Politik Migranten: Die neue Balkanroute

Die Balkanroute, über die 2015/16 so viele Flüchtlinge in die EU kamen, ist geschlossen – offiziell. Aber es gibt weiterhin Migranten auf dem Balkan. Sie suchen sich Schleichwege durch die Berge – wo die Temperaturen derzeit auf zehn Grad minus sinken.
Wie Nadelstiche fühlt sich der Eisregen an, der über Trebinje in Bosnien niedergeht. Am Stadtrand ein halb fertiges Gebäude, im Erdgeschoss Reste eines Lagerfeuers, zwei leere Plastikflaschen, abgenagte Hühnerknochen. „Gestern Abend waren sie noch hier“, sagt Zlatko, der für „Oslobodenje“ arbeitet, die Tageszeitung der Ostherzegowina. „Der Bauherr wird sie davongejagt haben. Oder die Polizei hat sie mitgenommen.“ Sie, das sind Flüchtlinge, die illegal nach Bosnien-Herzegowina eingereist sind. In diesem Jahr waren es bisher 651 – viermal so viele wie 2016. Zwar ist die Balkanroute von Griechenland über Mazedonien und Serbien nach Europa offiziell geschlossen. Inoffiziell, so Sanela Dujkovic, die Sprecherin der bosnischen Grenzpolizei, funktioniere sie weiter. Weil sie gefährlich geworden sei, suchten die Migranten Alternativen. Die neue Balkanroute führe daher von Griechenland über Albanien und Montenegro nach Bosnien. Von dort aus würden die Flüchtlinge versuchen, Kroatien und damit EU-Gebiet zu erreichen. Die Erfolgschancen sind, was sich offenbar noch nicht herumgesprochen hat, eher gering. Kroatien, wo der Tourismus der wichtigste Wirtschaftszweig ist, drängt mit Macht in den Schengenraum, in dem es keine Grenzkontrollen gibt. Daher sind die Kontrollen an Kroatiens Grenzen zu Serbien, Bosnien und Montenegro, die gleichzeitig EU-Außengrenzen sind, schon jetzt scharf. Patrouillen, ausgerüstet mit modernster Technik und Spürhunden, durchkämmen das Unterholz auch in schwierigem Terrain im Zehn-Minuten-Takt. Ihre Aufgabe ist es, potenzielle Grenzverletzer zurückzuschicken, noch bevor sie kroatischen Boden betreten. Derzeit vor allem nach Bosnien. Dort waren schon im Sommer mehrere Hundert gestrandet, Behörden und Hilfsorganisationen überfordert. Das droht jetzt erst recht. Bosnien ist bitterarm und zurzeit auch bitterkalt. In den Bergen an der Grenze zu Montenegro liegt die Temperatur tagsüber am Gefrierpunkt, nachts um minus zehn Grad. Dort aber werden derzeit die meisten Migranten aufgegriffen: Syrer, Iraker, Algerier, Libyer, Pakistani und Afghanen. Zu Fuß ziehen sie zunächst durch wegloses Gelände abseits der Fernverkehrsstraßen. Manche versuchen sogar, mit morschen Fischerkähnen die eiskalte Drina zu überqueren oder auf offene Güterwagen aufzuspringen und sich im Schüttgut zu verstecken.