USA
Lieber im Klassenzimmer als nur im Weißen Haus
Von Frank Herrmann, Washington
Worauf sich der Secret Service einstellen muss, wenn Jill Biden als First Lady im Weißen Haus residiert, lässt sich erahnen, wenn man an die Jahre 2009 bis 2017 zurückdenkt. Damals war sie die Second Lady – die Gattin des Vizepräsidenten Joe Biden – und blieb trotz des hohen Amtes ihres Mannes eine berufstätige Englischlehrerin.
Am Northern Virginia Community College, wo die inzwischen 69-Jährige immer noch tätig ist, mussten die obligatorischen Personenschützer alles tun, um nicht weiter aufzufallen. Anzüge zu tragen war tabu, lässige Kleidung erwünscht. Die Bodyguards mussten so diskret wie möglich auf dem Flur sitzen. Den Laptop auf den Knien – so, als wären sie irgendwelche Studenten in einer Pause.
So hat es die Frau, die demnächst den Titel „Flotus“ trägt, First Lady of the United States, selbst einmal erzählt. Man darf bezweifeln, dass nicht trotzdem jeder an dem College wusste, um wen es sich bei den auffällig unauffällig gekleideten Männern handelte. Doch die Tatsache, dass die Second Lady so normal wie möglich sein wollte, wurde augenzwinkernd honoriert. Studenten und Dozenten nannten sie nur Dr. B.
Anders als Michelle Obama
Nun wiederholt sich also das Ganze. Dr. Jill Biden hat klargestellt, dass sie nicht daran denke, ihren Beruf an den Nagel zu hängen, sollte ihr Mann Präsident werden. „Es ist wichtig. Und ich will, dass die Leute zu schätzen wissen, was Lehrer leisten.“ Damit ist die 69-Jährige die erste First Lady, die einer Beschäftigung nachgeht, die nichts mit dem Repräsentieren in der Regierungszentrale zu tun hat. Melania Trump, ihre noch amtierende Vorgängerin, hat sich ganz auf Letzteres beschränkt. Michelle Obama, einer Juristin, die in Harvard und Princeton studiert hatte, merkte man bisweilen an, wie sehr ihr das traditionelle Rollenspiel auf die Nerven ging. Sie musste sich verleugnen.
Jill Biden dagegen hat es in der Zeitschrift „Vogue“ so gesagt: Das Schöne an der Flotus-Rolle sei, dass man diese definieren könne, wie immer man es für richtig halte. Ihre Bodenständigkeit ist ein willkommener Kontrast zu pompösen Selbstinszenierungen der Ära Trump. Als Jill Biden beim Parteitag der Demokraten aus einer Schule zugeschaltet wurde und die bedrückende Stille beschrieb, die wegen der Pandemie in den Klassenzimmern herrsche, klang das ehrlich und glaubwürdig. Solche Nähe zum echten Leben braucht Politik.