Krieg in der Ukraine
Russlands Truppen töten und verstümmeln mit Streumunition
„Zivilisten bleiben hauptsächlich die Opfer der Streumunition“, betonte der Direktor des UN-Instituts für Abrüstungsstudien, Robin Geiss, am Donnerstag in Genf bei der Vorstellung eines Berichts von Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen.
Laut dem „Streubomben-Monitor“ wurden in der ersten Jahreshälfte 2022 in der Ukraine mindestens 689 Zivilisten Opfer der heimtückischen Sprengkörper. Von ihnen starben 215, 474 erlitten Verletzungen und Verstümmelungen. Die Dunkelziffer dürfte jedoch weitaus höher liegen, eine genaue Erfassung ist aufgrund der Kriegswirren unmöglich. Zudem beschädigte die Munition etliche zivile Gebäude.
Die meisten Attacken durch Russland
Fast alle Attacken in der Ukraine gehen auf das Konto der russischen Truppen. Laut der Hilfsorganisation Handicap International (HI) führten „die russischen Streitkräfte Hunderte von Angriffen durch.“ Aber auch ukrainische Einheiten griffen nach Erkenntnissen von Mary Wareham, Abrüstungsexpertin von Human Rights Watch, in mindestens zwei Fällen zu dieser Waffe.
Gemäß den zuletzt veröffentlichten Recherchen war die Ukraine 2022 bislang der einzige Kriegsschauplatz, auf dem Parteien mit Streubomben kämpften. 2021 erfassten die Autoren der Studie erstmals seit einem Jahrzehnt keine Meldungen über neue Opfer infolge derartiger Attacken. „Der wiederholte Einsatz von Streumunition in der Ukraine zeugt von mangelnder Rücksichtnahme auf die Zivilbevölkerung und in einigen Fällen von der bewussten Absicht, sie zu treffen“, betonte Eva Maria Fischer von HI.
Russland und Ukraine haben nicht unterzeichnet
Doch weder Russland noch die Ukraine haben sich der sogenannten Oslo-Konvention zum Verbot von Streumunition angeschlossen. Auch die USA und China gehören zu den Militärmächten, die sich nicht dem im August 2010 in Kraft getretenen Pakt beugen. Bisher haben laut HI 123 Staaten unterzeichnet. Die Länder ächten den Einsatz, die Entwicklung, die Produktion, die Lagerung und die Weitergabe der Munition, die von Geschützen verschossen oder von Flugzeugen abgeworfen wird.
Die Munition selbst befindet sich in Behältern. Diese öffnen sich und Hunderte kleine Bomben verteilen sich auf Gebieten, die mehrere Dutzend Fußballfelder groß sein können. Gefährlich ist Streumunition laut dem Auswärtigen Amt vor allem, weil „ein erheblicher Prozentsatz der Submunitionen nicht detoniert, sondern als Blindgänger vor Ort verbleibt und die Bevölkerung gefährdet.“ Die Submunition sei sensibel, zahlreich und wegen ihrer geringen Größe schwer auffindbar. Zivilisten sind somit nicht nur während, sondern noch lange nach dem Ende eines militärischen Konflikts in Gefahr.