Syrien
Moskau gefährdet Hilfslieferungen
Der Landstraße D827 außerhalb der südtürkischen Stadt Reyhanli sieht man ihre weltpolitische Bedeutung nicht an. Die Straße führt durch eine karge Landschaft, bevor sie in Cilvegözü endet, an einem Grenzübergang nach Syrien, der auf syrischer Seite Bab al-Hawa heißt. Dutzende Lastwagen mit Hilfslieferungen der Vereinten Nationen rollen jeden Tag über Bab al-Hawa in die syrische Provinz Idlib, die letzte Rebellenbastion in Syrien nach mehr als zehn Jahren Krieg. Vier Millionen Menschen sind von den Lieferungen abhängig, doch Russland will das Tor schließen und durchsetzen, dass Hilfe nur noch über die Regierung von Präsident Baschar al-Assad verteilt werden darf. Wird der Übergang geschlossen, könnte Assad versuchen, Idlib auszuhungern, befürchten Hilfsorganisationen und westliche Staaten: „Es ist eine Frage von Leben und Tod“, sagte der stellvertretende UN-Botschafter der USA, Jeffrey Prescott, kürzlich über den Plan, Bab al-Hawa zu schließen.
Rebellengebiete geschrumpft
In den ersten Jahren des syrischen Bürgerkrieges richteten die UN und internationale Hilfsorganisationen vier Korridore ein, über die Nahrung, Medikamente und andere Güter zu den Bedürftigen in Rebellengebieten gebracht werden konnten; die Bevölkerung in den von Assad kontrollierten Gebieten wird über Damaskus versorgt. Die militärischen Erfolge der Regierungstruppen seit dem russischen Kriegseintritt 2015 ließen die Rebellengebiete in den vergangenen Jahren schrumpfen. Im Nordwesten Syriens ist Idlib die einzig verbliebene Enklave der Aufständischen. Die Gegend ist zur Zuflucht für Millionen Syrer aus Assads Herrschaftsgebieten geworden.
Schon drei Korridore geschlossen
Russland nutzt seinen Status als Vetomacht im UN-Sicherheitsrat, um die internationalen Hilfskorridore zu schließen. Anfang vergangenen Jahres wurden zwei Korridore gesperrt, wenige Monate später wurde ein weiterer Übergang geschlossen. Seitdem ist Bab al-Hawa das einzige Nadelöhr – doch die Genehmigung für UN-Transporte über Bab al-Hawa läuft am 10. Juli aus.
Die Bedeutung des Übergangs ist kaum zu überschätzen. Die Lastwagen bringen Lebensmittel, Medikamente, Kindernahrung und Schulbücher nach Idlib. Auch die Lieferung von Corona-Impfstoff läuft über diesen Grenzübergang. UN-Generalsekretär Antonio Guterres warnte diese Woche, ohne Verlängerung des Mandats für Bab al-Hawa komme auf die Menschen in Idlib eine Katastrophe zu.