Gesundheit Pflegenotstand: AOK will auf Ehrenamtliche setzen

Der Anteil der Pflegebedürftigen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.
Der Anteil der Pflegebedürftigen ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen.

Der Anteil der Pflegebedürftigen in Deutschland steigt. Doch nicht überall ist der Bedarf gleich. Der AOK Bundesverband schlägt einen neuen Ansatz vor, wie die Pflege vor Ort organisiert werden könnte.

Immer mehr Menschen in Deutschland sind auf Pflege angewiesen – und die geburtenstarken Jahrgänge der 60er Jahre kommen erst noch in das Alter, in dem sie ebenfalls zunehmend pflegebedürftig werden. Der Pflegereport 2024 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO), der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde, zeigt allerdings, dass der Anteil der Bevölkerung, der pflegebedürftig ist, nicht überall gleich stark steigt. In einigen Landkreisen in Brandenburg ist demnach etwa jede sechste Person pflegebedürftig; im Süden Bayerns sind es teilweise unter vier Prozent. Der Bundesdurchschnitt lag 2023 bei sieben Prozent.

Anstieg stärker als erwartet

Die Studie zeigt außerdem, dass der Zuwachs an Pflegebedürftigen in den wenigsten Landkreisen und kreisfreien Städten tatsächlich dem entspricht, was anhand der demografischen Daten zu erwarten wäre. Von 2017 bis 2023 wären das eine bundesweite Zunahme von 21 Prozent gewesen – tatsächlich waren es aber 57 Prozent.

Susann Behrendt, Leiterin des Forschungsbereichs Pflege, erklärt die großen Unterschiede zwischen den verschiedenen Regionen auch mit strukturellen Aspekten. Im Osten Deutschlands seien mehr Frauen – die in den meisten Fällen die Pflege Angehöriger übernehmen – voll berufstätig als im Westen. Daher würden dort mehr Menschen ambulante Pflegedienste nutzen. Im Westen des Landes gebe es umgekehrt mehr Menschen, die Pflegegeld erhalten.

Die regionalen Unterschiede zeigen, dass man bei der Planung der Pflege vor Ort in den Kommunen anfangen müsse, sagte die Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, Carola Reimann. Caring Communities – auf deutsch in etwa „Sorgende Gemeinschaften“ – nennt sich der Ansatz, den der AOK Bundesverband vorschlägt. Dabei sollen vor Ort Netzwerke an ehrenamtlichen Helfern aufgebaut werden, die Pflegebedürftige unterstützen, so dass diese möglichst lange in ihrer gewohnten Umgebung leben können. Die Ehrenamtlichen sollten die professionelle Pflege nicht ersetzen, sondern ergänzen, betont Reimann.

Zentren für Senioren

Als Beispiel für eine Caring Community nennt der AOK Bundesverband die Stadt Hannover. „Der Ansatz beginnt an den Wohnorten und drum herum“, sagte die Leiterin des städtischen Fachbereichs Senioren, Dagmar Vogt-Janssen. In den einzelnen Nachbarschaften werden Quartierszentren aufgebaut, in denen Sozialarbeiter und Ehrenamtliche Beratung und Unterstützung im Alltag anbieten. Diese Zentren sollen gleichzeitig Orte für Begegnung und Bildung sein.

Laut einer von der AOK in Auftrag gegebenen Forsa-Umfrage, bei der 2000 Personen, darunter 1000 aus der Babyboomer-Generation, befragt wurden, gaben knapp zwei Drittel der Babyboomer an, sie könnten sich grundsätzlich vorstellen, ehrenamtlich Pflegebedürftige zu unterstützen. Neun Prozent gaben an, dies bereits zu tun. Zu den Tätigkeiten, die die Befragten gerne übernehmen wollten, gehören vor allem Einkaufen und Begleitung bei Freizeitaktivitäten, Behördengängen und Arztbesuchen, und weniger Hilfe im Haushalt, wie etwa beim Kochen oder Putzen.

„In Deutschland gibt es ein gut ausgebautes Netz an Freiwilligen und die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren“, sagte Reimann. „Das sind Ressourcen, die wir nutzen sollten.“ Die Generation der Babyboomer, die nach und nach in den Ruhestand geht, soll damit nicht nur eine Herausforderung für das Pflegesystem, sondern auch eine Chance sein. Kommentar

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