Leitartikel
Leitartikel zur Verschiebung der Fußball-EM in den Sommer 2021
Zum Glück hat die Europäische Fußball-Union Uefa gleich Nägel mit Köpfen gemacht. Von Tag zu Tag, von Stunde zu Stunde ist in der jüngsten Vergangenheit deutlicher geworden, dass die Uefa am EM-Zeitraum 12. Juni bis 12. Juli 2020 nicht würde festhalten können. Es ist nicht vorhersagbar, wie sehr die zwölf verschiedenen Austragungsländer in den nur noch rund drei Monaten von Covid-19 betroffen sein werden. So wäre die Gefahr viel größer als ohnehin schon, dass das Virus mit Fans, Funktionären und Mannschaften munter quer durch Europa reist. Das wäre völlig unverantwortlich.
Von Anfang an eine Schnapsidee
Es war von Anfang an eine Schnapsidee, erstmals eine EM in zwölf verschiedenen Ländern auszutragen. Sie bringt vor allem den Teilnehmern an Flugmeilen-Bonusprogrammen Zählbares. Allein der ökologische Fußabdruck, den die Extrem-Reiserei von Anhängern und Teams hinterlässt, muss jedem die Schamesröte ins Gesicht treiben. Was für den Hochleistungssport auf der ganzen Welt gilt, sobald für Spiele, Turniere und Trainingslager Riesendistanzen mit Bus, Auto oder im Flugzeug zurückgelegt werden. Das wird im Sommer 2021 nicht besser sein. Aber wenigstens das neuartige Coronavirus fliegt und fährt hoffentlich nicht mehr oder nicht in dem Maße mit, wie das jetzt der Fall wäre.
Mit Blick auf die Reisen der Fans hat die Uefa schon angekündigt, die Fußballfreunde, die 2021 nicht zum Turnier können, könnten ihre Eintrittskarten und für Sommer 2020 gebuchten Komplettpakete problemlos zurückgeben.
Nationale Ligaspiele müssen Vorrang haben
Es ist zudem überaus wichtig, dass die nationalen Fußballverbände nun einen Puffer bekommen. Die nationalen Ligen haben jetzt mehr Zeit, ihre von Covid-19 völlig durcheinandergewirbelten Pläne bis zum Ende der aktuellen Saison in Ordnung zu bringen. Eine Verlängerung der vorerst unterbrochenen Spielzeit beispielsweise in den beiden deutschen Bundesligen bis maximal 30. Juni ist denkbar. An diesem Tag im Jahr enden in Deutschland gewöhnlich die Verträge der Fußballprofis, auch 2020 laufen pro Klub meist mehrere Kontrakte aus. Die beiden deutschen Topligen könnten ihre arg kurz geratene vorläufige Pause bis 2. April nun noch etwas verlängern.
Klar ist: Die nationalen Liga-Wettbewerbe müssen immer Vorrang haben. Sie sind das Gerüst des Fußballs und der allermeisten anderen Ballsportarten. Sie sind das Brot- und Buttergeschäft. Europäische oder weltweite Wettkämpfe müssen sich nach den Wettbewerben in den einzelnen Ländern richten. Das führt die Coronavirus-Krise selbst den abgehobensten elitären Träumern von noch mehr Reibach deutlich vor Augen.
Fifa will die Klub-WM 2021 verlegen
Dennoch ist es überraschend, dass die Uefa in ihren Krisenkonferenzen am Dienstag so schnell und schnörkellos im Sinne der Vernunft entschieden hat – ungeachtet der kommerziellen Interessen des Weltverbandes: Die Fifa wollte eben im Sommer 2021 ihre erste ganz große Klub-WM spielen lassen und so ein weiteres Millionengeschäft in Gang setzen. Überraschend zügig hat Fifa-Präsident Gianni Infantino nun signalisiert, der Uefa entgegenzukommen und das Vereinsturnier zu verschieben.
Eine beruhigende Botschaft
Die Play-off-Spiele der EM-Qualifikation sollen von Ende März in den Juni verlegt werden. Auch für die letzten Runden der Champions League und der Europa League braucht es noch Lösungen.
Die beruhigendste Botschaft des Fußballs aber in diesen Tagen bleibt: Milliardengeschäft hin oder her – Gesundheit und Vernunft haben noch Vorrang. Diesmal jedenfalls.