Ukraine
Russland hat die Schlacht um Charkiw verloren
Von Dmitro Durnjew
Der „Protagonist“ ist angesagt in Charkiw. Der Laden ist je nach Tageszeit Frühstückscafé, Restaurant oder Tanzbar. Am Mittag ist der „Protagonist“ voll mit Soldaten der ukrainischen Armee. Auch sie sind Protagonisten, junge Männer, die sich inzwischen als finanzielle Elite fühlen können: Frontsoldaten erhalten einen Monatssold von umgerechnet 3000 Euro, mehr als sechsmal so viel wie das nationale Durchschnittseinkommen vor dem Krieg.
Sie tragen dunkle Markenbrillen oder Piratenkopftücher in Tarnfarbe. Ihre Schutzwesten sind voll gehängt mit Funkgeräten, Pistolen, Patronen-Magazinen, Handgranaten oder Kampfmessern. In der Hand halten sie ein Smartphone.
Charkiw atmet durch. Nach drei Monaten Belagerung und stetigem Trommelfeuer durch die russischen Truppen haben die ukrainischen Verteidiger den Feind zurückdrängt, kamen offenbar an einer Stelle bis zur russischen Grenze. Und in Charkiw erreichen inzwischen immer weniger gegnerische Geschosse die Wohnviertel oder das historische Zentrum. Die zweitgrößte Stadt der Ukraine schwankt zwischen Siegesfreude, Erleichterung und Angst. Viele Menschen hat die stetige Todesgefahr verändert.
Bahnsteig als Zufluchtsort
An den Gebäuden im sowjetischen Neoklassizismus in der Stadtmitte sind die Spuren des Krieges sichtbar: kaputte Fenster, fehlende Ziegel, Dach- und Mauerstücke. Schlimmer hat es das Plattenbauviertel im Nordosten Charkiws getroffen. Im Stadtteil Saltowka, wo 300.000 der 1,5 Millionen Charkiwer lebten, stehen nur noch ausgebrannte Hochhausruinen. Allein bis zum 21. April kamen nach Angaben von Radio NW im Stadtgebiet 228 Zivilisten ums Leben.
Jetzt haben sich die Russen aus acht Dörfern nördlich von Charkiw zurückgezogen, den Kampf um die Stadt zumindest vorläufig aufgegeben. „Die Ukraine“, schreibt das amerikanische Militärforschungsinstitut Institut ISW, „scheint die Schlacht um Charkiw gewonnen zu haben“.
In der Stadt gerät der Frühling schon zum Frühsommer. Abends versammeln sich Soldaten, Polizisten, Biker und Radrennfahrer an der Uferpromenade Strilka. „Die Stadt wird viel schöner als vor dem Krieg“, schwärmt Vadim, ein junger PR-Experte, der jetzt als Volontär im Internet Kinderzeichnungen für die kämpfende Truppe organisiert. Im Feinschmeckersupermarkt „Le Silpo“ gibt es wieder eine große Auswahl an Hartkäse und Vollkornbroten. Die Stadt ist auf dem Weg zur Normalität.
Leben von Ersparnissen
Auch auf den Bänken in den Parkanlagen an der U-Bahn-Station Sahysnykiv Ukrainy herrscht Leben. Menschen sitzen beieinander und erzählen, Kinder laufen um sie herum. Ab und zu gehe sie kurz nach Hause, sagt Alisja, eine Zeitschriftenhändlerin, die ihren Job verloren hat.
Alisja lebt seit drei Monaten mit ihrem achtjährigen Sohn auf einem Bahnsteig der U-Bahn, mit etwa 200 anderen Charkiwern, die bei Bombenangriffen in den U-Bahnschächten unter der Erde Schutz gesucht haben. Es gibt Internet, Toiletten, eine Dusche. Ihren Schnellkochtopf hat Alisja von zu Hause mitgebracht. Auf dem Bahnsteig ist es kühl, 15 Grad. Zwischen den Matratzen stehen viele Zelte. Noch will keiner nach Hause. „Jetzt ist es ruhig“, sagt Alisja, „aber keiner weiß, was in einer Stunde geschieht.“ Die russischen Raketen könnten noch immer die ganze Stadt treffen.
Es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel, mit denen man zur Arbeit kommt, es gibt auch keine Arbeit, weil die meisten Fabriken zerstört wurden. Alisja und ihre Schicksalsgenossen leben von ihren Ersparnissen. Zu essen gibt es Buchweizengrütze, die freiwillige Helfer bringen.
Blutiges Unentschieden
Oft versuchen Menschen, den Krieg auszublenden und ihren Alltag weiterzuleben, bis ihnen das Dach über dem Kopf weggeschossen wird. Wer einmal mental im Krieg angekommen ist, wagt sich nicht so einfach wieder heraus. „Wie der Krieg mich verändert hat?“ Die Zeitungsverkäuferin überlegt kurz. „Die Antwort verstehst du erst, wenn du selbst anfliegende Raketen gesehen hast.“
Bislang bleibt es bei einem blutigen UnentschiedenDie Glasfront des „Protagonisten“ scheint keinen Kratzer abbekommen zu haben. Die drei Soldaten am Nebentisch erinnern mit ihren getrimmten Bärten an die drei Musketiere. Sie sind „Rote Saporoscher“, Kämpfer der berühmten 72. Brigade. Einer erzählt, er sei Partner eines Scharfschützen, gebe ihm mit seinem Maschinengewehr Feuerschutz. Er zeigt Fotos auf seinem Handy: Da steht er vor einem erbeuteten Panzer im Wald. „Das war nur zehn Kilometer vor der russischen Grenze. Vorgestern.“ Dort liegt auch ein toter Russe. Der rote Saporoscher spottet, die Russen seien dumm, wütend und schwach.
Leiterwagen voller Beutegut
Aber der Rückzug der Russen bei Charkiw wird diesen Krieg nicht entscheiden. Die Siegesstimmung im „Protagonisten“ ist auch mit der Todesangst der ukrainischen Kämpfer im Donbass erkauft, die täglich heftigem Geschützfeuer ausgesetzt sind. Das russische Oberkommando hat einen Großteil seiner Soldaten und Geschütze bei Charkiw schon im April für die Großoffensive abgezogen. Seitdem tobt eine Abnutzungsschlacht mit hohen Verlusten auf beiden Seiten. Bislang bleibt es im Ukraine-Krieg bei einem blutigen Unentschieden.
Am Nordrand des zerstörten Stadtteils Saltowka endet die Straße in einer langen, von Scherben und Splittern übersäten Geraden. Der einsame Soldat am Kontrollpunkt lässt nur Autos stadteinwärts passieren. Am Straßenrand parkt ein alter Toyota-Jeep, vollgepackt mit Koffern und Plastiktüten. Daneben steht ein korpulenter Mann und schaut zu, wie eine elektrische Luftpumpe seinen Vorderreifen füllt. Er komme aus dem kürzlich befreiten Dorf Tscherkasski Tischky, sagt er. Die Russen seien weggefahren, in ukrainischen Autos, auf ukrainischen Fahrrädern, Motorrädern und Quadros, mit Leiterwagen voller Beutegut. Aufgrund von Minen und feindlichen Artillerietreffern traut er sich noch nicht zurück. Er wolle abwarten, bis es ruhig geworden sei in seinem Heimatdorf, dann komme er wieder.
72 Tage Besatzung
Der Mann ist Arzt; 72 Tage Besatzung hat er hinter sich. Viel schlimmer als die russischen Soldaten seien die Donezker und Lugansker Separatistenkämpfer gewesen. „Sie tauchten auf, luden ihr Gewehr durch und verkündeten: Lass uns tauschen: dein Auto gegen zwei Büchsen Schmorfleisch.“ Einen Nachbarn habe man mit einer Schusswunde tot in seinem Vorratskeller gefunden. Und die russische Artillerie im Dorf habe 400 bis 500 Schüsse täglich Richtung Charkiw abgegeben.
„Platz machen“, ruft es vom Kontrollpunkt her. Ein Schützenpanzer mit ukrainischer Flagge brettert heran, darauf sitzen Soldaten mit Baseballmützen. Der Arzt verstummt, schraubt hastig das Ventil seines Reifens zu und braust Richtung Charkiw davon. Er zumindest will ihn hinter sich lassen – den Krieg.