allerdings kennt Scholz seine eigene Partei gut genug, um sie mit höflichen Worten zur Geschlossenheit zu mahnen. „Nur wenn alle hinter dem Ziel und dem Spitzenkandidaten stehen, kann man erfolgreich sein.“ Ausweichend bleibt Scholz bei der Frage nach künftigen Koalitionsoptionen. Um nach heutigen Umfrageergebnissen einen „Richtungswechsel“ einleiten zu können, benötigt die SPD Koalitionspartner wie die Grünen und die Linken. Ob er das auch so sieht? Scholz sagt: „Wir wollen die Wähler überzeugen und stärker werden.“

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