Politik Schön, Sie zu treffen, Herr Präsident
Ein Tag wie aus dem politischen Bilderbuch des Donald Trump. Der sichtlich exzellent gelaunte Präsident der USA betritt kurz nach 16.10 Uhr Ortszeit das Podium seiner Pressekonferenz und verkündet mit unerschütterlichem Pathos: Es war ein „fantastisches“ und „historisches“ Treffen. „Es ist besser gelaufen, als irgendwer erwarten konnte. Spitzenklasse“, jubelt ein Trump in Beststimmung. „Ich stehe vor Ihnen mit einer Botschaft von Hoffnung und Frieden.“ Ob er den Fortschritt in Nordkorea jetzt aber garantieren könne, wird Trump gefragt. Da rudert der Präsident zwar gekonnt und jovial, aber ziemlich eindeutig zurück. Für einen „richtigen Deal“ sei es zu früh. „Der Prozess der atomaren Abrüstung dauert wissenschaftlich und mechanisch sehr lange, aber wenn er beginnt, dann ist er nicht mehr aufzuhalten.“ Generell konnte der US-Präsident trotz vieler konkreter Fragen kaum mit überzeugenden Fakten aufwarten, sondern kam immer wieder mit persönlichen Eindrücken und seinem Bauchgefühl. „Ich spüre, Nordkorea will einen Deal machen, ich vertraue dem Vorsitzenden Kim.“ Er denke, alles werde sehr schnell gehen, verkündete Trump wiederholt. Aber trotz aller Euphorie blieb der US-Präsident auf dem Teppich. „Die Sanktionen gegen Nordkorea bleiben solange intakt, bis wir sicher sind, dass der Prozess der Denuklearisierung beginnt und die atomare Gefahr gebannt ist“, betonte er, schloss auch ein Scheitern und einen erneuten Rückzieher der Nordkoreaner nicht aus. Es könne durchaus sein, dass er irgendwann in absehbarer Zeit erneut vor die Weltpresse treten und nach einer Entschuldigung suchen müsse, räumte Donald Trump ein. Eine Bombe ließ er dann zu aller Überraschung doch noch platzen. Die USA werden die gemeinsamen Manöver mit Südkorea an den Grenzen Nordkoreas stoppen, verkündete der Präsident. „Diese Kriegsspiele kosten viel Geld, und sie sind provokativ.“ Bei aller Euphorie in den Reihen der Amerikaner, auch in dem von Donald Trump und Kim Jong Un unterzeichneten Abschlussdokument liest sich das Gipfelergebnis eher nüchtern und für viele auch enttäuschend. Darin ist die Rede von „Bemühungen“, von einem „festen und unerschütterlichen Bekenntnis“ zur umfassenden atomaren Abrüstung, nicht von Vollzug. Es fehlt jede zeitliche Festlegung, wie die atomare Abrüstung ablaufen soll. „Zügig“ und „Es soll sehr bald beginnen“, heißt es stattdessen vage. Und wer wird den Prozess wie kontrollieren? Darauf findet sich in der offiziellen Erklärung keine Antwort. Welche „Sicherheitsgarantien“ konnte Trump seinem Gegenüber versprechen, für die territoriale Integrität der Volksrepublik Korea als Staat oder die Kim-Clique als Regime? Und was meint der US-Präsident mit „besonderer Verbindung“ zu dem nordkoreanischen Diktator? Etwa bessere als zu den westlichen Bündnispartnern beim jüngsten G-7-Gipfel in Kanada? Kim Jong Un kam bei dem insgesamt fünf Stunden währenden Treffen aus dem Grinsen nicht heraus. Lächelnd ließ er sich flankiert von jeweils sechs Staatsbannern von Donald Trump hofieren und grüßte artig: „Schön, Sie zu treffen, Herr Präsident.“ Dieser legte dem nordkoreanischen Führer viermal leger die Hände auf die Schulter, klopfte ihm zweimal auf die Schulter. Es fehlte nur noch eine Umarmung mit Bruderkuss. Kims Genossen muss das Blut in den Adern gefroren sein, so körperlich nah kann in Pjöngjang niemand mit dem „Obersten Führer“ umgehen. Kaum anzunehmen, dass Nordkoreas Staatsfernsehen diese Respektlosigkeit auch noch ausstrahlt. Es war die Stunde der Staatsschauspieler, eines ehemaligen Reality-TV-Stars aus Amerika und des Sohns einer Schauspielerin aus Nordkorea. Nur dass das, was im luxuriösen Capella-Hotel auf der Urlaubsinsel Sentosa ablief, keine reine Show war, sondern Weltpolitik. Dem Fernsehpublikum in aller Welt wurde eine Szene vorgespielt, die beinahe surreal wirkte. Zwei Männer, die einander vor Monaten noch verunglimpften, lächeln nun gemeinsam in eine Wand von Kameras. Kim äußerte später, die Menschen in aller Welt müssten geglaubt haben, es handele sich um die Fantasie-Szene „aus einem Science-Fiction-Film“. Nur, dass es eben auch eine Wirklichkeit gibt. Bevor es gegen 9.04 Uhr Ortszeit zum historischen, immerhin 13-sekündigen ersten Händedruck kam, musste Kim an einer Heerschar von Reportern vorüberschreiten, die ihm Fragen zuriefen: „Werden Sie Ihre Atomwaffen aufgeben?“, „Wollen sie Korea entnuklearisieren?“ Der Führer aus Pjöngjang ist solche Fragen nicht gewohnt, aber er kann sie ignorieren. Ebenso wie das Häuflein Demonstranten zuvor in der Nähe seiner Hotelunterkunft, die Kim Jong Un Plakate entgegenhielten, auf denen in Koreanisch „Mörderischer Diktator“ und „180.000 Lagerhäftlinge klagen an“ geschrieben stand. Beim Gipfelgespräch war das wohl kein Thema. Worüber genau gesprochen wurde, blieb sowieso im engsten Kreis. Neben Trump und Kim saßen nur noch eine Dolmetscherin für den US-Präsidenten und ein Dolmetscher für Nordkoreas Machthaber. Dieser Übersetzer namens Kim Jun Song lebt nun etwas gefährlich, er ist außer seinem Chef der Einzige, der weiß, was wirklich geredet wurde. Geheimnisträger dieser Kategorie geraten in Pjöngjang leicht zwischen die Mahlsteine des Regimes. 5000 Journalisten aus aller Welt wollten aus Singapur berichten, nur 14 durften direkt vor der Tür warten, je sieben aus Nordkorea und aus den USA. Von der 48-minütigen Privataudienz sind nur wenige Sätze verbürgt überliefert. So sagte Kim etwas mehrdeutig: „Es war nicht leicht, hierher zu kommen. Wir waren Gefangene der Vergangenheit. Alte Vorurteile und Verhaltensweisen standen der Zukunft im Weg. Aber wir haben sie alle überwunden und sind nun hier.“ In der koreanischen Übersetzung sprach Kim noch von „bedauerlichen Ereignissen“, meinte damit aber bestimmt nicht seine Atom- und Raketentests, sondern vermutlich den vor 65 Jahren per Waffenstillstand beendeten Korea-Krieg. Jetzt ist ein Friedensvertrag in Sicht, und Kim sagte: „Wir lassen die Vergangenheit hinter uns.“ Und: „Die Welt wird große Veränderungen sehen.“ Mit stolzgeschwellter Brust verließ der Diktator im schwarzen hochgeschlossenen Funktionärsanzug schon gegen Mittag Singapur. Er kann sich als der eigentliche Sieger fühlen, auch wenn er das nicht ausdrücklich sagt und Trump den öffentlichen Triumph lässt. Unter dem Strich bringt Nordkoreas Machthaber eine ganze Menge nach Hause: Eine Einladung ins Weiße Haus von Washington zum Beispiel, den Manöverstopp der Amerikaner und in naher Zukunft möglicherweise auch zumindest eine spürbare Lockerung der internationalen Sanktionen. Wie dringlich Wirtschaftshilfe für Nordkorea ist, demonstrierte sein Führer gezwungenermaßen selbst. Kim Jong Un reiste mit einem geborgten Flugzeug der Air China an, weil seine betagte Maschine des russischen Typs IL 62 den Flug zwischen Pjöngjang und Singapur nicht nonstop bewältigen kann. Auch für die Hotelrechnung und sämtliche Kosten für den Aufenthalt von Kim und seiner Entourage gab es einen Mäzen, die Regierung Singapurs. Trotzdem blieb Kim ein wenig Neid. Bevor beide Staatsmänner schieden, gewährte Trump seinem neuen Freund Kim noch einen Blick in das Allerheiligste des Secret Service: die Präsidentenlimousine, genannt „The Beast“. Aber auch Nordkoreas Diktator hat in puncto Sicherheit einiges zu bieten. Das Ballett seiner nahkampferprobten Bodyguards erregte vor allem bei Singapurs junger Weiblichkeit deutlich mehr Entzücken als der dickliche Diktator selbst. In der Regel läuft ein Dutzend dieser fast identisch gut aussehenden Männer mit kurz geschorenen Haaren, schwarzen Anzügen und Krawatten neben und hinter dem Herrscher in geschlossener Formation. Nur wenn die Staatslimousine, ein Mercedes, zu viel Tempo aufnimmt, gerät die Ordnung mal aus der Reihe. Die Leibwächter Kims sind handverlesen, dürfen aber nicht größer sein als 1,79 Meter, damit sie den Führer nicht überragen. Ihre politische Einstellung wird vom Geheimdienst durchleuchtet, ebenso die Familiengeschichte über zwei Generationen. Sie müssen mehrere Waffen beherrschen, selbstverständlich auch Nahkampftechnik. Die insgesamt 300 Personenschützer sind die einzigen Nordkoreaner, die sich in Kims Nähe mit geladener Waffe aufhalten dürfen. Und wie beim Singapur-Gipfel erledigen sie auch Spezialaufgaben. So untersuchte ein Bodyguard vor der Unterzeichnung des Abschlussdokuments das Schreibgerät seines Chefs – wohl damit nicht etwa statt Tinte Gift herausspritzt.