Interview
Religionswissenschaftlerin: „Kyrills Erklärung des Krieges ist pervers“
Frau Alshanskaya, Kirchen sollten doch Friedensstifter sein. Im Krieg gegen die Ukraine fallen sie in dieser Funktion aus. Warum?
Man muss unterscheiden. Die ukrainischen Kirchen haben nach Beginn des Krieges laut und deutlich zum Frieden aufgerufen. Sie sind aber in diesem Krieg Opfer wie auch der ukrainische Staat. Hinsichtlich der Verteidigung ihres Landes sind sich die Kirchen mit ihrer Regierung einig. Sie können aber wenig ausrichten. Sie haben mehrmals an den Aggressor, an Kremlchef Putin, an russische Soldaten und an den Moskauer Patriarchen appelliert. Ihre Appelle werden ignoriert.
Und die russisch-orthodoxe Kirche in Russland befeuert den Krieg eher noch, als dass sie sich für Frieden stark macht.
Die orthodoxe Kirche in Russland erhebt seit drei Jahrzehnten den Anspruch eine gesellschaftsrelevante Kraft zu sein, die die moralische Führung der russischen Gesellschaft übernehmen will. Nur diesem Anspruch wird sie häufig nicht gerecht. Die Kirchenleitung verfolgt ihre eigenen Interessen in den öffentlichen Diskussionen, statt sich mit den echten Problemen der russischen Gesellschaft auseinanderzusetzen. Die russische Kirche hat in den vergangenen Jahrzehnten die Politik Russlands nie ernsthaft kritisiert. Und es ist nicht zu erwarten, dass sie es in der jetzigen Lage tun wird. Vielmehr hat sie selbst stark zur Normalisierung des Kriegsdiskurses beigetragen.
Inwiefern?
Zum Diskurs der Verteidigung des russischen Staates und der russischsprachigen Bevölkerung in anderen Ländern hat die Kirche mit einem Konzept der „geistigen Sicherheit“ beigetragen. Sie unterstreicht immer wieder die Andersartigkeit der russischen Welt und ihrer Werte im Unterschied zum „dekadenten Westen“. Damit stellt sie auch die universellen Menschenrechte infrage. Und militärische Einsätze – ob im Donbass oder in Syrien – sowie die Krim-Annexion werden mit einer metaphysischen Dimension gerechtfertigt und zu einem „heiligen Kampf“ stilisiert. Man verteidige nicht nur das Land und seine Bevölkerung militärisch vor angeblichen Gefahren, sondern auch die eigenen Werte, die eigene Spiritualität und Tradition, die viel wertvoller seien als menschliches Leben. Auch russische Kriege in der Geschichte werden von der Kirchenleitung lediglich als Verteidigungskriege hingestellt; militärische Handlungen der Soldaten werden nachdrücklich als Heldentaten mythologisiert. Und 2020 wurde eine Kirche des Sieges im militärischen Freizeitpark Patriot in der Nähe von Moskau gebaut und eingeweiht. Von Friedensrhetorik also keine Spur.
Was treibt Kyrill I. an, sich so hinter Putin zu stellen?
Zum einen ist und war der Patriarch vom Staat immer abhängig. Der Grad seiner Unterwerfung und Unfreiheit ist natürlich in der heutigen Situation besonders schockierend, zeigt aber seine riesige Angst vor dem Machthaber und offensichtlich mangelnden Glauben an Gott. Zum anderen ist der Patriarch selbst von seiner eigenen Propaganda gefangen. Er leidet wie Putin unter einem enormen Realitätsverlust. Beide haben sich in den vergangenen zwei Jahren wegen Corona verschanzt und befinden sich offensichtlich in einer Informationsblase, sie haben nur zu einem begrenzten Menschenkreis Kontakt. Sie können die Lage in der Ukraine, ja, in der Welt insgesamt nicht mehr adäquat einschätzen. Nur so kann ich Kyrills Worte vor neun Tagen verstehen: Er erklärte diesen Krieg als Abwehrkampf gegen den Westen, der die Menschen auf einen Pfad der Sünde führe. Als Zeichen für die Verkommenheit der Welt sieht er die Gay-Pride-Parade (eine Parade von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender. Anmerkung der Redaktion). Ich habe nicht ernsthaft erwartet, dass Kyrill I. sich gegen Putins Krieg in der Ukraine positioniert. Aber mit einer so zynischen, menschenverachtenden, perversen Erklärung des Krieges habe ich nicht gerechnet.
In der Ukraine hat sich neben der ukrainisch-orthodoxen Kirche mit Bindung an den Moskauer Patriarch vor vier Jahren die unabhängige Orthodoxe Kirche in der Ukraine gegründet. Wer hat größeren Rückhalt in der Bevölkerung?
Die unabhängige Orthodoxe Kirche wurde 2018 gegründet, man sagt, es sei ein politisches Projekt des damaligen Präsidenten Petro Poroschenko gewesen. Das Streben nach Unabhängigkeit war allerdings schon seit den 1990er Jahren in der ukrainischen Orthodoxie präsent. 2018 wollten viele Gemeinden nicht der unabhängigen Kirche beitreten, sondern unter dem Moskauer Patriarchat zu bleiben. Momentan beobachtet man mehr Übertritte. Aber vielen Menschen ist gar nicht bewusst, welche Kirchen sie zum Beten oder zu den Gottesdiensten besuchen. Es geht ihnen um die Rituale, und die sind in beiden Kirchen gleich. Ich glaube aber, diese Krise wird zu einem Bruch vom russisch-orthodoxen Zentrum und zu einer nationalen orthodoxen Kirche führen.
Dann ist noch Papst Franziskus, Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. 2016 hat er mit Kyrill I. eine Erklärung unterzeichnet quasi eine Annäherung der beiden Kirchen. Müsste er nicht viel vehementer gegenüber dem Moskauer Patriarchen auftreten?
Diese Annäherung 2016 war ein rein symbolischer Akt. Und in gewisser Weise hat die russische Kirche die Katholiken instrumentalisiert: Seht her, wir sind willkommen, anerkannt und werden gehört. Aber der Gang von Papst Franziskus zur russischen Botschaft war schon ein wichtiges Zeichen. Nur – das genügt nicht.
Franziskus hat nun zwei Kardinäle in die Ukraine geschickt. Können sie etwas ausrichten?
Viele Staatschefs wie Frankreichs Emmanuel Macron haben versucht, Putin umzustimmen. Bislang vergeblich. Ich glaube nicht, dass zwei Kardinäle mächtiger sind und etwas bewirken können. Putin ist im Moment nicht ansprechbar, und wenn, dann vielleicht nur vom Führer Chinas. Mehr bewirken – vor allem in der russischen Gesellschaft – könnte der Moskauer Patriarch, und zwar mit einer Botschaft gegen den Krieg. Denn einem großen Teil der Russen ist das Ausmaß des Krieges immer noch nicht bewusst beziehungsweise er will es nicht wissen und sieht in dieser „militärischen Operation“ eine Befreiung der russischsprachigen Menschen in der Ukraine vom „Nazismus“. Aber solch eine Botschaft Kyrills bleibt wohl ein Traum.
Sie selbst kommen ursprünglich aus Belarus. Wie verhält sich dort die orthodoxe Kirche?
Die Leitung der belarussischen Kirche ist genauso unselbstständig und prinzipienlos wie die russische. Das zeigte sich 2020, als die Proteste gegen Lukaschenko zwar von einigen Priestern und Gläubigen, aber nicht von der Kirchenführung unterstützt wurden. Und heute sind Worte wie „Nein zum Krieg“ in Belarus genauso wie in Russland verboten. Der belarussische Metropolit hat einen Friedensaufruf veröffentlicht, aber ohne den Aggressor zu nennen, ohne jemanden konkret aufzurufen, den Krieg zu stoppen. Nichts als allgemeine Worte.
Veranstaltungshinweis
Die Katholische Erwachsenenbildung im Bistum Speyer lädt mit der Stabsstelle Ökumene und theologische Grundsatzfragen am 21. März von 19.30 bis 21 Uhr zu einem Online-Vortrag mit Diskussion zum Thema „Der Krieg in der Ukraine und die Rolle der Kirchen“ ein. Referent ist Thomas Bremer, Professor für Ostkirchenkunde am Ökumenischen Institut der Universität Münster. Anmeldung unter Telefon 06232/102-180, E-Mail: keb@bistum-speyer.de