Moskau RHEINPFALZ Plus Artikel Mein Leben in einem falschen Frieden

An vielen Orten im Moskauer Stadtzentrum sind Installationen mit dem Buchstaben Z aufgebaut. Das Z-Symbol gilt als Zeichen der U
An vielen Orten im Moskauer Stadtzentrum sind Installationen mit dem Buchstaben Z aufgebaut. Das Z-Symbol gilt als Zeichen der Unterstützung für die russischen Truppen in der Ukraine.

Mit dem 24. Februar 2022 änderte sich auch das Leben unseres Moskau-Korrespondenten schlagartig. Hier beschreibt er, wie aus einer bösen Vorahnung Wirklichkeit wurde.

Am Morgen wache ich vom emsigen Gepiepse des Handys auf, draußen hängt hellgrauer Winterhimmel über dem verschneiten Moskau. Es ist Donnerstag, der 24. Februar 2022. Ich werfe einen flüchtigen Blick auf mein Handy. Eine Bekannte, eine Musiklehrerin aus Omsk schreibt mir: „Ich kann es nicht glauben …“ Eine böse Vorahnung befällt mich: Es ist Krieg!

Es folgen Tage und Nächte, in denen ich mich fieberhaft durch russische und ukrainische Nachrichtenkanäle auf Telegram arbeite, durch Bilder abstürzender Hubschrauber, in Plattenbauten einschlagender Raketen, Bilder toter Soldaten und Zivilisten. Und jeden Morgen wache ich aufs Neue in einem Albtraum auf: Die Ukraine ist ein Schlachtfeld geworden; und das russische Publikum draußen machte unbeteiligte Gesichter.

Journalist eines „unfreundlichen“ Landes

Ich lebe in Moskau, ich lebe in einem falschen Frieden und als Journalist eines „unfreundlichen“ Landes auf der falschen Seite der Front. Oder zwischen den Fronten. Meine Frau ist Russin, meine Töchter kamen in Tscheboksary an der Wolga zur Welt, aber die jüngere haben wir in Kiew getauft. Früher habe ich die Moskauer damit gefoppt, Kiewer Bier sei besser.

Ich habe die Russen immer gemocht. Jenseits der Politik waren sie fröhlich, optimistisch, vielleicht etwas großspurig, ein sogenanntes junges Volk. Russen lieben das Leben. Die Ukrainer auch. Jetzt aber wehren sich die Angegriffenen wütend gegen die Angreifer; beide Seiten töten und hassen einander.

Seit einem Jahr ziehen sich die Kämpfe in der Ukraine hin, auch in Kiew gibt es längst wieder Alltag. Viele Szenen in beiden Hauptstädten gleichen sich. Aber wenn auf einem Kiewer Spielplatz eine junge Mutter mit ihrem Kind um die Wette rennt, hat das etwas Tapferes. Über Moskaus Spielplätzen schwebt eine andere Fröhlichkeit, mit Gleichgültigkeit und Ignoranz versetzt: Als wäre nichts passiert. Erschütternd viele Russen wollen nichts wissen von der Not und dem Tod in der Ukraine.

„Für dich sind wir ja sowieso Untermenschen!“

Auch gute Bekannte und alte Freunde scheinen Krieg als blutige Verlängerung russischer Nationalsportarten zu betrachten. Ich begegne hier mehr selbst ernannten Propagandaministern als in Deutschland Fußballtrainern. Die Ukrainer, sagen sie, sind Neonazis und ihr Westler seid Nazis: „Ihr wollt uns unsere Bodenschätze abnehmen, unsere Erde, unser russisches Selbst. Schon immer und jetzt erst recht.“

18 Jahre war ich mit Mischa befreundet, einem Klempner aus Twer, einer Großstadt nordwestlich von Moskau. Wir spielten Schach, meine Töchter vergötterten ihn für seine Kunst, auf den Händen durch die Wohnung zu laufen. Aber vergangenen März krönte er mehrere böse Wortwechsel mit der Anschuldigung: „Für dich sind wir ja sowieso Untermenschen!“ Viele Freunde habe ich seit dem 24. Februar 2022 verloren. Die einen sind ins Ausland geflohen. Die anderen sind nicht mehr meine Freunde. Dafür lerne ich neue Leute kennen, die den Mut haben, eins und eins zusammenzuzählen. Es sind wenige, aber es gibt sie.

Unbekannte, die meinen ausländischen Akzent hören, reagieren meist erstaunt, bleiben höflich. Ein Vertreter des Moskauer Innenministeriums kommt ins Plaudern: „Wollen Sie nicht die russische Staatsbürgerschaft beantragen? Sie könnten auch ins Feld ziehen und direkt aus unseren Schützengräben berichten.“

Überall suche ich Anzeichen dafür, dass sich etwas bewegt

Als „unfreundlicher“ Korrespondent habe ich jetzt mehr Papierkrieg. Akkreditierung und Visum sind kein Jahr mehr, sondern nur noch drei Monate gültig. Alle paar Monate wird jemandem die Verlängerung der Akkreditierung verweigert, erst einer dänischen Kollegin, kürzlich einer Finnin. Im März wurde ein Gesetz erlassen, das für die „Diskreditierung“ der Armee bis zu 15 Jahre Haft vorsieht. Neben den meisten oppositionellen russischen Journalisten haben amerikanische und britische Kollegen das Land verlassen.

Ich hoffe trotzdem, suche überall in Russland Anzeichen dafür, dass sich etwas bewegt. Ab und an sehe ich T-Shirts mit der Aufschrift „Antihero“ oder „USA“. Manchmal gibt es Begegnungen, die mich optimistisch stimmen: „Wie gut, dass Sie noch da sind!“, lächelte mich eine Frau in einem Twerer Treppenhaus an, die ich vor drei Jahren einmal gesehen habe. Und dann gesteht sie: „Glauben Sie mir, wir begreifen auch, was passiert.“ Zu Beginn der Mobilmachung ließen sich im September ein paar hundert Tapfere bei Straßenprotesten einsperren. Moskaus Kneipen leerten sich sichtlich. Aber inzwischen sind die Kneipen wieder gut gefüllt.

Nun ist wieder Februar

Momente wahren Glücks gab es auf der anderen Seite der Front. Am 11. November eroberten die Ukrainer die über acht Monate von Russen besetzte Großstadt Cherson zurück. Die Telegram-Kanäle auf meinem Moskauer Notebook zeigten Fahnen schwenkende, vor Freude lachende und weinende Menschen. Wenn die Russen nur zusähen, dachte ich, sie müssten sich an die Jubelszenen vor 80 Jahren in den von den Nazis befreiten russischen Städten erinnern. Sie müssten begreifen: Dieses Land, diese Nachbarn wollen nicht von Russland befreit werden, für sie sind die Russen die Besatzer. Während ich so vor meinem Notebook sitze, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie meine Frau die Tür zu meinem Zimmer schließt. Das fremde Glück, das in den Videos über meinen Bildschirm flimmert, ist ihr zu laut geworden.

Nun ist wieder Februar. Februar 2023. Draußen hängt der Winter wieder grau über Moskau. Fußgänger trampeln schmutzige Pfade in den Neuschnee, mit Gesichtern voller Alltag. Sie wirken so, als gäbe es das große Sterben in der Ukraine noch immer nicht. Auch deshalb wird dieses Sterben weitergehen. Ein Staat, der von solchen Leuten bewohnt wird, kann sehr lange Krieg führen.

Stefan Scholl (60) arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten als Korrespondent in Russland und lebt mit seiner Familiein Moskau.
Stefan Scholl (60) arbeitet seit mehr als zwei Jahrzehnten als Korrespondent in Russland und lebt mit seiner Familiein Moskau.
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