Ukraine RHEINPFALZ Plus Artikel Scharfschützinnen an der Front: Zwei Frauen berichten

Eine Scharfschützin der ukrainischen Armee zeigt die Munition, die sie nutzt.
Eine Scharfschützin der ukrainischen Armee zeigt die Munition, die sie nutzt.

DIe ukrainische Armee setzt im Krieg gegen die russischen Besatzer Dutzende Scharfschützinnen ein. Zwei Frauen erzählen, wie sie mit der Lebensgefahr an der Front umgehen, was ihre tödliche Arbeit mit Mathematik zu tun hat und wonach sie ihre Ziele auswählen.

Von Dmytro Durnjew
Ihre Finger sind schmal, die kurz geschnittenen Nägel wirken rosig, eigentlich hat sie Kinderhände. Auch die Buchstaben, die sie schreibt, sind zierlich: „Savage 110, Kaliber 308.“ So heißt ihre Waffe, ein Präzisionsgewehr aus den USA, bei ukrainischen Scharfschützen sehr beliebt. „Als Kind bin ich geritten. Und ich habe geschossen“, sagt die Frau, deren Codename Kobra lautet.

In den ukrainischen Streitkräften dienten Anfang März nach offiziellen Angaben knapp 43.000 Soldatinnen, 5000 davon im Frontgebiet, die genaue Anzahl der ukrainischen „Snaiperschi“, wie die Kämpferinnen mit den Langrohrgewehren genannt werden, ist unbekannt. Die britische Zeitschrift „Economist“, die im vergangenen Dezember Schießübungen von Frauen in der Westukraine besuchte, berichtet von „vielen Dutzend Scharfschützinnen“. Manche von ihnen gilt schon als Star, wie die frühere Juwelierin und Sportschützin Jewgenija Emerald, die mit dem Codenamen Jeanne d’Arc an die Front ging.

Sind Frauen die besseren Sniper?

Kobra ist 20 Jahre alt, eine kleine, blasse Frau mit kurzen weißblonden Haaren und einem trotzigen Gesicht. Die Kiewerin meldete sich nach eigenen Angaben am ersten Kriegstag freiwillig, anfangs schob sie Dienst an Straßensperren, aber seit einigen Monaten kämpft sie als Scharfschützin, zuletzt in der seit Monaten heftig umkämpften Stadt Bachmut.

Auch Nika ist dabei. Die 35-Jährige ist eine Freiwillige aus Kroatien, dient mit Kobra in der sechsköpfigen Scharfschützengruppe einer Einheit der Kiewer Territorialverteidigung.

Es gibt Ausbilder, die versichern, dass Frauen die besseren Sniper sind: Sie seien leichter, gewandter, könnten sich leiser wegschleichen, hätten mehr Geduld und neigten weniger dazu, unkalkulierbare Risiken einzugehen.

Schon lange vor dem Ukraine-Krieg haftete Frauen mit Gewehren etwas Mythisches an. Seit dem Fall der Sowjetunion kursierten in Russland Geschichten über die „weißen Strümpfe“: junge Scharfschützinnen, angeblich Biathletinnen aus dem Baltikum, die in Transnistrien, Abchasien oder Tschetschenien gegen die Russen gekämpft haben sollen.

Vor allem Offiziere das Ziel

Ob und wie viele „weiße Strümpfe“ es wirklich gegeben hat, ist ungewiss. Aber auch in Bachmut wollen Moskaus Staatsmedien heimtückische Feindinnen ausgemacht haben: „Die weiblichen Scharfschützen der ukrainischen Streitkräfte“, behauptet die Agentur RIA Nowosti, „schießen gezielt auf friedliche Einwohner.“

Kobra hat es auf andere Ziele abgesehen, auf Maschinengewehr-Schützen und vor auf allem Offiziere. „Für einen einfachen Soldaten offenbare ich nicht meine Position“, begründet sie. Denn die feindliche Artillerie mache ganze Baumbestände oder Gebäude dem Erdboden gleich, wenn es darum geht, einen entdeckten Scharfschützen auszuschalten, sagt Kobra. Wenn einer in Gefangenschaft gerate, bedeute das für ihn Folter und Tod.

Eigentlich hat Kobra allen Grund dazu, ständig Todesangst zu verspüren. Aber den Kampf nennt sie Arbeit – und bei der Arbeit schalte sie alle Gefühle aus, auch die Angst. „Ich fühle mich psychisch und physisch in einer maximalen Komfortzone.“

Im Einsatz hat die Scharfschützin außer ihrer schallgedämpften Waffe zwei Schachteln mit 50 Patronen dabei, außerdem ein Fernglas mit eingebautem Entfernungsmesser sowie eine kleine Wetterstation, um Richtung und Stärke des Windes sowie Luftfeuchtigkeit einzukalkulieren. „Scharfschießen ist vor allem Mathematik.“ Spätestens 30 Sekunden nach dem Schuss gelte es, die Stellung zu wechseln.

Jeder Treffer ist tödlich

Kobra will nicht sagen, wie oft sie schon getroffen hat, aber praktisch jeder Treffer sei tödlich. Die junge Frau erzählt, ihr Freund diene als Sniper in einer anderen Einheit. Zu ihren Eltern und ihren Geschwistern habe sie keinen Kontakt mehr. Sie ändere ihren Codenamen alle drei Monate, ein Scharfschütze müsse auch hinter der Front möglichst unauffindbar sein. Selbst ihr Lächeln wirkt verschlossen.

Snaiperschi können sehr unterschiedliche Menschen sein. Kobras kroatische Kollegin Nika, früher Polizistin und Kickboxerin, wirkt lebhafter, ereifert sich auf Ukrainisch mit kroatischem Akzent: Sie kämpfe gegen die Russen, weil russische Söldner im Jugoslawienkrieg den Serben geholfen hätten, über ihre Landsleute herzufallen. Acht ihrer Familienmitglieder seien in einem dalmatischen Dorf umgekommen. Und sie schieße auf alle Feinde, egal ob Offiziere oder Soldaten. „Einer weniger ist einer weniger“, meint die 35-Jährige.

Trauma aus Bachmut mitgebracht?

Beide Frauen sagen, sie würden nichts empfinden, wenn sie einen Feind töteten. „Kein Adrenalin, keine Genugtuung“, erklärt Kobra, „weil, dann geht dir die Vorsicht verloren.“

Nika schwärmt von der Ukraine und ihrer Schönheit. Hier habe sie viele Freunde, auch nach dem Krieg würde sie gerne bleiben. Kobra aber will ihre Schützenlaufbahn vielleicht später im Ausland fortsetzen, je nach der politischen Lage dort und abhängig von der Bezahlung.

Ihr Kommandeur befürchtet indes, Kobra habe aus dem heftig umkämpften Bachmut ein Trauma mitgebracht und benötige psychologische Hilfe. Kobra selbst sagt, wenn es nach ihr ginge, wäre sie schon wieder an der Front. Aber dabei senkt sie den Kopf, ihr grauäugiger Blick wirkt jetzt weicher – und müde.

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