Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Morden im Netzwerk: Wie rechter Terror funktioniert

SchmerzNach den Schüssen von Hanau wurden in dieser Woche die ersten Opfer beigesetzt.
SchmerzNach den Schüssen von Hanau wurden in dieser Woche die ersten Opfer beigesetzt.

Rechtsterrorismus hat andere Strukturen und Methoden als der Terror der „Rote Armee Fraktion“ oder des IS. Auch deshalb fällt es schwer, sein Ausmaß zu erkennen. Einblicke in eine lange unterschätzte Gefahr. Von Kerstin Witte-Petit

Laut dem Bundesverfassungsschutzbericht 2018 gibt es 24.100 Rechtsextremisten in Deutschland. Das ist die in der Geschichte der Bundesrepublik höchste Zahl. Gut die Hälfte davon – 12.700 – gelten als gewaltbereit. Und nur 5500 gehören einer Partei an. Als „Gefährder“, also Personen, denen Terroranschläge zugetraut werden, stuft die Behörde 60 Personen ein. Das ist deutlich mehr als in den Jahren zuvor, aber wenig im Vergleich zu rund 700 islamistischen Gefährdern.

Was lehren die Berichte der Behörde? Seit 20 Jahren sinkt die Anzahl der organisierten Rechtsextremisten in Deutschland, vor allem durch den Niedergang von Parteien wie der NPD. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Gewaltbereiten seit 1990 im Zehnjahrestakt jeweils fast verdoppelt. 1088 Gewaltdelikte wurden 2018 als rechtsextremistisch motiviert gezählt. Viel Gewalt also. Aber wenig Terrorstrukturen, wenn so wenige Gefährder aufgeführt werden. Ist das so? Oder sind sie vielleicht nur unsichtbar?

Strukturen: Bewusst führerlos

Rechter Terror sei oft aus dem Raster der Sicherheitsbehörden gefallen, konstatiert der Potsdamer Extremismusforscher Gideon Botsch: weil gängige Terrorismusdefinitionen von festen Strukturen mit „Kommandozentrale“ ausgingen und Bekennerschreiben wie einst bei der linken „Rote Armee Fraktion“ (RAF) erwarteten. Im Rechtsextremismus sucht man nach beidem oft vergeblich.

Alle bisher bekannten rechten Terrorgruppen seit dem Jahr 2000 – der „Nationalsozialistische Untergrund“, die „Kameradschaft Süd“, die „Gruppe Freital“, die „Oldschool Society“ – empfingen keine Befehle von oben, sondern handelten autonom. Eine Kommandostruktur, wie man sie bei Al-Qaida oder bei größeren IS-Attentaten wie den koordinierten Anschlägen von Paris im November 2015 erlebte, lässt sich bei Rechtsterroristen derzeit nicht erkennen – auch nicht bei den mutmaßlichen Terrorgruppen, bei denen Gerichtsprozesse noch nicht abgeschlossen sind oder gegen die noch ermittelt wird: die „Aryans“, die „Revolution Chemnitz“, die Gruppe „Nordadler“ oder die mutmaßliche Terrorzelle um Werner S., die Angriffe auf sechs Moscheen in unterschiedlichen Städten geplant haben soll und die im Februar ausgehoben wurde.

Rechtsextreme Gruppen können in ihrem Inneren durchaus eine straffe Hierarchie aufweisen. Das gilt zum Beispiel für die militanten Neonazis der Gruppe „Combat 18“, die aus Großbritannien stammt, sich aber in mehreren Ländern ausgebreitet hat und deren deutsche Division vor einem Monat vom Bundesinnenministerium verboten wurde. Insgesamt aber organisiert sich rechter Terror in höchstens lose miteinander verbundenen Zellen. Das ist beabsichtigt.

Das Konzept des „führerlosen Widerstands“ ist maßgeblich von dem amerikanischen Rechtsextremisten und Ku-Klux-Klan-Mitglied Louis Beam entwickelt und 1992 in einem Aufsatz von ihm erläutert worden. Um die „weiße Vorherrschaft“ durchzusetzen, sollten unabhängig voneinander handelnde Zellen oder Einzeltäter – „einsame Wölfe“ – durch terroristische Aktionen das politische System destabilisieren. Eine Infiltration durch staatliche Spitzel könne so immer nur einzelnen Zellen schaden. Anfang der 1990er-Jahre verbreitete die amerikanische NSDAP/AO des Gary Lauck die Schrift „Eine Bewegung in Waffen“, eine Anleitung für den terroristischen Untergrundkampf in Kleinstgruppen. Einer der einflussreichsten deutschen Neonazis seit der Jahrtausendwende, Christian Worch (Gründer der Partei „Die Rechten“), hat später den Ansatz „Organisierung ohne Organisationen“ propagiert, den unter anderem das Netzwerk „Blood & Honour“, der „Thüringer Heimatschutz“ und die rechte Kameradschaftsszene umsetzen. In einem „Handbuch“ von „Blood & Honour“ werden lose Zellen und einsame Wölfe ausdrücklich gelobt.

Methoden: Bewusst wortlos

Die RAF ließ in Bekennerschreiben wissen, warum sie sich berechtigt glaubte, das Leben eines Politikers oder Wirtschaftsführers brutal zu beenden. Der dschihadistische IS brüstete sich mit jedem Anschlag, den einer seiner Anhänger verübte. Der „Nationalsozialistische Untergrund“ (NSU) aber ermordete mindestens zehn Menschen, versuchte weitere 43 Menschen zu ermorden, verübte drei Bombenanschläge und 15 bewaffnete Raubüberfälle – all das über viele Jahre hinweg und ohne auf seine Existenz und seine Motive hinzuweisen. Erst nach dem Tod ihrer NSU-Kumpane 2011 verschickte Beate Zschäpe das menschenverachtende Paulchen-Panther-Bekenntnisvideo. Die erste Zeile darin lautet „Taten statt Worte“.

Neu war das nicht. Hasstaten gegen Minderheiten sind in sich selbst eine „Botschaft der Vernichtung“, wie Terrorismusforscher Sebastian Gräfe schreibt; es braucht keine weiteren Worte, um zu wissen, was gemeint ist. Im Übrigen kann Wortlosigkeit die Verunsicherung noch steigern. Ein Schlüsseltext der Rechtsextremismus-Szene, der Roman „The Turner Diaries“ (1978) des US-amerikanischen Neonazis William L. Pierce, gibt dies schon vor. Pierce bezeichnet dort als ein Hauptziel des Terrorismus, in der Bevölkerung ein Gefühl der Unsicherheit hervorzurufen und ihren Glauben, dass die Regierung die Dinge im Griff habe, zu zerstören. Mit unerklärten und unerklärlichen Terrortaten kann das durchaus gelingen.

Ideologie: Bewusst verängstigend

Rechtsextreme Ideologien sind nicht feststehend, sondern wandelbar. Der auf Hassideologien spezialisierte britische Kriminologe Chris Allen nennt sie ein „Spektrum“. Irgendwie passt da alles rein: Antikommunismus, Antiliberalismus, Rassismus, Antisemitismus, Elitenhass. Je nach Aktualität können sich Rechtsextremisten neue Opfergruppen heraussuchen: Flüchtlinge (je nach Weltgegend Mexikaner, Araber, Afrikaner und so weiter), alle Mitbürger, die irgendwie „fremd“ aussehen, linke „Zecken“, Juden, „volksverräterische“ Politiker, behinderte Menschen, Homosexuelle, Angehörige der „Lügenpresse“ und so weiter. Wie breit mögliche Terrorziele gestreut sind, zeigen einschlägige „Feindeslisten“, die teilweise offen, teilweise aber auch in geschlossenen Internet-Chatgruppen verbreitet werden.

Längst nicht jeder Rechtsextreme kann mit einer geschlossenen, elaborierten Theorie aufwarten. Oft bildet sich aus mehreren „Toxischen Narrativen“ ein Angst erzeugendes Weltbild vom drohenden Untergang der Deutschen, zeigt unter anderen eine vor zwei Jahren erschienene Studie von Johannes Baldauf und Miro Dittrich. Die typischen „giftigen Erzählungen“ handeln davon, dass die Deutschen (womit nicht die Staatsbürger, sondern eine als „rein“ und „weiß“ gedachte Ethnie gemeint ist) durch Einwanderung, Islamisierung und „Multikulti“ in die Minderheit geraten und schließlich ausgelöscht werden („Volkstod“). Besonders weit verbreitet ist derzeit die Verschwörungsideologie vom „großen Austausch“, die ursprünglich vom französischen Autor Renaud Camus stammt. Demnach planen wahlweise eine „Finanzelite“, „die Politiker“ beziehungsweise das „ZOG“ („Zionist Occupied Government“, „Zionistisch besetzte Regierung“), das Volk durch ein anderes zu ersetzen, mit der etwas unklaren Erklärung, dass sich andere „Rassen“ leichter manipulieren ließen. Das Übeleben der „weißen Rasse“ scheint bedroht. Sie muss dringend „gerettet“ werden.

Netzwerk: Bewusst konturlos

Rechtsterrorismus funktioniert über Netzwerke, über verbundene legale und illegale Vereine, Kameradschaften und Gruppen. Dort spielen durchaus einzelne Köpfe eine besondere Rolle, aber als umfassende „Terrororganisation“ kann man solche Netzwerke nicht bezeichnen. Extremismusforscher Daniel Köhler spricht von „Sammelbecken“ und „Ermöglichungsnetzwerken“, die radikalisieren, taktisch schulen und Täter unterstützen. Die Grenzen zwischen gezielter Gewaltanwendung und Terrorismus sind gerade im rechten Bereich fließend. So gelten Neonazi-Kameradschaften wie die „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS) und „Sturm 34“ nicht als terroristische, sondern als kriminelle Vereinigungen – Mord oder Totschlag wurden dort nicht geplant. Die brutalen Überfälle der 30 bis 40 Leute starken Schlägertruppe auf Veranstaltungen, Döner-Imbissstände, Afrodeutsche und Punks in Mittweida, um die Stadt zu „säubern“, dürften dort allerdings durchaus als Terror empfunden worden sein.

Rechtsradikale Radikalisierung und Verabredung zur Gewalt, so eine Studie der Amadeu Antonio Stiftung von Beginn dieses Jahres, passiert derzeit am meisten in geschlossenen Gruppen auf Messengerdiensten. Dort wird Hasspropaganda verbreitet, doch einzelne Gruppen diskutieren auch potenzielle Anschlagziele oder beraten sich beim Waffenkauf. Die Szene ist nicht hierarchisch organisiert, aber online verbunden. Und zwar durchaus international. Täter beziehen sich in Memes und „Manifesten“ über nationale Grenzen hinweg aufeinander.

Einzeltäter: Bewusst verehrt

In diesen Onlinegruppen und abgeschlossenen Chatforen werden Einzeltäter ideologisch munitioniert und bestärkt. Der Norweger Anders B.* war 2011 der erste rechtsextreme Attentäter, der zu medialen Strategien griff. Nach seinen 77 Morden veröffentlichte er ein „Manifest“, in dem er sich selbst als Tempelritter feiert. B. wird in rechtsextremen Online-Communities geradezu verehrt. Seit seiner Tat hieß es in solchen Foren auf 8chan, man müsse am besten ordentlich viele Menschen töten – sonst lacht die Rechtsterror-Szene über einen Täter.

Brenton T., der Attentäter der Moscheen von Christchurch (51 Tote), hat ein neues Stilelement eingeführt, indem er seine Tat live streamte. Seitdem gehören Pamphlete mit Versatzstücken aus den gängigen rechtsextremen Verschwörungsideologien offenbar zum Mindeststandard für Einzeltäter, die sich nach Bewunderung sehnen. Patrick C., der in El Paso beim Anschlag auf einen Supermarkt 22 Menschen tötete, bezieht sich in seinem Text auf den Neuseeländer Attentäter und erklärt, die „lateinamerikanische Invasion“ in Texas stoppen zu wollen. Tobias R., der Attentäter von Hanau (im Februar, zehn Tote), erklärt in seinem Pamphlet gleich, welche Nationen in Gänze vernichtet werden sollten.

Tobias R. wird als „psychisch krank“ beschrieben, weil er „Verfolgungswahn“ gezeigt habe – er hielt sich für überwacht. Mögliche psychische Probleme machen ihn allerdings nicht weniger rassistisch – und nicht jede Verfolgungsidee macht jemanden zum unzurechnungsfähigen Verrückten. Von kruden Theorien wimmelt es in allen Pamphleten rechter Attentäter. Manchmal scheint es geradezu, als träten sie einen Wettlauf um das aufregendste „Manifest“ ein. Es ist ein Wettlauf der ausgelöschten Menschenleben, ein Wettlauf um Ruhm in einer Gemeinschaft von Rassisten, die andere Leben für nicht lebenswert erklären.

* Wir haben uns in diesem Text entschieden, die Namen von Attentätern abzukürzen, um ihrem „Ruhm“ keinen Vorschub zu leisten.

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