Ukraine Mit Gesang den russischen Spitzel entlarven

Der zentrale Platz in Charkiw liegt nach dem Beschuss des Rathauses in Trümmern. Russische Granaten treffen immer mehr zivile Zi
Der zentrale Platz in Charkiw liegt nach dem Beschuss des Rathauses in Trümmern. Russische Granaten treffen immer mehr zivile Ziele in der Ukraine.

In dem seit sieben Tagen andauernden Krieg in der Ukraine bereiten sich die Menschen darauf vor, sich mit Waffen gegen russische Soldaten zu wehren. Doch ist die Angst auch groß, auf russische Zivilisten zu treffen, die als Spitzel für Moskau arbeiten. Um diese zu erkennen, haben viele ihre speziellen Methoden entwickelt

Taxifahrer Pascha aus Kiew hat seinen eigenen Trick, um russische Spitzel zu entlarven. Kommt ihm jemand verdächtig vor, singt er den neusten ukrainischen Hit „Oleiniji, Oleiniji“. „Ich fange an und schaue, ob er weitersingen kann“, sagt Pascha. Stimmt der andere nicht mit ein, ist er nach seiner Logik im Auftrag Moskaus unterwegs.

Seit russische Kundschafter Angriffsziele ausspähen, ist das Misstrauen der Ukrainer groß. Verdächtige werden der Polizei oder der Armee gemeldet. Im Internet kursieren jeden Tag neue Bilder von mutmaßlichen russischen Kundschaftern.

Jeder in Kiew kennt inzwischen die alte List: den Verdächtigen das Wort „Paljanytsa“ aussprechen zu lassen. Ein zu stark betonter Vokal und er ist als Russe enttarnt. Russisch ausgesprochen bedeutet „Paljanytsa“ Erdbeere, ukrainisch meint es das traditionelle Brot. Kein Russe kann angeblich das ukrainische Wort richtig aussprechen.

Frage an den Kontrollpunkten

Die bewaffneten Freiwilligen an den Kontrollpunkten haben sich einen anderen Test ausgedacht. Sie fragen nach der nächsten Filiale der Monobank. Ukrainer wissen, dass es sich um eine Online-Bank handelt, die eben keine Niederlassungen hat.

Im Dorf Irpin nordwestlich von Kiew leben die Menschen in ständiger Angst vor russischen Militärs in Zivil. Die Ortschaft liegt nur wenige Kilometer vom Antonow-Militärflughafen entfernt, wo in den ersten Stunden der Invasion russische Fallschirmjäger mit Hubschraubern gelandet waren. Einige der Soldaten versteckten sich in den Wäldern, berichten Einwohner. „Das sind Leute, die wie Einheimische aussehen, aber anfangen, auf uns zu schießen“, sagt der Bankangestellte Andriji Lewantschuk. Eine Spezialeinheit des ukrainischen Militärs ist inzwischen vor Ort und versucht die Angreifer aufzuspüren.

Geheimdienstzellen in Ukraine

Ihr Kommandant Viktor Tschelowan berichtet von Gruppen von Saboteuren der „russischen Sondereinsatzkräfte, die versuchen, das tägliche Leben in unseren Städten und Dörfern zu destabilisieren“. Bereits vor dem Krieg habe es Zellen des russischen Geheimdienstes und des Militärgeheimdienstes GRU in der Ukraine gegeben, welche die Invasion vorbereitet hätten, sagt Tschelowan. Eine dritte Gruppe von Agenten habe „das einzige Ziel, ukrainische Führer zu töten“.

„Das russische Spionagenetzwerk wurde vor Jahren aufgebaut. Wir haben es noch nicht eliminiert, es gibt noch viel zu tun“, sagte der nationale Sicherheitsberater Oleksij Danilow vergangene Woche der US-Zeitung „Wall Street Journal“.

Russische Saboteure gefangen genommen

Seit Kriegsbeginn überschwemmt das ukrainische Innenministerium die Medien täglich mit Bildern gefangener russischer Saboteure, wie zum Beispiel einem Mann, der mit einem Rucksack voller Sprengstoff in einem Einkaufszentrum in Kiew festgenommen wurde.

Laut Mykola Beleskow, einem Militäranalysten am Nationalen Institut für Strategische Studien in der ukrainischen Hauptstadt, versucht Moskau „verschiedene Hebel zu kombinieren, von Luftschlägen über Artillerie bis hin zu diesen eingeschleusten Kommandos, die im Wesentlichen ein Mittel sind, um den sehr langsamen Vormarsch ihrer Truppen zu unterstützen“.

In Kiew werden diese Saboteure überall vermutet. Sie sollen nachts Rasenflächen verminen und die Dächer von Gebäuden markieren. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht. Dennoch schüren sie das Misstrauen in der Bevölkerung bis hin zu einer gewissen Paranoia.

Mehr zum Thema
x