Russland RHEINPFALZ Plus Artikel Psychoterror gegen Kremlkritiker Nawalny

Alexei Nawalny ist Russlands derzeit prominentester Häftling.
Alexei Nawalny ist Russlands derzeit prominentester Häftling.

Laut einem Filmbericht versucht die Gefängnisleitung den bekanntesten Strafgefangenen Russlands mit seelischem Druck in einen Nervenzusammenbruch zu treiben. Tausenden einfachen Häftlingen ergeht es noch schlimmer.

Als Alexei Nawalny im Juni dieses Jahr nach seinem Hungerstreik in die Strafanstalt IK-2 im Städtchen Pokrow zurückkehrte, montierte die Anstaltsleitung eine Wandtafel. Darauf waren Bilder zweier Hähne aufgeklebt sowie Fotografien Nawalnys und eines anderen Gefangenen. Hähne bedeuten im russischen Gefängnis-Slang passive Homosexuelle.

Am Donnerstag veröffentlichte der Oppositionskanal TV Doschd einen Film über die psychischen Schikanen, die im Gefängnis gegen Russlands berühmtesten Häftling angewandt werden. Zu Wort kommen vor allem zwei Mitgefangene Nawalnys, die inzwischen freigelassen wurden, Nariman Osmanow und Jewgeni Burak. Sie berichten von Sprechverbot, nächtlicher Masturbation und anderen Provokationen gegen Nawalny. „Sie alle haben das Ziel, den Menschen zu brechen“, sagt Osmanow.

Drei Tage ohne Schlaf

Vollzugsbeamte zeigten den Gefangenen einen sogenannten Lehrfilm, in dem der Oppositionspolitiker als schwul dargestellt wird. Und laut Osmanow fand Nawalny in den ersten drei Tagen nach seiner Rückkehr keinen Schlaf. Sein Bettnachbar habe alles getan, um ihm auf die Nerven zu gehen, er habe dazu verschiedene Geräusche von sich gegeben und nächtelang onaniert. Als Nawalny vorher hungerstreikend im Bett lag, habe die Lagerleitung frühmorgens in der nahen Küche Wurst braten lassen, der Duft sollte seinen Widerstandswillen schwächen. Später verlegte man einen Mann auf die Nachbarpritsche, der angeblich an offener Tuberkulose litt.

„Die Sicherheitsorgane missbrauchen ihre Vollmachten gegen Nawalny wie gegen Zehntausende andere Strafgefangene“, sagt Wladimir Ossetschkin von der Gefangenenrechtsgruppe Gulagu.Net der RHEINPFALZ. „Sie nutzen ihre Vertrauensleute unter den Häftlingen, um Nawalny zu diskreditieren und zu provozieren.“ Nawalny werde nicht geschlagen, vergewaltigt oder mit anderen Methoden physisch gefoltert, wie etwa die Häftlinge im Saratow, von wo Gulagu.net im Oktober umfangreiche Foltervideos veröffentlichte. „Aber sie veranstalten seelisches Pressing, um ihn in einen Nervenzusammenbruch zu treiben.“

Nawalny gibt sich humorvoll

Sergei Jaschan, ehemaliger Kriminalbeamter und Mitglied der Öffentlichen Beobachterkommission, die in der Region Wladimir die Rechte der Strafgefangenen überwacht, versicherte TV Doschd, Nawalny habe bei zwei Gesprächen mit ihm keinerlei Beschwerden geäußert. Nawalny selbst redete wiederholt mit Humor über seinen Alltag. In einem Interview mit der New York Times sagte er, der Tagesablauf in der Strafanstalt gefalle ihm als Frühaufsteher sehr. Man versuche zwar immer wieder, ihn zu provozieren, aber er betrachte seine Haft inzwischen als ausgezeichnetes christliches Praktikum, auch was Feindesliebe angehe.

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