Politik RHEINPFALZ Plus Artikel Missbrauchs-Gutachten in Köln: Der Kardinal schweigt

Wollte eigentlich vorbildlich und transparent aufklären: Rainer Maria Woelki.
Wollte eigentlich vorbildlich und transparent aufklären: Rainer Maria Woelki.

Eine Online-Petition „gegen Vertuschung“, ein Brandbrief von Kölner Pfarrern und die Rebellion der Laien – Rainer Maria Woelki hat das Vertrauen der Basis verloren. Der Kölner Erzbischof manövriert sich ins Abseits.

Aus dem Versuch, die Missbrauchsgeschichte im Erzbistum Köln aufzuklären, ist ein Scherbenhaufen geworden. Die Gläubigen im größten deutschen Bistum kündigen dem Erzbischof offiziell das Vertrauen und die Zusammenarbeit auf. 34 Pfarrer schreiben an Rainer Maria Woelki, weil sie die Aufarbeitung der Missbrauchsvorwürfe durch die „Bistumsleitung“ verärgert und verstört. Sie beklagen einen „Glaubwürdigkeits- und Vertrauensverlust“ in ihrer Arbeit. Die Geistlichen schildern dem Kardinal ihre „immer stärkere innere Distanzierung“ von der Bistumsleitung und sprechen von einem zunehmenden Loyalitätskonflikt.

Der Diözesanrat, das oberste Gremium der katholischen Laien im Erzbistum Köln, ging Ende vergangener Woche auf Distanz zu dem Kardinal – mit deutlichen Worten: „Der Erzbischof von Köln hat als moralische Instanz versagt und zeigt bis heute keine Haltung.“ Die katholische Basis kündigt ihm die Gefolgschaft bei einem seiner wichtigsten Projekte auf. Es geht darum, wie das Erzbistum und vor allem die Pfarreien bis zum Ende des Jahrzehnts aufgestellt sind. Heißt: Wie viele Pfarreien und wie viele Seelsorger wird es in Zukunft noch geben.

Woelki stoppte die Veröffentlichung

Die Misere begann im Jahr 2018 mit einem großen Versprechen. Der Kölner Erzbischof wollte die Missbrauchsfälle in seinem Bistum aufarbeiten lassen, vorbildlich und transparent. Dabei sollten auch Namen von Verantwortlichen und Vorgesetzten genannt werden. „Nur wenn wir ehrlich und aufrichtig sind, wird uns wieder Vertrauen geschenkt“, so Woelkis Credo. Die unabhängigen Juristen der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl wurden mit der Untersuchung beauftragt.

Im Frühjahr des vergangenen Jahres sollte das Gutachten vorgestellt werden. Woelki stoppte jedoch die Veröffentlichung. Die Begründung: Die Studie „verfehlt die Mindeststandards einer juristischen Begutachtung in mehrfacher Hinsicht“. Woelki gab umgehend bei einem Kölner Strafrechtler ein neues Gutachten in Auftrag.

Kein Problem mit der Arbeit der Münchner Kanzlei hatte hingegen das Bistum Aachen. Die dortige Bistumsleitung machte die Untersuchung der Juristen öffentlich. Das Papier nennt die Namen derjenigen, die die Missbrauchsfälle jahre- und jahrzehntelang vertuscht haben.

Erzbistum Köln lehnte Vorschlag ab

Die Münchner Anwaltskanzlei hat inzwischen dem Kölner Erzbischof angeboten, das Gutachten selber auf ihrer Homepage zu veröffentlichen und dafür „die alleinige und volle Verantwortung“ zu übernehmen. Das Erzbistum Köln lehnt den Vorschlag ab.

Was aber hat Woelki veranlasst, ein fertiges Gutachten in der Versenkung verschwinden zu lassen? Nimmt er doch Rücksicht auf hohe Würdenträger? Der Hamburger Erzbischof Stefan Heße – früher Personalchef in Köln – soll in der Untersuchung nicht gut weggekommen sein.

Und dann steht noch der Vorwurf im Raum, Woelki soll einen Missbrauchsfall aus den 1970er Jahren vertuscht haben. Der Kardinal soll im Jahr 2015 von dem Missbrauch durch einen Priester erfahren, den Vorfall aber nicht, wie vorgeschrieben, dem Vatikan gemeldet haben. In diesem Fall hat Woelki Papst Franziskus gebeten, zu prüfen, ob er eine Pflichtverletzung nach Kirchenrecht begangen hat.

Der Erzbischof hat das Vertrauen aber nicht nur durch das Zurückhalten des Gutachtens verspielt, er sorgt auch sonst für Negativschlagzeilen. Der Katholischen Hochschulgemeinde in Köln wurde zeitweise die Internetseite abgeschaltet, nachdem sie ein Positionspapier mit Kritik an der Kirche veröffentlicht hatte. Einem Pfarrer, der Woelki kritisiert hatte, kündigte das Erzbistum dienstrechtliche Konsequenzen an. Nahm später aber die Ankündigung wieder zurück.

Kurze Stellungnahme in der Christmette

Und wie reagiert der Kardinal? Zu all dem hat man von ihm wenig oder gar nichts gehört – bis auf eine kurze Stellungnahme in der Christmette. Darin bat er die Gläubigen um Verzeihung dafür, dass sie ständig Kritik an ihrem Erzbischof erdulden müssten. Selbst Mitbischöfe gehen inzwischen auf Distanz. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, spricht von einem Desaster.

Der Vertrauensverlust wird noch an einer anderer Stelle deutlich: Im Erzbistum Köln steigt die Anzahl der Gläubigen, die die Kirche verlassen wollen, täglich. Abzulesen ist das an den Online-Terminbuchungen beim Amtsgericht für Austritte. Bis April sind alle Termine vergeben.

Mehr zum Thema
x