Meinung
Putins Zermürbungstaktik beim Gas
Wladimir Putin führe einen Wirtschaftskrieg gegen Deutschland und Europa, bei dem er Gas als Waffe einsetze, lautet ein seit Wochen zu hörender Vorwurf gegen den russischen Präsidenten. Dieser „Krieg“ erreichte in der vergangenen Woche einen Höhepunkt, als es darum ging, ob nach einem wartungsbedingten Lieferstopp wieder russisches Gas durch die wichtige Ostseepipeline Nord Stream 1 strömen würde.
Seit Wochen schwankt die Stimmungslage in Deutschland mit Blick auf die Energieversorgung zwischen Hoffen und Bangen, Wut und Resignation, wechseln sich Sparappelle mit Durchhalteparolen ab. Das alles immer wieder unterlegt mit Schreckensszenarien für den Fall, dass der Machthaber im Kreml tatsächlich „Njet“ zu weiteren Gaslieferungen sagen sollte. Der Wirtschaftskrieg ist längst zu einem Nervenkrieg geworden.
Durch Corona ermüdet
Dabei bedient sich das Regime in Moskau einer Art Zermürbungstaktik. Da wird gedroht, da werden die Folterinstrumente, sprich ein Ende der Gaslieferungen, ins Schaufenster gestellt – nur um tags darauf wieder umzudekorieren und die eigene Verlässlichkeit als Handelspartner und Energielieferant zu betonen.
Diese Taktik trifft auf westliche Gesellschaften, die nach zweieinhalb Jahren Corona ohnehin ermüdet, ausgelaugt, angeschlagen sind. Schon die Pandemie stellte vieles, was uns allen über Jahrzehnte selbstverständlich war, radikal in Frage, beschnitt unsere Freiheit – vom Treffen im privaten Kreis bis zum Reisen in ferne Länder.
Von imperialem Wahn gepackt
Spätestens seit Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine ist diese Freiheit einer neuen Bedrohung ausgesetzt. Die geht dieses Mal nicht von einem Virus aus, sondern von einem Mann, der vom imperialen Wahn gepackt ist und sich mit jener europäischen Friedensordnung, wie sie sich vor gut drei Jahrzehnten nach dem Ende des Ost-West-Konflikts entwickelte, nicht abfinden will. Um seine Ziele zu erreichen, scheint ihm jedes Mittel recht zu sein. Oder blufft Putin nur, versucht er auszuloten, wie weit er gehen kann? Niemand weiß es – und genau das nährt Befürchtungen, schürt die Angst vor dem Undenkbaren, einem Krieg weit über die Grenzen der Ukraine hinaus.
Zugleich greift angesichts der Klimakrise eine dunkle Ahnung um sich, dass unser wohlständiges Leben, das wir nicht zuletzt scheinbar unerschöpflichen Energiereserven verdanken, sich möglicherweise seinem Ende nähert. Dass unsere Konsumgesellschaft, die sich lange Zeit bedenkenlos scheinbar unendlicher Ressourcen bediente, in dieser Form keine Zukunft hat.
Gas als ideales Instrument
Es ist diese Gemengelage, die vielen Menschen zusetzt, die sie zweifeln, manche verzweifeln lässt. Der Machthaber im Kreml, davon darf man ausgehen, weiß um diese Stimmung. Putin wird nichts unversucht lassen, sie auszunutzen und weiter anzuheizen – das Gas liefert ihm dafür ein ideales Instrument. Deutschland und Europa werden sich dem nur entziehen können, wenn sie sich so rasch wie möglich aus der – selbstverschuldeten – Abhängigkeit von russischen Energieimporten befreien und zugleich alles tun, um das fossile Zeitalter hinter sich zu lassen. Denn Putin ist nicht der einzige, der versucht sein kann, Gas und andere Energieträger als Waffe einzusetzen.