USA RHEINPFALZ Plus Artikel Persönliche Eindrücke: Das angekratzte amerikanische Selbstbewusstsein

Am Zaun vor dem Weißen Haus: Das Poster mit dem Flugzeug spielt auf die Malaise junger Amerikaner an, die wegen pauschaler Reise
Am Zaun vor dem Weißen Haus: Das Poster mit dem Flugzeug spielt auf die Malaise junger Amerikaner an, die wegen pauschaler Reiseverbote ihre Partner in Europa nicht besuchen können, sofern sie nicht mit ihnen verheiratet sind.

RHEINPFALZ-Korrespondent Frank Herrmann hat nach seiner Zwangspause in Europa und der hürdenreichen Rückkehr über Istanbul in die USA ein verändertes Land vorgefunden. Ein Land, das sich stets als das beste, fortschrittlichste der Welt verstanden hat. Was ist daraus geworden?

Mit Helden hatten sie es hier schon immer. Freitags konnte man sich darauf verlassen, dass in den Abendnachrichten von ABC, einem der großen Fernsehsender, ein „hero of the week“ vorgestellt würde. Mal war es der Pilot eines Hubschraubers, dessen Besatzung nach einem Hurrikan Menschen zu Hilfe kam, die sich auf die Dächer ihrer überfluteten Häuser gerettet hatten. Mal war es der Lehrer, der eine querschnittsgelähmte Viertklässlerin huckepack trug, damit sie an einer Klassenfahrt, einer Wanderung durch eine Felslandschaft, teilnehmen konnte. Mal war es der Enkel, der mit seiner 85-jährigen Oma von Nationalpark zu Nationalpark fuhr, auf dass sie auf ihre alten Tage die Naturwunder Amerikas kennenlerne. In der Epidemie aber hat das mit den Helden inflationäre Ausmaße angenommen, auch im Stadtbild von Washington.

„Hier arbeiten Helden“, steht in blauen und roten Lettern vor einer Arztpraxis. „Helden tragen Orange“, grüßt es auf einem bettlakengroßen Spruchband vom Balkon eines Altersheims, das zu einer Kette namens Sunrise gehört, in deren Firmenlogo eine orangerote Sonne aufgeht. So aufgesetzt das auf Außenstehende wirken mag, hier gehört es zum Pflichtprogramm, erst recht in einer Krise. So wie auch auf Danksagungen gesteigerter Wert gelegt wird.

Amerikanische Höflichkeit

Man dankt, den Spruch habe ich neulich an einem Autoheck gesehen, über die gesamte Breite der Scheibe, den Lehrern einer bestimmten Grundschule für ihre Arbeit, auch wenn hier vorerst nur an virtuellen Unterricht zu denken ist. Man dankt den Taxifahrern, den Briefträgern, den Kassiererinnen, den zumeist jungen Einkäufern, die mithilfe einer App namens Instacart Älteren, die sich nicht in einen Supermarkt trauen, die Lebensmittel an die Wohnungstür bringen. „Thank you, truck drivers, doctors, nurses“, ist auf einer Sperrholzplatte in meiner Straße zu lesen. Wenigstens die amerikanische Höflichkeit, die sich so wohltuend unterscheidet vom ruppigen Alltagston mancher mitteleuropäischen Großstadt, scheint auch in der Pandemie keinen Schaden genommen zu haben.

Washington – eine Stadt in der Krise

Ich bin seit vier Wochen wieder in Washington, nachdem ich aus familiären Gründen nach Berlin musste und mir retour nichts anderes übrig blieb, als den Umweg über ein Land zu nehmen, das nicht im Schengenraum liegt. Nicht in jenem Teil Europas, den Donald Trump als epidemiologisch so gefährlich einstuft, dass er Menschen, die sich in den 14 Tagen vor dem Flug in die USA dort aufgehalten haben, die Einreise verwehrt.

Also verbrachte ich zwei Wochen in Istanbul und flog von dort nach Washington weiter, wo mich eine Grenzbeamtin am Dulles-Flughafen mit einem netten „You’ve made it“ weiter schickte, nachdem sie meinen Pass gestempelt und die imaginäre Schranke geöffnet hatte. „Sie haben es geschafft“: Es klang so aufmunternd, dass man sich wirklich willkommen geheißen fühlte, was an amerikanischen Grenzschaltern nicht immer der Fall ist. Was ich seither erlebe, ist eine Stadt in der Krise, was sich weder von Berlin noch von Istanbul sagen lässt, jedenfalls nicht nach dem äußeren Schein. Es ist eine Nation in einer Phase ungewohnter Verunsicherung, in die sich sogar der eine oder andere Selbstzweifel mischt.

Normalerweise ist dieses Land mit seinen kontinentalen Ausmaßen hinreichend mit sich selbst beschäftigt, sodass es den Rest der Welt nur als Nebenschauplatz wahrnimmt, meist als mehr oder weniger bedauernswertes Kontrastprogramm zur eigenen Erfolgsgeschichte. In normalen Zeiten würden wohl nicht nur Trump-Wähler zustimmen, wenn der Präsident ins Schwärmen gerät: „Wir sind das großartigste, außergewöhnlichste, rechtschaffenste Land in der Geschichte des Planeten.“

Die neue Nachdenklichkeit

Mit der Corona-Krise aber hat das Selbstbewusstsein einen Knacks bekommen. Ich weiß nicht, für wie lange. Gut möglich, dass man schon bald zurückkehrt zur Grundüberzeugung, nach der niemand Amerika das Wasser reichen kann. Aber zumindest für den Moment sind leise Töne zu hören. Laut einer Umfrage der Marktforscher von Ipsos glauben mittlerweile zwei Drittel der US-Bürger, dass andere Staaten bessere Antworten auf das Virus gefunden haben als die eigene Regierung.

Die neue Nachdenklichkeit, sie lässt sich schon bei „Politics & Prose“ erkennen, einer unabhängigen Buchhandlung, die nach dreimonatiger Pause wieder Kunden einlässt. Im Regal mit den Bestsellern steht „America through Foreign Eyes“, ein Buch von Jorge Castaneda, der einst Außenminister Mexikos war, aber auch jahrelang in New York an einer Universität unterrichtete. Ein Blick durch die Brille eines Ausländers, eigentlich wäre so etwas ein Ladenhüter, im Augenblick scheint es einen Nerv zu treffen. Das einst so leuchtende amerikanische Vorbild für den Rest der Welt verliere in rasantem Tempo an Glanz, schreibt Castaneda in dem Buch. Was den Politikstil des Weißen Hauses angehe, so lasse das zunehmend an lateinamerikanische Problemzonen mit autoritären Führungsfiguren denken.

Die „Washington Post“ hat Richard Horton befragt, den Chefredakteur von „The Lancet“, einer in London herausgegebenen Fachzeitschrift für Ärzte. Keine andere Nation, gestand Horton den USA zu, verfüge über eine vergleichbare Konzentration an Forschung, an technischem Know-how, an Spitzenmedizin. Doch ausgerechnet diese Supermacht der Wissenschaft sei kläglich gescheitert an der Aufgabe, ihre Expertise in eine vernünftige politische Antwort auf die Pandemie münden zu lassen. „Warum?“, fragte der Brite und gab eine Antwort, die ich von allen bisherigen Erklärungsversuchen für den überzeugendsten halte. Amerika, sagt er, könne manchmal ziemlich engstirnig sein. „Ich glaube, die Tatsache, dass sich Amerika als das großartigste Land der Erde versteht, bedeutet, dass es sich für unfehlbar hält.“ Deshalb habe man lange nicht ernst genommen, was andere zum Thema Covid-19 an Erkenntnissen gewonnen hatten. Es offenbar nicht für nötig gehalten, von anderen zu lernen.

Maskenlose Corona-Leugner

Roger Cohen, ein Kolumnist der „New York Times“, ging so weit, die Vereinigten Staaten mit dem Libanon zu vergleichen. So wie sektiererische Politikfürsten in Beirut vernünftiges Regieren unmöglich machten, verhinderten die Kulturkriege Amerikas, etwa der zwischen Maskenträgern und maskenlosen Corona-Leugnern, eine kohärente Antwort auf die Seuche.

In meiner Nachbarschaft lässt ein Wahlposter, an dünnen Eisenstangen in den Vorgarten eines Hauses gepflanzt, auf eine gewisse Verzweiflung der Bewohner schließen. „Any functioning adult – 2020“, ist darauf zu lesen. Kein Name, auch nicht der von Joe Biden, Trumps Widersacher. Nur der sehnliche Wunsch, dass der Mann im höchsten Staatsamt, frei übersetzt, seiner Sinne mächtig sein möge. Über die Stimmung in den Weiten der Provinz sagt der plakatierte Sarkasmus freilich nichts, denn Washington DC, wo Trump 2016 gerade mal vier Prozent der Stimmen erhielt, ist bekanntlich– wahlpolitisch gesehen– eine Insel.

Und auch von Kulturkriegen ist in der Hauptstadt nur wenig zu spüren. Man hat nicht den Eindruck, als wäre es eine Frage der Weltanschauung, sich ein Stück Stoff vor Mund und Nase zu binden. Die meisten tun es so selbstverständlich, wie sie auf Abstandsregeln achten, nicht nur im Supermarkt oder der Shopping-Mall, sondern auch auf der Straße. Allein die Fallzahlen, die täglich aufs Neue deprimieren, zwingen zur Disziplin. Auch für die Aufforderung zum Maskentragen gibt es, wie könnte es anders sein, Formeln, die dem Höflichkeitsgebot entsprechen. Etwa diese: „When in public space, hide that beautiful face“ – wenn Du in der Öffentlichkeit bist, verberge das schöne Gesicht.

Vor einer Arztpraxis in Washington: Helden werden hier überall mit aufmunternden Sprüchen gefeiert
Vor einer Arztpraxis in Washington: Helden werden hier überall mit aufmunternden Sprüchen gefeiert
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